Predigt am Sonntag Laetare über Jesaja 66,10-14 von Kerstin Strauch

Liebe Gemeinde,

schnell ist es passiert. Einmal gestolpert, schon hingefallen. Und dann ist da ein Loch in der Hose und das Knie aufgeschürft. Es blutet. Es tut weh. Es sieht nicht schön aus. Die Tränen laufen. Jetzt schnell nach Hause. Zu Mama. Die nimmt mich in die Arme. Setzt mich auf den Stuhl. Holt ein Pflaster und was zum Desinfizieren. Sie versorgt die Wunde. Sie pustet darauf. Bald ist es wieder gut. Sie streicht über den Kopf und hält mich fest im Arm. Es tut nicht mehr weh.

Glücklich, wer so eine Mama hat oder hatte! Wer diese Erfahrung machen durfte. Schmerzen sind weniger schlimm, wenn sie nicht nur mit Medikamenten und Verbänden, sondern mit Zuwendung behandelt werden. „Liebe macht mich gesund““, hat unser Jüngster letztens gesagt, als ihn eine schlimme Erkältung erwischt hatte.

In der Bibel lesen wir: „Gott ist die Liebe.“ (1 Joh 4,16) Diese Worte hat der Schreiber des ersten Johannesbriefes für alle Zeiten festgehalten. Gott ist die Liebe. Mensch gewordene Liebe ist Jesus Christus. Er wendete sich immer wieder Menschen zu, um sie an Leib und Seele gesund zu machen. Heil werden durch Liebe, durch Zuwendung, durch Geborgenheit. Das verspricht uns Gott. Das will er für unser Leben.

Im heutigen Predigttext wird dieses Versprechen als Ursache zur Freude hervorgehoben. Jesaja ruft uns auf:

Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden. (Jes 66,10-14)

Stellen wir uns einmal folgendes vor: Gott als Mutter. Sie umsorgt uns. Sie stillt unsere Sehnsucht und sättigt uns mit allem, was wir brauchen. Wir dürfen einfach immer zu ihr kommen. Bei ihr ist Friede und Geborgenheit. Sie trägt uns auf dem Arm, sie wiegt uns in den Schlaf, sie hält uns auf ihrem Schoß. Gott tröstet uns wie einen seine Mutter tröstet.

Die New Yorker Rabbinerin Margaret Moers Wenig führt dieses Bild in einer ihrer Predigten weiter aus:

„‘Kommt nach Hause‘, will sie zu uns sagen. ‚Kommt nach Hause‘. Aber sie ruft uns nicht an. Denn sie hat Angst, dass wir ‚Nein‘ sagen werden. Sie kann sich die Unterhaltung schon vorstellen: ‚Wir haben so viel zu tun. Wir würden dich ja gerne sehen, aber wir können einfach nicht kommen. Viel zu viel zu tun.‘

Dann schiebt sie ihren Stuhl ein wenig zurück und sagt: ‚Lass mich einen Blick auf euch werfen.‘ Und sie sieht uns an. Und in einem einzigen Blick sieht uns Gott zugleich neugeboren und sterbend. […] In einem einzigen Blick sieht sie unsere Geburt und unseren Tod und all die Jahre dazwischen. Sie sieht uns in unserer Jugend, als wir sie wie ein Idol verehrten und ihr überallhin folgten; als unsere Kratzer und Beulen schnell verheilten […]. Sie sieht uns in unserer Jugend, als wir dachten, es gäbe nichts, was wir nicht könnten. Sie sieht uns in unseren mittleren Jahren, als unsere Energie unbegrenzt war. Als wir uns um das Haus kümmerten, kochten und putzten, die Kinder versorgten, arbeiteten und ehrenamtlich aktiv waren, als jeder uns brauchte und wir keine Zeit zum Schlafen hatten. Und Gott sieht uns in unseren späten Jahren: als wir uns nicht mehr so gebraucht fühlten; als unsere körperlichen Rhythmen, auf die wir uns verlassen hatten, chronisch durcheinandergerieten. Sie sieht, wie wir allein in unserem Zimmer schlafen, in dem sonst zwei schliefen.“[1]

Gott, sie sagt auch zu uns: „Kommt nach Hause!“ Und sie sieht auch dich. Jetzt und früher und in Zukunft. Sieht dich liebevoll und zärtlich.

Dieses Bild lässt Jesaja jubeln: Freuet euch!

Doch der Text endet anders. Er endet mit dem „Zorn an Gottes Feinden“. Es gibt die Knechte, die Gott folgen, seinem Ruf, nach seinem Willen leben wollen. Und es gibt die Feinde.

Es steht uns nicht an zu richten. Das ist Gottes Sache. Und das ist auch gut so. Denn er entscheidet und die Konsequenzen sind seine Entscheidung. Es ist wichtig, auch dieses Bild Gottes zu kennen. Denn Gott lässt sich nicht auf ein Bild festlegen.

In der Fernsehserie „Mütter der Pinguine“[2] geht es um eine polnische Martial Arts-Kämpferin, die Mutter eines Sohnes ist. Als dieser immer mehr Schwierigkeiten in der Schule bekommt, muss sie schließlich einsehen, dass ihr Sohn Autist ist. Sie tut sich mit anderen Müttern benachteiligter Kinder zusammen. Dabei muss sie so manchen Kampf ausfechten, um am Ende für ihr Kind ein gutes Leben zu ermöglichen und ein Stück Gerechtigkeit zu erwirken.

Gott bewirkt Gerechtigkeit auf seine Weise. Wie eine Mutter, die ihre Kinder schützt, kann auch Gott zornig werden auf feindliche Mächte und Gewalt. Auch das ist Gott.

Was heißt das für uns?

Es ist nicht egal, wie wir leben, wofür wir uns entscheiden, wer in unserem Leben eine Rolle spielt und wer nicht. Gott liebt uns – ja, das stimmt! Und gleichzeitig heißt das nicht, dass wir böse und schlecht und ungerecht und gewalttätig sein dürfen, weil er uns ja sowieso immer liebhat und vergibt. Diese falsche Einstellung nannte Dietrich Bonhoeffer „billige Gnade“. Gottes Gnade ist nicht billig. Sie ist teuer erkauft. Durch seine Liebe, die bis ans Kreuz reicht und weiter.

Jederzeit kann ich zu Gott kommen, mit meinen Schmerzen, mit allen Ängsten, mit allem, was mir weh tut. Gott hält mich, nährt mich und sagt: „Ich will dich trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Amen.

[1] Zitiert nach Alexander Deeg/Andreas Schüle: Die neuen alttestamtentlichen Perikopentexte. Exegetische und homiletisch-liturgische Zugänge, Leipzig 52021, S. 210.

[2] Mütter der Pinguine (Originaltitel: Matki pingwinów), polnische Dramaserie, Netflix 2024.

 

 

 

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