Liebe Gemeinde,
wir leben in einer Zeit, in der uns ständig erklärt wird, wie das Leben eigentlich gelingen soll.
In Büchern, Podcasts und sozialen Medien begegnen uns Menschen, die Antworten geben auf die großen und kleinen Fragen des Lebens.
Manchmal scheint es, als gäbe es für jedes Problem einen guten Rat und für jede
Herausforderung die passende Lösung.
Im Predigttext für den heutigen Sonntag spricht Jesus über Wissen und Vertrauen, über Nähe zu Gott und über eine Einladung, die Menschen seit Jahrhunderten bewegt und bis heute nichts von ihrer Kraft verloren hat.
Wir hören den Predigttext aus dem Matthäusevangelium, Kapitel 11, die Verse 25-30:
„Danach rief Jesus aus: »Ich preise dich, Vater,
du Herr über den Himmel und die Erde!
Denn du hast das alles
vor den Weisen und Klugen verborgen.
Aber den einfachen Leuten hast du es offenbart.
Ja, Vater, so hast du es gewollt!
Alles hat mir mein Vater übergeben.
Niemand kennt den Sohn, nur der Vater.
Und niemand kennt den Vater, nur der Sohn –
und die Menschen, denen der Sohn den Vater zeigen will.«
»Kommt zu mir, ihr alle,
die ihr euch abmüht und belastet seid!
Ich will euch Ruhe schenken.
Nehmt das Joch auf euch, das ich euch gebe.
Lernt von mir: Ich meine es gut mit euch
und sehe auf niemanden herab.
Dann werden eure Seelen Ruhe finden.
Denn mein Joch ist leicht.
Und was ich euch zu tragen gebe, ist keine Last.«“
„Ich preise dich, Vater.“
Mit diesen Worten beginnt Jesus.
Und mein erster Gedanke beim Lesen dieses Textes war: Was für eine Vertrautheit spricht
eigentlich aus diesen Worten?
Denn so einfach sind Beziehungen zwischen Eltern und Kindern ganz oft nicht.
Sie verändern sich im Laufe des Lebens.
Es gibt Zeiten großer Nähe.
Und es gibt Zeiten, in denen man sich nicht versteht, unterschiedliche Wege geht oder
miteinander ringt.
Und das kenne ich auch aus meinem eigenen Leben. Gerade deshalb berühren mich diese
Worte Jesu.
Wenn ich an die Zeit als Jugendlicher zurückdenke, dann gab es Momente, in denen meine
Eltern und ich nicht immer einer Meinung waren. In einigen Diskussionen haben wir ganz unterschiedliche Meinungen gehabt.
Und damals habe ich auf keinen Fall von Vertrautheit, sondern eher von Fremdheit zwischen uns gesprochen.
Heute sehe ich das anders.
Denn gerade durch solche Erfahrungen ist etwas gewachsen. Nicht, weil ich den Konflikt
großartig fand. Wir haben gelernt, einander besser zu verstehen.
Weil ich erfahren habe, dass eine Beziehung auch unterschiedliche Meinungen aushalten kann, solange man die andere Person nicht abwertet und sie ernst nimmt.
Vielleicht berühren mich die Worte Jesu deshalb so sehr.
Denn hier spricht niemand über Gott.
Hier spricht ein Mensch mit Gott.
Ein Mensch, der Gott vertraut.
Ein Mensch, der sich von Gott getragen weiß.
Und vielleicht ist genau diese Vertrautheit der Schlüssel für das, was Jesus anschließend sagt.
Denn unmittelbar danach spricht er von den Weisen und Klugen.
Dabei geht es, glaube ich, nicht um Bildung oder Wissen.
Jesus selbst lehrt, diskutiert und legt die Heilige Schrift aus. Es geht vielmehr um eine
Haltung.
Um Menschen, die meinen, bereits alles verstanden zu haben.
Die genau wissen, wie die Welt funktioniert.
Die keine Fragen mehr haben.
Menschen, die sich von niemandem mehr etwas sagen lassen.
Ich begegne solchen Menschen immer wieder.
In politischen Debatten. In den sozialen Medien. Und auch im christlichen Kontext.
Menschen, die genau wissen, was richtig ist.
Die auf jede Frage eine Antwort parat haben.
Und die selten bereit sind, noch einmal neu hinzuhören.
Wenn ich ehrlich bin, entdecke ich solche Züge manchmal auch an mir selbst.
Auch ich ertappe mich dabei, dass ich mir bei manchen Themen sehr sicher bin.
Dass ich glaube, die Dinge bereits verstanden zu haben.
Dass ich schneller urteile, als zuzuhören.
Vielleicht geht es deshalb in diesen Worten Jesu nicht zuerst um andere Menschen.
Vielleicht geht es auch um mich.
Doch Jesus richtet seinen Blick auf andere Menschen.
Auf diejenigen, die noch fragen können.
Die noch staunen können.
Die nicht auf jede Frage sofort eine Antwort haben.
So verstehe ich die „einfachen Leute“, von denen Jesus hier spricht.
Nicht Menschen mit weniger Wissen.
Nein. Eher Menschen, die offen bleiben.
Menschen, die sich noch etwas sagen lassen wollen. Menschen, die wissen, dass sie nicht
alles allein verstehen und kontrollieren können.
Und genau an diesem Punkt endet Jesus nicht.
Er sagt nicht: Seid einfach offener. Seid bescheidener. Oder hört besser zu.
Stattdessen spricht er eine Einladung aus:
„Kommt zu mir, ihr alle, die ihr euch abmüht und belastet seid.“
Das ist doch so erleichternd!
Denn Jesus lädt nicht die Erfolgreichen ein.
Nicht die Menschen, die alles im Griff haben.
Nicht die, die auf jede Frage eine Antwort kennen.
Sondern diejenigen, die merken, dass sie nicht alles allein tragen können.
Und dann spricht Jesus von einem Bild, das uns heute fremd geworden ist:
Er spricht von seinem Joch.
Viele von uns verbinden damit zunächst etwas Belastendes. Etwas, das man tragen muss.
Doch zur Zeit Jesu war ein Joch vor allem eine Tragehilfe.
Es half dabei, Lasten besser zu verteilen.
Es machte das Tragen nicht schwerer, sondern leichter. Genau das meint Jesus.
Er lädt Menschen nicht ein, eine neue Last auf sich zu nehmen.
Er lädt sie ein, ihre Last nicht länger allein zu tragen. Denn wer aus Gottes Nähe lebt, muss
nicht alles selbst schultern.
Wir sind nicht alleine mit der Verantwortung. Nicht allein mit jeder Sorge.
Wer aus dieser Quelle lebt, muss nicht alles selbst hervorbringen.
Nicht jede Antwort. Nicht jede Lösung. Und nicht jede Sicherheit.
Jesus selbst lebt aus dieser Quelle.
Aus der Nähe seines Vaters.
Aus Vertrauen. Aus Vertrautheit.
Und genau dazu lädt er auch uns ein.
Und genau darin kann die Ruhe liegen, von der Jesus spricht. Nicht darin, dass plötzlich alle Probleme verschwinden.
Nicht darin, dass wir auf jede Frage eine Antwort finden.
Sondern dass wir wissen, wem wir vertrauen können. Dass wir uns getragen wissen.
Wir gehen unseren Weg und vertrauen darauf aus der Quelle zu leben.
Amen.