Predigt am Ewigkeitssonntag (23.11.2025) über Psalm 90 von Kerstin Strauch

Beim Kaffeetrinken danach. Kuchenplatten stehen auf den Tischen. Der Kaffee wird herumgereicht. Der Saal füllt sich mit Trauergästen. „Jetzt sind wir die Nächsten!“, sagt einer. Vor ein paar Jahren war die Mutter gestorben. Heute hatten sie den Vater beerdigt. „Jetzt sind wir die Nächsten.“ Das ist eine nüchterne Feststellung. Er setzt voraus, dass Sterben in einer gewissen Reihenfolge passiert. Nicht immer ist das so.

40 Jahre war Mose mit dem Volk Israel unterwegs gewesen. Eine sehr lange Zeit. Er hatte das Volk durch die Wüste geführt. Die Verantwortung wog schwer auf seinen Schultern. Er war alt geworden. Das Ziel dieser langen Reise war in greifbarer Nähe. Doch Mose stirbt vorher.

„So ist das Leben“, stellt der 90. Psalm fest. Er wird Mose in den Mund gelegt.

Unser Leben währet siebzig Jahre und wenn’s hochkommt, so sind’s achtzig Jahre, und was daran köstlich scheint, ist doch nur vergebliche Mühe; denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.

„Jetzt sind wir die Nächsten!“ Diesen Satz habe ich schon oft gehört. Darauf gibt es unterschiedliche Reaktionen. Beim Kaffeetrinken war zu hören: „Nein, so darfst du nicht denken!“ oder „Naja, aber nicht so schnell!“ und schließlich: „Ach komm, wir trinken auf das Leben!“ Schnell war man bei einem anderen Thema. Über den Tod reden die meisten nicht gerne.

Als Gebet ist der 90. Psalm formuliert. Mit Gott kann ich besser über Dinge reden, die mir sonst schwerfallen, auch über den Tod und meine eigene Endlichkeit. Vielleicht ist das sogar klug.

Ein Gebet des Mose, des Mannes Gottes. Herr, du bist unsre Zuflucht für und für. Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Der du die Menschen lässest sterben und sprichst: Kommt wieder, Menschenkinder! Denn tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache. Du lässest sie dahinfahren wie einen Strom, sie sind wie ein Schlaf, wie ein Gras, das am Morgen noch sprosst, das am Morgen blüht und sprosst und des Abends welkt und verdorrt. Das macht dein Zorn, dass wir so vergehen, und dein Grimm, dass wir so plötzlich dahinmüssen. Denn unsre Missetaten stellst du vor dich, unsre unerkannte Sünde ins Licht vor deinem Angesicht. Darum fahren alle unsre Tage dahin durch deinen Zorn, wir bringen unsre Jahre zu wie ein Geschwätz. Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre, und was daran köstlich scheint, ist doch nur vergebliche Mühe; denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon. Wer glaubt’s aber, dass du so sehr zürnest, und wer fürchtet sich vor dir in deinem Grimm? Lehre uns bedenken, dass wir

sterben müssen, auf dass wir klug werden. HERR, kehre dich doch endlich wieder zu uns und sei deinen Knechten gnädig! Fülle uns frühe mit deiner Gnade, so wollen wir rühmen und fröhlich sein unser Leben lang. (Psalm 90,1-14)

Wir sind vergänglich. Das stellt der Psalmbeter fest. Wir sind vergänglich und nicht göttlich. Diese Verwechslung macht die Sünde aus. Wir tun so als ob, als ob wir nie sterben müssten, als ob wir alle Macht und Kontrolle hätten, als ob… Dabei stellen wir schnell fest: Unser leben vergeht, als flögen wir davon.

Fliegt davon wie die Luftballons, die Sie auf den Liedzetteln abgedruckt sehen. In einem Baum hängen sie fest, haben sich verfangen auf ihrem Weg nach oben. Vielleicht stammen sie von einer Hochzeitsfeier. Fröhlich haben die Gäste sie in die Luft steigen lassen. Die Wünsche für das Paar sollen „oben“ ankommen und Segen bescheren. Oder es sind Luftballons, die Kinder und Erwachsene auf einem Friedhof haben steigen lassen. Ein Verabschiedungsritual. Wir müssen sie loslassen mit allen Wünschen für die Verstorbenen. Wir müssen die Verstorbenen gehen lassen. Dabei tut das so weh: Die Hand öffnen, loslassen, nicht festhalten. Wir können nichts für immer festhalten: die Hand am Sterbebett nicht, die Glücksmomente nicht. Manchmal auch die Liebe nicht, die eigentlich doch ewig sein sollte. Wir sind Menschen. Wir sind vergänglich.

Was aber bleibt? Paulus sagt: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ (1 Kor 13,13)

Das sind drei ganz große Dinge. Der Glaube ist das, was tragen kann. Dieses Vertrauen darin, dass wir in Gottes Hand immer und für immer geborgen sind. Aber auch unser Glaube kann erschüttert werden, gerade wenn wir mit dem Verlust eines Menschen konfrontiert sind. Da geht dem Glauben förmlich die Luft aus, wie einem Luftballon.

„Aber es gibt doch noch Hoffnung!?“, hören wir. Ja, die Hoffnung ist groß und manchmal der letzte Strohhalm. Was wäre, wenn wir keine Hoffnung mehr hätten? „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, sagt man deshalb auch.

„Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“

Liebe, sagt Paulus, ist das allergrößte. Das kann dir niemand nehmen. Die Liebe füreinander, die Liebe die du gibst und die Liebe, die du empfängst. Liebe ist das Größte.

„Wohin geht die Liebe, wenn sie geht?“, sang einst Udo Jürgens. Heute, am Ewigkeits- oder auch Totensonntag, blicken wir der Liebe und dem Leben hinterher. Manche spüren: „Ich hätte doch noch so viel Liebe für ihn oder für sie gehabt!“ Wohin denn jetzt damit? Die Liebe hängt fest zwischen Himmel und Erde und weiß nicht wohin.

Andere hängen selber fest und fragen sich: „War da überhaupt Liebe? Was soll ich eigentlich fühlen?“ Und auch das ist möglich: Zu sagen: „Es ist gut wie es ist. Ich bin geliebt worden. Das hat mich gestärkt. Dafür bin ich dankbar. Ich lasse los.“

„Wohin geht die Liebe, wenn sie geht?“

Die Bibel sagt: Liebe geht nicht. Liebe bleibt.

Sie bleibt wie die Hemden, die noch im Schrank hängen. Frisch gewaschen und gebügelt. Beim Öffnen der Schranktür überkommt sie das Gefühl der Liebe und der Verbundenheit.

Vielleicht ist es aber auch ganz anders. Da gibt es nichts, was sich richtig wie Liebe anfühlte. Dann bleibt das Ringen und Nachdenken um die letzte Begegnung, die letzten Worte. War darin Liebe versteckt. Die Sehnsucht danach bleibt.

Erinnerungen werden verblassen. Leben verändert sich, verändert auch uns. Die Liebe aber bleibt. Bleibt in uns und anderen. Sie überlebt das Leben. Deshalb ist sie die größte unter ihnen.

Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden. HERR, kehre dich doch endlich wieder zu uns und sei deinen Knechten gnädig! Fülle uns frühe mit deiner Gnade, so wollen wir rühmen und fröhlich sein unser Leben lang.

Dieser Sonntag ist kein Wohlfühl-Sonntag. Er verlangt Mut. Wir blicken alle der Tatsache in die Augen, dass wir vergänglich sind, dass auch wir sterben müssen genau wie die, die wir loslassen mussten. Mutig ist das und klug: sich gemeinsam zu erinnern, die Namen zu hören, vielleicht auch zum Grab zu gehen. Gemeinsam, weil wir alle dasselbe Schicksal teilen. Wir sind sterblich.

Doch zum Verzweifeln ist das nicht. Denn die Liebe verbindet uns, untereinander, aber auch mit dem, der gesagt hat: Ich lebe und ihr sollt auch leben!

Es ist ein Geschenk, darauf vertrauen und daran glauben zu können.

In der Hoffnung auf ein „Danach“ leben wir. Gott verspricht es uns. Wir werden auch jenseits des Todes bei ihm aufgehoben sein.

Daher ist die Liebe das größte. Denn sie ermöglicht das Unmögliche. Sie ist stärker als der Tod und schenkt uns ein Leben in Gottes Ewigkeit.

Amen.

(Pfn. Kerstin Strauch, Luisenstr. 3, 66953 Pirmasens – mit einer Idee von Pfn. Sabine Meister, Nürnberg)

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