Predigt am 15. Sonntag nach Trinitatis (25.09.2022) über Galater 5,25-6,10 von Ulrich Hofeditz

 

25 Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln. 26 Lasst uns nicht nach eitler Ehre trachten, einander nicht herausfordern und beneiden.

1 Brüder und Schwestern, wenn ein Mensch etwa von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid. Und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest. 2 Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. 3 Denn wenn jemand meint, er sei etwas, obwohl er doch nichts ist, der betrügt sich selbst. 4 Ein jeder aber prüfe sein eigenes Werk; und dann wird er seinen Ruhm bei sich selbst haben und nicht gegenüber einem andern. 5 Denn ein jeder wird seine eigene Last tragen. 6 Wer aber unterrichtet wird im Wort, der gebe dem, der ihn unterrichtet, Anteil an allen Gütern. 7 Irret euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten. 8 Wer auf sein Fleisch sät, der wird von dem Fleisch das Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, der wird von dem Geist das ewige Leben ernten. 9 Lasst uns aber Gutes tun und nicht müde werden; denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten, wenn wir nicht nachlassen. 10 Darum, solange wir noch Zeit haben, lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen.

Teilen, Gutes Tun, Sich gegenseitig Helfen und Dankbarsein. So die Grundaussage dieses Textes und des heutigen Gottesdienstes. Und ich gehe mal davon aus, es wird mir hierbei keiner widersprechen, wenn ich sagen würde, dass es sich dabei um ein Verhalten handelt, welches im Allgemeinen erstrebenswert ist.

Allerdings mit dem Blick auf meine persönlichen Lebensumstände kommen mir dann da schon Zweifel, ob ich das wirklich alles leisten vermag. In den letzten Wochen kam erst der Brief vom Gasversorger. Preisaufschlag. Nun wird es doppelt so teuer. Ach ja, ich erinnere mich, der Krieg in der Ukraine. Deswegen wird ja das Gas teurer und wahrscheinlich auch der Strom. Der Sprit ist ja auch schon wieder so teuer geworden. Und dann ist da auch noch die allgemeine Grundversorgung. Alles so viel teurer, als noch vor dem Krieg.

Und wenn wir schon davon sprechen. Der Krieg ist ja jetzt auch keine Kissenschlacht. Da sterben viele Menschen, Ukrainer und Russen. Viele werden verletzt und müssen versorgt werden. Und die Zerstörung der Infrastruktur. Das muss ja auch wieder aufgebaut werden. Am besten noch mit Geldern aus der EU und das sind ja auch wieder meine Steuern, die Fehlen dann doch auch hier.

Und das aller Schlimmste habe ich noch gar nicht erwähnt. Was ist, wenn die Kriegsparteien ein Atomkraftwerk beschießen. Dann kommen nicht noch mehr Flüchtlinge, sondern die Radioaktivität könnte sich auch hier niederschlagen. Und was ist, wenn Russland glaubt, dass sich Deutschland aktiv am Krieg beteiligt, dann… Und… Und… Und…

Also ich schaff das weder mit dem Teilen, noch mit dem Gutes tun, noch mit dem Helfen und schon gar nicht kann ich in einer solchen Situation dankbar sein. Das ist einfach zu viel verlangt und auch nicht angemessen.

 

Liebe Gemeinde,

ich habe einmal gewagt, die vielen Aussagen, die mir in den letzten Wochen begegnet sind etwas zusammenzustellen. Und ich will gar nicht die Zeitungsartikel der letzten Monate, die ich gelesen habe, aufführen, die einen ähnlichen Tenor aufwiesen. Und dann komme ja auch noch die Ereignisse der letzten Tage hinzu.

Wir leben aktuell von einer Krise zur nächsten. Klimakrise, Corona-Pandemie, der Krieg in der Ukraine und nicht zu vergessen, was alles sonst noch so ansteht.

Und es ist ja auch alles nicht falsch, was wir hören, lesen und erleben. Ich will die Situation auch gar nicht beschönigen. Was mir jedoch dabei manchmal fehlt, ist der Ort zum Aufatmen. Der Ort an dem ich sein kann, ohne dass die Krisen der Welt und die Krisen, die ich in meinem Alltag erlebe, meinen gesamten Tag, 24 Stunden lang, bestimmen. Einen sicheren Ort.

 

Ein solch sicherer Ort soll, mit den Worten des Apostels Paulus, die Kirche sein. Und ich möchte es noch weiter präzisieren, damit der Gedanke nicht an einem Gebäude oder einer Institution hängt: dieser sichere Ort soll da sein, wo Christen und Christinnen zusammen sind. Auf der Arbeit, in einer Hausgemeinschaft, in der Familie und auch in der Kirchengemeinde. Dort, wo wir gemeinsam unser Leben teilen.

Paulus fordert die Gemeinden in Galatien auf, dass wenn ein Mensch einen Fehler macht oder ihm eine Verfehlung unterläuft, dort sollen die Christen ihm helfen wieder auf den richtigen Weg zukommen. Ich lese dort nicht, dass die Christen mit dem erhobenen moralischen Zeigefinger ankommen sollen und die Person zurechtweisen. Auch lese ich nichts davon, dass es heißt, sie mögen die betreffende Person mit Schimpf und Schande aus der Gemeinde jagen und darauf warten, bis dieser reumütig zurückkehrt. Nein, „helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist“.

Das ist wahrscheinlich der schwerste Weg. Jemanden mit Geduld und Sanftmut helfen wieder zurechtzukommen. Seinem Gegenüber immer wieder einzuräumen, dass er oder sie weiterhin Fehler macht. Dass er oder sie ja doch nicht meine Lösung für sich übernimmt, die mir persönlich so viel einleuchtender erscheint.

Und gleichzeitig warnt der Apostel Paulus: „Und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest.“ Nur weil ich meine, dass ich jetzt nicht die Hilfe der andere, Eure Hilfe, brauche, heißt es nicht, dass ich nicht in der Gefahr stehe Fehler zu machen. Nur weil Ihr meine Fehler nicht bzw. noch nicht kennt, heißt es doch nicht, dass ich über jeden Zweifel erhaben wäre.

Gott war gnädige zu uns, als wir noch Sünde waren. Er hat uns angenommen und hat seinen Sohn für uns auf diese Welt gesandt. Gott hat uns in unserem Menschsein mit all unseren Schwächen und Stärken angenommen. Und wenn Gott schon mich angenommen hat, dann darf ich aus dieser Erfahrung heraus auch meinen Bruder und meine Schwester im Glauben annehmen. Geduldig mit ihm oder ihr sein und mit meinen Stärken helfen.

Denn auch das sagt der Apostel Paulus, „Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ Gemeinsam erleben wir die vielen Krisen, die uns hier in Pirmasens treffen. Aber wir erleiden diese Krisen nicht alle gleich. Jemand macht sich vielleicht nicht die Sorgen aufgrund der gestiegenen Preise, weil er eventuell ausreichende finanzielle Ressourcen hat. Eine kann mit dem Krisenrauschen in Medien und Gesprächen gut umgehen, weil sie eine unglaublich starke Psyche hat. Jemand drittes hat überhaupt keine Angst vor einem möglichen Kriegsszenario, weil er zuversichtlich ist, dass Gott die ganze Welt in seiner Hand hält.

Wir haben alle unsere Stärken und in unserem gemeinsamen Leben als Christen können wir so die Last des anderen tragen. Nicht nur, weil es gemeinsam leichter ist, sondern weil es mir an manchen Stellen leichter fällt als meinem Gegenüber. Und dann wiederrum hilft er oder sie mir mit meinen Schwächen.

Werden die Sorgen und Nöte dadurch weniger? Nein, leider, da muss ich Euch enttäuschen. Was sich aber ändern kann ist die Perspektive.

  • Ich bin nicht mehr allein der Schwache, der von allen getragen werden sollte. Ich selber habe meine Stärken und ich darf daher anderen helfen.
  • Ich bin auch nicht mehr allein der Starke, der alle anderen tragen muss. Ich darf auch schwach sein. Ich darf zugeben, wenn ich etwas nicht kann.
  • Ich bin nicht mehr allein. Ich bin in einer Gemeinschaft von Christen und Christinnen. Zusammen können wir dafür sorgen, dass unsere Gemeinschaft jeden Tag ein Stück stärker wird. Ein Stück mehr die Last des anderen tragend.
  • Gemeinsam aber heißt auch, dass wir nicht nur uns in Pirmasens oder in der Johanneskirche sehen, sondern unsere Brüder und Schwestern auf der gesamten Welt, so anders sie auch glauben mögen.
  • Gemeinsam können wir auch die Welt mit ihren vielen Krisen ein Stück besser machen. Woran der Einzelne verzweifelt, können wir gemeinsam jeden Tag in gemeinsamer Stärker durchleben und vielleicht die Welt ein bisschen besser machen. Mit Wort, Tat und Gebet.

 

Ich glaube tatsächlich, dass Gott uns in der Gemeinde einen sicheren Ort gegeben hat. Einen Ort in dem jeder und jede so sein darf, wie er oder sie ist. Mit unseren Zweifeln, Ängsten und Nöten. Nicht nur weil wir wissen, dass mir Gott jeden Tag Kraft für jeden einzelnen Tag gibt, sondern auch weil er mir den Bruder und die Schwester an die Seite stellt, die mich in dieser Gemeinschaft mitträgt und gleichzeitig mir den Bruder und Schwester als Aufgabe mitgibt, sie mit meinen Stärken zu tragen. Und aus dieser Gemeinschaft erwächst unsere Aufgabe in der Welt in der wir leben.

Der Apostel Paulus formuliert dies am Ende unseres heutigen Predigtabschnitts so: „Lasst uns aber Gutes tun und nicht müde werden; denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten, wenn wir nicht nachlassen. Darum, solange wir noch Zeit haben, lasst uns Gutes tun an jedermann…“

Diese Zuversicht, dass die Mühen um das Gute tun nicht umsonst sind, dass Wünsche ich Euch. Nicht dass dies immer einfach sein wird. Nicht dass niemals Sorgen da sein werden oder dass es uns immer nur gut gehen wird. Aber dass wir die Zuversicht haben, dass Gott unser Ringen zu etwas Gutem machen wird.

Und dann werde ich dankbar. Denn es hängt ja doch nicht alles an mir, sondern es hängt an Gott, der uns in eine Gemeinschaft zusammengestellt hat, damit wir gemeinsam zu seinem guten Ziel auf dem Weg sind.

Amen.

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