Predigt am 16. Sonntag nach Trinitatis über 2. Timotheus 1,7-10 von Kerstin Strauch

Durch eine kleine Fensteröffnung fällt ein wenig Licht. Der Morgen graut. Aber es macht eigentlich keinen Unterschied, ob der Tag anfängt oder aufhört. Gefangen hinter dicken Mauern, der Freiheit beraubt, sitzt er schon zum zweiten Mal hinter Gittern. Diesmal wird er das Gefängnis wohl nicht mehr lebend verlassen. Entweder wird er hingerichtet oder er stirbt vorher. Sein Körper ist ausgemergelt, lesen kann er schon lange nicht mehr. Sein Augenlicht wird immer schwächer. Kaum kann er Tag und Nacht voneinander unterscheiden.

Wenn das keine Situation zum Fürchten ist! Vollkommen gefangen, fremdbestimmt, ohne Perspektive sitzt er da. So könnte man denken. Aber so ist es nicht. Ab und an darf ihn ein Freund besuchen. Der bringt nicht mehr mit außer Papier und Feder. Im Kopf ist der Gefangene völlig klar. Seine Gedanken sind nicht gefangen. Sie wollen, sie müssen raus. Und so bringt er zu Papier, was wir im 2. Timotheusbrief lesen:

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit für das Evangelium in der Kraft Gottes. Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt, jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium. (2 Tim 1,7-10)

Es sind Worte von Paulus, die wir hören. Er ist inhaftiert worden, weil sein Auftreten, seine Lehre, seine Mission den Römern zu weit gingen. Das Christentum wird dem Staat gefährlich, denn fordert die Menschen auf, Gott als den einzigen Herrscher über Leben und Tod anzubeten. Außer Gott aber gibt es keine anderen Götter. Und so verweigern Christinnen und Christen den römischen Kaiserkult. Sie wollen und können den Kaiser nicht als Gott verehren. Das geht zu weit! Und dieser Paulus ist einer der Hauptverantwortlichen für die Bewegung, die sich von Jerusalem aus verbreitete. Im ganzen östlichen Mittelmeerraum gibt es mittlerweile christliche Gemeinden. Dagegen müssen die Römer vorgehen. Und so haben sie Paulus gefangenen  genommen. Ihm droht die Hinrichtung. Das weiß er. Lange wird er nicht mehr leben.

Lange wird er nicht mehr leben. Diese Situation könnte ihn zum Verzweifeln bringen.

Wie schrecklich ist die Vorstellung, auf seine Hinrichtung zu warten! Auch heute geht es vielen Gefangenen so. Bei den allermeisten sind schwere Verbrechen die Ursache für das Warten in der Todeszelle. Und doch gibt es auch heute noch Hinrichtungskandidaten, die nach unserem Verständnis keine schweren Vergehen begangenen haben. So oder so bin ich eine Gegnerin der Todesstrafe, aber das ist ein anderes Thema.

Paulus wartet auf seine Hinrichtung. Und man könnte meinen, er hätte Angst. Das wäre allzu verständlich.

Gründe zum Fürchten, Ursachen der Angst gibt es so viele. Das kennen wir. Alles, was nicht in unserer Hand liegt, macht uns oft Angst: terroristische Anschläge, Pandemien, Unwetter und Unfälle. Manche Angst ist unbegründet und doch spüren wir sie und sie macht uns zu schaffen. Wie ein schwerer Stein legt sich die Angst auf unsere Brust. Sie macht das Leben wirklich schwer. Auch wenn wir nicht in der Todeszelle sitzen.

Dort hätte Paulus erst recht Grund, sich zu ängstigen, sich zu fürchten. Stattdessen sagt er voller Überzeugung: Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

Die Angst ist unsichtbar, wie ein Geist, eine negative Kraft, die uns erfasst. Doch diese Kraft kommt nicht von Gott. Sein Geist ist kein Geist der Furcht. Es sind drei andere Energien, in denen sich Gottes Geist entfaltet.

Er hat uns den Geist der Kraft gegeben. Und die Kraft brauchen wir oft. Es ist die Kraft für die Bewältigung unserer Aufgaben, für den nächsten Schritt, für die schwere Prüfung oder das herausfordernde Gespräch, die Kraft, Mut aufzubringen oder etwas zum Guten zu verändern. Nicht umsonst sagen wir auch, wir müssen etwas „verkraften“. In diesem Wort steckt die Hoffnung, dass uns die nötige Kraft geschenkt wird. Paulus aber meint mit dieser Kraft noch etwas anderes: Er zählt auf die Kraft zum Bekenntnis. Er will zu seinem Glauben stehen. Er will nicht leugnen, dass er ein Jesus-Anhänger ist. Er will, dass die Botschaft von Jesus möglichst alle Menschen erreicht. Er fühlt sich getragen von diesem Geist der Kraft.

Zweitens zeigt sich die Energie dieses Geistes in der Liebe. Liebe braucht immer ein Gegenüber. Und Liebe ist so stark, dass sie alles verändern kann. Sie setzt sich gegen Widerstände durch und überwindet Grenzen. Der Lyriker Erich Fried schreibt in einem Gedicht:

Es ist Unsinn, sagt die Vernunft.

Es ist, was es ist, sagt die Liebe.

Es ist Unglück, sagt die Berechnung.

Es ist nichts als Schmerz, sagt die Angst

Es ist aussichtslos, sagt die Einsicht.

Es ist was es ist, sagt die Liebe.

Es ist lächerlich, sagt der Stolz.

Es ist leichtsinnig, sagt die Vorsicht.

Es ist unmöglich, sagt die Erfahrung.

Es ist was es ist, sagt die Liebe.

Gott hat uns den Geist der Liebe geschenkt. In Jesus Christus wird das ganz deutlich. Denn erst durch ihn, wird klar, wie sehr uns Gott liebt. Im Johannesevangelium lesen wir den Spitzensatz: Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. (Joh 3,16) Diese Liebe strahlt aus, auf unser Leben und das Leben anderer. Das bewirkt Gottes Geist.

Und er hat uns den Geist der Besonnenheit geschenkt. Heute haben wir den kleinen Emilio getauft. Welche Wege wird er gehen, welche Entscheidungen wird er zu treffen haben? Als Erwachsene versuchen wir Vorbilder für unsere Kinder zu sein. Das heißt auch, ihnen unsere Werte und Überzeugungen mit auf den Weg zu geben. Was aber zählt für uns im Leben? Was ist uns wichtig?

Gilt für uns der Satz: „Wenn sich jeder um sich selbst kümmert, ist für alle gesorgt.“? Oder denken wir solidarischer, mitfühlender, christlicher? Wo setzen wir uns wirklich für andere ein, wo denken wir über die Grenzen unserer eigenen Wohnung, unserer Familie hinaus? Interessiert es uns, wie es den anderen geht?

Gott hat uns den Geist der Besonnenheit geschenkt. Mit der Erwartung, dass uns dieser Geist gegeben ist, bekommt eine schwierige Entscheidungsfindung eine andere Qualität. Da merke ich: Ich bin nicht allein auf mich gestellt! Ich kann auf Hilfe zählen. Ich habe Kriterien an der Hand, die mir weiterhelfen und außerdem Menschen, auf die ich mich verlassen kann. Schließlich ist Gott da, dem ich das in die Hände legen kann, was ich selbst nicht imstande bin zu lösen. Was für ein Geschenk!

Das hat Paulus erkannt. Darauf zählt er. Er weiß: Gott schenkt diesen Geist. Und er weiß und hat erfahren: Es gibt mehr als das, was wir in dieser Welt erleben. Gott hat Jesus auferweckt. Unser Leben macht mehr aus als die momentanen Erfahrungen. Der Tod beendet es nicht. Wir werden bei Gott geborgen sein, jetzt, in diesem Moment, dann, wenn schwere Entscheidungen vor uns stehen und auch, wenn unser Herz aufhört zu schlagen.

Mit diesem Glauben, mit dieser Überzeugung, kann Paulus alle Furcht ablegen und mehr noch: Menschen durch seinen Glauben ermutigen!

Durch Glauben ermutigen können auch wir. Das müssen keine großen und frommen Veranstaltungen sein. Unser Glaube strahlt aus und ermutigt, wenn wir füreinander da sind, wenn wir unser Handeln am Evangelium messen und darauf vertrauen, dass Gott dabei ist, bei allem, was wir Tun und Lassen. Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

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