Predigt am 18. Sonntag nach Trinitatis (11.10.2020) über 5. Mose 30,11-14 von Kerstin Strauch

Liebe Gemeinde,

haben Sie es gewusst? Die Zehn Gebote haben 279 Wörter. Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung 300 Wörter. Die EU-Verordnung zur Einfuhr von Karamellbonbons 25.911 Wörter. Diese Aufstellung las ich kürzlich und musste dabei schmunzeln. Natürlich stimmt sie nicht. Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung ist länger und eine solche EU-Verordnung gibt es gar nicht. Wie viele Wörter die neueste Corona-Verordnung hat, weiß ich nicht. Ich hab sie nicht gezählt, aber es werden viele sein. Viele Dinge sind lang und kompliziert geregelt. Die Sicherheitsbestimmungen für eine nukleare Anlage lassen sich nicht auf einem Spickzettel zusammenfassen. Das ist klar. Da geht es um Genauigkeiten und auch um Absicherung. Genauso bei Beipackzetteln. Auch juristische Fachliteratur ist sehr ausführlich, behandelt sie doch immer wieder gewisse Eventualitäten und Gesetzesänderungen. Der berühmte Schweizer Theologe Karl Barth ist Verfasser der Kirchlichen Dogmatik, die Generationen von Pfarrerinnen und Pfarrern geprägt hat. Die wenigsten haben sie ganz gelesen. Denn sie umfasst in 13 Teilbänden mehr als 9300 Seiten. Manches ist eben sehr kompliziert – auch in Glaubensdingen.

Das Vaterunser besteht aus 63 Wörtern. Das können Sie gerne nachzählen. Manche Dinge lassen sich kurz und bündig sagen. Sie müssen ihre Wahrheit nicht hinter komplizierten Erklärungen verstecken.

In einer äußerst bedrohlichen Situation, mitten in der Wüste, bekommt das Volk Israel am Sinai die Zehn Gebote mit auf den Weg. Kurz und knapp, eingemeißelt auf zwei Steintafeln. Die Zehn Gebote sind aufgeschrieben in der Thora, werden gleich zweimal in den fünf Büchern Mose überliefert. Bis heute lernen Konfirmandinnen und Konfirmanden diese Worte auswendig. Sie sollen vom Mund ins Herz übergehen, denn es sind Worte der Lebensorientierung, so eine Art Gebrauchsanweisung für das Leben. Einfach und klar. Wenn sich die Menschheit daran halten würde, gäbe es die allermeisten Konflikte nicht. Noch eindringlicher ist das Glaubensbekenntnis Israels. Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Und du sollst den HERRn, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. (5 Mose 6,4-5) Das sind 30 Worte, die alles sagen.

An diesem Sonntag geht es um die Frage: Wie führe ich mein Leben richtig? Worauf kommt es an? Der Gesprächspartner Jesu fragt: Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe? (Mk 10,17) Oder anders: Wie komme ich zu Gott?

Heute, an diesem Sonntag, feiern Jüdinnen und Juden das Fest „Simchat Thora“, was auf Deutsch „Freude der Thora“ bedeutet. In einem Jahr wird in der Synagoge die Thora einmal ganz durchgelesen – vom 1. Buch Mose bis zum 5. Buch Mose. Heute, an diesem Festtag, wird der letzte Abschnitt gelesen, der vom Tod des Mose handelt und dann beginnt es wieder von vorn mit der Schöpfungserzählung. Das Fest bringt die Freude am Wort Gottes zum Ausdruck. Kinder ziehen in lustigen Umzügen durch die Straßen und ihnen werden Süßigkeiten zugeworfen – so ähnlich wie bei unseren Faschingsumzügen. Ausgelassen feiern Große und Kleine, tanzen, essen und freuen sich. Die Worte der Bibel schwingen dabei die ganze Zeit mit, denn sie sind viele Male gehört worden und stehen bei diesem Fest im Mittelpunkt.

Daran erinnert auch der Predigttext für diesen Sonntag. Er steht im 5. Buch Mose, im 30. Kapitel. Mose hat das Volk Israel bis an die Grenze zum Gelobten Land geführt. Er weiß, dass er selbst vorher sterben wird und legt die Geschicke in die Hand seines Nachfolgers Josua. Nun will er den Menschen noch einmal ins Gedächtnis rufen, was sie auf keinen Fall vergessen sollen: Gottes Wort und seine Weisung auf dem Weg. „Weisung“ heißt übrigens auf Hebräisch „Thora“. Und so hören wir, was Mose – auch zu uns – sagt:

Denn das Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht zu hoch und nicht zu fern. Es ist nicht im Himmel, dass du sagen müsstest: Wer will für uns in den Himmel fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, dass du sagen müsstest: Wer will für uns über das Meer fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun?

Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust. (5. Mose 30,11-15)

Viele Vorschriften sind lang und kompliziert. Das merken wir immer wieder:

Wir studieren die Beipackzettel der Medikamente und machen uns am Ende mehr Sorgen als Hoffnung auf Besserung.

Wir diskutieren lang und breit in verschiedenen Gremien über die Corona-Verordnungen und merken immer wieder, was alles nicht bedacht oder schlecht umsetzbar ist.

Wir ringen um Geschäftsordnungen, Gesprächsregeln, um Gesetzestexte und Sicherheitsbestimmungen. Das ist auch notwendig und geht oft nicht anders.

Wir ringen aber auch immer wieder um die große Frage: Wie verhalte ich mich richtig? Wie führe ich ein gutes Leben?

Hierzu braucht es kein jahrelanges Studium und kein Expertenwissen. Denn das, was wir wirklich dazu wissen müssen, hat Gott uns ins Herz geschrieben. Es ist nicht zu hoch und nicht zu fern, wir müssen es uns nicht erst beschaffen und erklären lassen. Jesus selbst bringt es für uns noch einmal auf den Punkt, indem das Glaubensbekenntnis Israels wiederholt und dem noch einen Satz aus dem 3. Buch Mose hinzufügt:

Das höchste Gebot ist das: „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft“ (5. Mose 6,4-5). Das andre ist dies: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (3. Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese. (Mk 12,29-31)

Das ist das Gebot, was uns ins Herz geschrieben ist: das Doppelgebot der Liebe! Danach sollen wir leben. Wenn wir das tun, machen wir das allermeiste richtig. Denn Gott hilft uns dabei. Und wenn wir scheitern, lässt er uns nicht fallen. Immer und immer wieder gibt er uns dieses Versprechen. Damit es über die Ohren und unseren Verstand unser Herz erreicht, ist es notwendig, diese Wahrheit regelmäßig zu hören und sich sagen zu lassen. Schon deshalb ist es gut, sonntags in die Kirche zu gehen!

Wahrheit braucht nicht viele Worte.

Euch ist heute der Heiland geboren!

Deine Schuld ist dir vergeben!

Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein.

Diese Wahrheiten würden Inhalt verlieren, versuchte man, sie mit mehr Worten aufzublähen.

Weil sie so kurz sind, helfen sie mir, durchs Leben zu kommen. Denn ich behalte sie – im Kopf und im Herzen. Und so entstehen Sätze, die für mich wahr sind:

Gott liebt dich. Er ist für dich da. Gott verspricht dir nicht einen Weg ohne Hürden und ohne Leiden. Aber er schenkt dir Kraft, den Weg zu gehen und ans Ziel zu kommen. Dort wartet er auf dich mit offenen Armen.

Und auf diesem Weg versuche ich – so gut es geht – nach Gottes Gebot und Verheißung zu leben und zu lieben: Gott, meinen Mitmenschen und mich selbst. Auch wenn es sich manchmal anders anfühlt, werde ich nicht scheitern. Denn Gott ist bei mir. Er hält mich und trägt mich und schenkt mir die Kraft.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

Amen.

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