Heute hören wir einen Text aus dem Epheserbrief, der ziemlich klare Anweisungen enthält. Ich lese den Predigttext für den 19. Sonntag nach Trinitatis aus Epheser 4, die Verse 22 bis 32:
Deshalb sollt ihr den alten Menschen ablegen, denn er entspricht der früheren Lebensweise.
Er wird sich zugrunde richten durch seine trügerischen Begierden.
Lasst euch dadurch erneuern, dass Gottes Geist in eurem Verstand wirkt.
Und zieht den neuen Menschen an wie ein neues Gewand. Denn er ist nach Gottes Bild geschaffen und dadurch fähig zu wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.
Deshalb sollt ihr die Lüge ablegen. Vielmehr soll jeder die Wahrheit sagen, wenn ihr miteinander redet. Denn wir alle sind Glieder am Leib von Christus.
Euer Zorn soll nicht dazu führen, dass ihr Schuld auf euch ladet!
Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen. Gebt dem Teufel keinen Raum zum Wirken!
Wer stiehlt, soll nicht mehr stehlen. Vielmehr soll er sich abmühen und durch seiner eigenen Hände Arbeit etwas verdienen. Dann hat er genug, um dem Bedürftigen etwas abzugeben.
Kein böses Wort soll über eure Lippen kommen. Vielmehr sollt ihr stets ein gutes Wort haben, um jemanden zu stärken, wenn es nötig ist. Dann bringt dieses Wort denen Segen, die es hören.
Betrübt nicht Gottes heiligen Geist, der euch wie ein Siegel aufgedrückt wurde.
So kennzeichnet uns Gott für den Tag der endgültigen Erlösung.
Alle Erbitterung, Wut, Zorn, lautstarke Auseinandersetzungen und Verleumdungen sollen bei euch keinen Platz haben. Das gilt erst recht für alle Bosheit.
Seid vielmehr gütig und barmherzig zueinander. Vergebt einander, wie Gott euch durch Christus vergeben hat.
Heilige uns in der Wahrheit, Gott. Dein Wort ist die Wahrheit. Amen.
Liebe Gemeinde,
manchmal ist es schwer, Dinge in Worte in Worte zu fassen. Meistens geht es dabei um etwas, das nicht allein mit klaren Fakten zu tun hat, sondern wo Gefühle und Erfahrungen, wie vielleicht Ängste im Spiel sind. Wir sagen dann: „Ich kann einfach nicht aus meiner Haut!“ und beschreiben damit Grenzen, die uns gesetzt sind.
Der Schreiber des Epheserbriefes lässt uns an diesem Sonntag so richtig „aus der Haut fahren“, ja, mehr noch. Er fordert uns auf, den alten Menschen ganz abzulegen und den neuen Menschen wie ein Kleidungsstück anzuziehen. Der alte Mensch dient nicht dem Leben. Ganz im Gegenteil. Er richtet zugrunde. Diesen alten Menschen können wir oft erleben: Da werden Menschen klein gemacht, belogen, übersehen, ungerecht behandelt. Der alte Mensch nutzt seine Macht schamlos aus, nicht zum Wohle der Menschen, sondern hauptsächlich zu seinem eigenen Nutzen.
Diese Muster des alten Menschen hat Jesus aufgedeckt und ohne Umschweife darauf hingewiesen. Doch dabei blieb er nicht stehen. Der Epheserbrief beschreibt im ersten Teil, wie Jesus es geschafft hat, Menschen zu versöhnen und aus alten Machtmustern zu befreien. Er zeichnet das Bild des Leibes, zu dem alle Menschen gehören, egal welcher Herkunft, welcher Religion oder welcher Bildungsstatuts sie haben. Er wirbt um die Einheit der Gemeinde und um ein gutes Miteinander – ganz im Sinne des neuen Menschen.
Diesen neuen Menschen können wir anziehen wie ein neues Kleidungsstück. In dem Moment, wo wir uns auf Jesus Christus hin ausrichten und fragen: Was hätte er wohl gewollt, dass wir tun?, ist der neue Mensch schon eingezogen.
Eine ganze Reihe von Handlungsanweisungen folgt. Der neue Mensch handelt anders als der alte. Einiges davon kommt schon in den Zehn Geboten vor. Doch immer wieder müssen wir daran erinnert werden:
- Du sollst nicht lügen!
Lügen heißt auch zu schweigen und die Wahrheit nicht auszusprechen. Wer Christus folgt, schweigt nicht.
- Du sollst nicht stehlen!
Das hast du nicht nötig. Du bist imstande zu arbeiten und anderen davon abzugeben, so dass niemand Not leiden muss.
Interessant ist, dass es hier nicht heißt: Du sollst nicht zornig sein! Wer zornig ist, hat oft gute Gründe. Meistens ist Ungerechtigkeit im Spiel, die meinen Zorn hervorruft. Wichtig ist, was du mit deinem Zorn machst. Er soll nicht dazu führen, dass du Schuld auf dich lädst, dass du etwas zerstörst oder andere damit verletzt.
Kein böses Wort soll über unsere Lippen kommen. Ganz schön schwer. Und diese Aufforderung darf nicht dazu führen, dass du lieber schweigst und gar nicht sagst. Vielmehr geht es darum, deine Worte zu prüfen und auch da zu schauen, was dem Leben dient, was Segen bringt.
Alles andere soll keinen Platz haben. Gottes Geist wirkt im neuen Menschen und macht möglich, dass dieses Wirken passiert. Auch dass Vergebung geschieht.
Dieser Text, liebe Gemeinde, ist für mich wie ein großes Ausrufezeichen. Hört her! Schaut genau hin! Erinnert euch! Das lese ich daraus.
Es geht hier letztlich um Würde und Respekt und darum, dass jeder Mensch einen Platz in unserer Gesellschaft, in unserer Gemeinde hat. Niemand ist weniger wert als der andere und alle Tendenzen, Menschen auszuschließen, sie abzuschieben, sie wegzuschließen oder auf andere Weise zu Menschen „zweiter Klasse“ zu machen sind vehement abzulehnen. Lügen wir, wenn wir schweigen? Nehmen wir anderen etwas weg, wenn wir nicht aufeinander achten? Wie ist es bei dir mit dem Zorn? Versuchst du Dinge mit deinen Mitmenschen zu klären, bevor die Sonne untergeht?
Dieser Text will nicht, dass wir alle lieb und brav sind, bloß nicht aufmucken und den „lieben Gott mal machen lassen“. Jesus weist uns allen Verantwortung zu – füreinander und für uns selbst. Das ist das große Ausrufezeichen. Mit dem neuen Menschen ziehe ich auch einen neuen Blick an. Die Perspektive verändert sich. Und damit auch mein Denken.
Manchmal hilft es mir, mir klarzumachen, dass auch der, der es mir gerade echt schwer macht, ein geliebtes Kind Gottes ist. Und wenn sich meine Gefühle dann trotzdem nicht zum Positiven wenden, hilft vielleicht die Bitte: Gott, schenke mir Geduld und ein großes Herz! Und lass mich mutig sein, damit ich nicht wegsehe, wo Unrecht geschieht und nicht aufhöre, mich für andere einzusetzen. Und dabei lass mich nicht vergessen, barmherzig zu sein – mit den anderen und mit mir. Amen.