Predigt am 2. Sonntag nach dem Christfest über Jes 63,1-3.10-11

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herr Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde!

„Meistens, wenn du keine Lust hast, dann wird es besonders schön!“

Mit diesem Satz versuchte meine Mutter mich früher für Dinge zu motivieren, die mich nur mit wenig Vorfreude erfüllten. Und oft hatte sie sogar Recht. Da war der Besuch bei der Tante doch ganz lustig oder der Spaziergang im Wald oder der Schulausflug in die Kläranlage. Hinter diesem Satz steht die Hoffnung, dass es letztlich doch gut wird, was da auf uns wartet.

Heute, am 5. Januar, sind wir am Anfang eines neuen Jahres. 361 Tage warten noch auf uns. Es soll ein gute Jahr werden, das wünschen wir uns alle. Und diese Hoffnung drückt auch der Predigttext für diesen Sonntag aus. Es soll ein gutes Jahr werden, ein „gnädiges Jahr des HERRn“. So schreibt der Prophet Jesaja im 61. Kapitel:

Der Geist des Herrn hat von mir Besitz ergriffen. Denn der Herr hat mich gesalbt und dadurch bevollmächtigt, den Armen gute Nachricht zu bringen. Er hat mich gesandt, den Verzweifelten neuen Mut zu machen, den Gefangenen zu verkünden: »Ihr seid frei! Eure Fesseln werden gelöst!« 2 Er hat mich gesandt, um das Jahr auszurufen, in dem der Herr sich seinem Volk gnädig zuwendet, um den Tag anzusagen, an dem unser Gott mit unseren Feinden abrechnen wird. Die Weinenden soll ich trösten 3 und allen Freude bringen, die in der Zionsstadt traurig sind. Sie sollen sich nicht mehr Erde auf den Kopf streuen und im Sack umhergehen, sondern sich für das Freudenfest schmücken und mit duftendem Öl salben; sie sollen nicht mehr verzweifeln, sondern Jubellieder singen. Die Leute werden sie mit prächtigen Bäumen vergleichen, mit einem Garten, den der Herr gepflanzt hat, um seine Herrlichkeit zu zeigen.

»Wir freuen uns und jubeln über den Herrn, unseren Gott! Er umgibt uns mit seiner Hilfe wie mit einem Kleid, hüllt uns in seinen Schutz wie in einen Mantel. Wir sind fröhlich wie ein Bräutigam, der seinen Turban umbindet, wie eine Braut, die ihren Hochzeitsschmuck anlegt. 11 Denn wie aus dem Boden die Saat keimt und wächst, so lässt der Herr, der mächtige Gott, unser Glück wachsen und mehrt unseren Ruhm bei allen Völkern.«

Dieser Text ist wie ein großes Gemälde, das uns zum Jahresanfang geschenkt wird. Ich möchte dieses Bild mit Ihnen etwas genauer betrachten. Denn erst beim richtigen Hinsehen erkennen wir so manches, was uns im Leben helfen und weiterbringen kann.

Gefangene stehen mit erhobenen Händen da. Die Fesseln sind abgefallen. Noch sind die Hände und Füße wund von den Schlingen. Manche stehen ungläubig da. Sie können noch gar nicht fassen, was passiert ist. Freiheit ist ihnen geschenkt. Das lässt andere laut jubeln, springen und tanzen. Freiheit! Nicht mehr angekettet, festgelegt, eingespannt sein. Nein, frei! Gott hat alle Fesseln gelöst.

Menschen umarmen sich. Trauernden werden die Tränen abgewischt. Da stehen welche, die sich gegenseitig stützen. Andere scheinen in ein Gespräch vertieft zu sein. Über ihnen allen scheint es hell. Im Hintergrund verflüchtigen sich dunkle Wolken. Auf der Erde liegt grober Sackleinen und Asche. Die Zeichen der Trauer sind abgefallen. Sie werden nicht mehr gebraucht.

Die Menschen sind eifrig beschäftig, sich neu einzukleiden. Manche tragen schon bunte Kleider, schicke Anzüge, Kleidung für Festtage. Ihre Haut, ihr ganzes Gesicht strahlt. Ein Ölkrug ist zu erkennen. Mit diesem duftenden, kostbaren Öl haben sie sich eingerieben. Öl ist kostbar. Doch nichts ist zu kostbar für diese Menschen. Fröhlich singen sie und machen Musik. Fast dringen diese Töne bis zu unserem Ohr.

Das ganze Gemälde ist eingerahmt von einem wunderbaren Garten. Große, starke Bäume flankieren die Szene. Es sind kleine Pflanzen zu sehen. Doch schon jetzt haben wir die Ahnung, dass aus ihnen große Bäume werden.

Dieses Bild ist ein Hoffnungsbild. Es ist ein Versprechen, das Gott uns am Anfang des neuen Jahres gibt. Er sagt: So soll es sein! Dafür will ich sorgen.

Nun ist da aber auch der andere Blick. Der Blick in unsere Welt. Der Blick in unseren Alltag. Wie hat das neue Jahr für Sie begonnen? Welche Bilder kommen Ihnen in den Sinn, wenn Sie an die kommenden zwölf Monate denken?

Wir sehen in unsere Welt und erkennen Krieg und Streit, hungernde Kinder und verlassene Erwachsene. Wir sehen die brennenden Wälder in Australien, hören von Lawinenunglücken und einem schrecklichen Feuer im Krefelder Zoo. Jeden Tag wird es neue Nachrichten geben, die uns bedrücken.

Sorgen gibt es auch bei jedem einzelnen und jeder einzelnen von uns. Die Gedanken kreisen um das finanzielle Auskommen, um familiäre Probleme, um die Gesundheit und offene Fragen. Diese Sorgen sind wahrscheinlich nicht neu. Aber wir haben sie mitnehmen müssen – auch ins Neue Jahr.

Diese Bilder stehen uns ständig vor Augen. Und so ist unsere Welt: Wir leben in der Ambivalenz von Hoffnung und Verzweiflung, von Scheitern und Gelingen, von Glück und Unglück. Diese Spannung bestimmt unser Leben. Welche Seite unser Leben bestimmt, das haben wir mit der Hand. Dazu gehört freilich auch ein gewisses Training, eine Übung. Aber vielleicht ist gerade das ein guter Vorsatz zu Beginn dieses neuen Jahres: Trainieren Sie die Hoffnung!

Dazu rufen Sie sich das Hoffnungsbild des Jesaja noch einmal in Erinnerung:

  • Ist nicht jedes Fest, das wir feiern dürfen, ein kleiner Vorgeschmack auf das, was kommt?
  • Ist nicht die Ahnung des neuen Lebens, die kleine Knospen, die wir bald schon wieder draußen entdecken können, ein Versprechen für den Sieg des Lebens?
  • Ist nicht die Zuwendung, die wir erfahren, ein gutes Gespräch, eine liebe Umarmung, ein freundlicher Blick, ein Spiegel für Gottes Liebe, die er uns jeden Tag schenkt?

Wo entdecke ich die kleinen Zeichen der Hoffnung in meinem Leben? Ich bin sicher: Es gibt welche zu finden. An manchen Tagen sind sie sehr versteckt und vielleicht sogar verschüttet. Da braucht es eventuell jemanden, der hilft, sie aufzuspüren. Wir sind nicht allein unterwegs. Auch das hat Gott versprochen: Er geht mit. Er ist dabei. Er sorgt dafür, dass es uns gut gehen wird.

Von dieser Hoffnung ist der Jesajatext durchdrungen. Er entstand vor etwa zweieinhalb tausend Jahren. Damals waren die Israeliten schon seit zwei Generationen im Exil. Sie hatten so ziemlich alles verloren, was man verlieren kann: All ihren Besitz, ihre Träume und oft auch sehr viele Freunde und Angehörige. Aber eines verloren sie nicht: ihre Hoffnung, dass Gott sie nicht verlässt. Der Glaube an Gottes Beistand hielt sie zusammen. So erreichte sie auch dieses Wort des Jesaja. Sie gaben sich nicht auf. In ihren Herzen hielten sie diese Hoffnung, diese kleine Pflanze, am Leben.

Es ist eine Kunst, die Hoffnung durchzubringen. Aber wie eine Pflanze, so wird auch die Hoffnung immer wieder neu begossen. Das macht Gottes Geist. Er will unsere Hoffnung stärken, damit wir nicht aufgeben, sondern getrost und voller Zuversicht in die Zukunft blicken. Dann wird sich unsere Welt positiv verändern und das Jahr 2020 ein gutes werden. Denn es lässt uns dem entgegengehen, den wir erwarten: Jesus Christus und sein Wirklichkeit. Sie kommen uns mit jedem Schritt, den wir machen, ein Stück näher.

Davon erzählt auch folgende Hoffnungsgeschichte, die ich Ihnen mit auf den Weg geben möchte:

Vor langer Zeit lebte in Nordchina ein alter Mann. Sein Haus zeigte nach Süden und vor seiner Haustür ragten die beiden großen Gipfel des Tainang und Wangwu empor. Sie versperrten den Weg nach Süden. Entschlossen machte sich der Alte mit seinen Söhnen an die Arbeit: Sie wollten die Berge mit der Hacke abtragen.

Der Nachbar des alten Mannes sah das und schüttelte den Kopf: „Wie närrisch ihr doch seid“, rief er, „es ist vollkommen unmöglich, dass ihr die gewaltigen Berge abtragen könnt!“

Der alte Mann lächelte weise, dann sagte er: „Wenn ich sterbe, dann werden meine Söhne weitermachen. Wenn meine Söhne sterben, werden die Enkel weitermachen. Die Berge sind zwar hoch, aber sie wachsen nicht weiter. Unsere Kräfte jedoch können wachsen. Mit jedem Stückchen Erde, das wir abtragen, kommen wir unserem Ziel näher. Es ist besser, etwas zu tun, als darüber zu klagen, dass uns die Berge die Sicht auf die Sonne nehmen.“ Und in unerschütterlicher Überzeugung grub der Alte weiter.

So ist es mit der Hoffnung: ein riesiger Berg von Problemen, davor ein kleiner Mensch – mit begrenzter Kraft, mit begrenzter Zeit, aber mit einer Zuversicht im Herzen, die ihn in der Gegenwart anpacken lässt, weil er an die Zukunft glaubt.

Was ich von der Zukunft erhoffe, das bestimmt mein Handeln in der Gegenwart. Wenn ich befürchte, dass an einer Situation nichts mehr zu retten ist, warum sollte ich mich dann anstrengen, statt es mir bequem zu machen. Wenn aber die Hoffnung auf den neuen Himmel und die neue Erde in meinem Herzen Raum hat, dann werde ich auf diese Zukunft hin leben und handeln, auch wenn es noch so viele Rückschläge gibt.

Menschen, die aus Hoffnung leben, sehen weiter.

Menschen, die aus Liebe leben, sehen tiefer.

Menschen, die aus dem Glauben leben, sehen alles in einem anderen Licht.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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