Liebe Gemeinde,
die Steine wurden einmal gefragt, ob sie gerne so werden würden wie Menschen. „So hart werden wir nie!“ war die Antwort. Ganz schön hart, diese kleine Anekdote. Sie zeigt aber auch etwas von der Welt, in der wir leben. „Du musst dich abgrenzen!“, „Du musst dich mehr anstrengen!“, „Du musst andere Prioritäten setzen!“, „Du musst mehr an dich denken!“, „Du musst…“!?! Die Erwartungen sind hoch. Schnell habe ich dann das Gefühl: „Ich bin einfach nicht genug! Es reicht nicht. Ich schaffe es nicht.“
Schon früh haben die meisten von uns gelernt, dass wir uns anstrengen müssen, wenn wir was erreichen wollen. Und wenn es dann nicht klappt, heißt es schnell: Das hat wohl seine Gründe. Der hat sich einfach nicht genug darum bemüht. So ist das eben.
Eine junge Frau schreibt auf einem Blog. Sie schreibt über diese Tage „an denen man will, aber einfach nicht kann.“ So nennt sie diese Tage, wenn die Depression sie packt. Sie schreibt: „Wir fühlen uns schlecht, einfach so, oft ohne erkennbaren Grund. Wir sind in eine dunkle Wolke hinein aufgewacht und können sie einfach nicht abschütteln. Wir fühlen uns schlecht – und dann fühlen wir uns schlecht, weil wir uns schlecht fühlen.“
Manchen kommt dieses Gefühl vielleicht bekannt vor. Wie oft will ich etwas und kann es nicht? Ich weiß genau, was das Richtige und Gute wäre, mache es aber nicht.
Wollen, aber nicht können. Dieses Thema beschäftigt auch den Apostel Paulus. Ich lese einen Abschnitt aus dem siebten Kapitel des Römerbriefes (VV. 14-25a, Basisbibel):
14Wir wissen ja: Das Gesetz ist vom Geist Gottes bestimmt.
Ich dagegen bin als Mensch ganz von meiner menschlichen Natur bestimmt. Ich bin mit Haut und Haaren an die Sünde verkauft.
15Ja, wie ich handle, ist mir unbegreiflich. Denn ich tue nicht das, was ich eigentlich will. Sondern ich tue das, was ich verabscheue. 16Ich tue also das, was ich eigentlich nicht will.
Das beweist: Ich stimme dem Gesetz innerlich zu und erkenne an, dass es recht hat.
17Aber dann bin nicht mehr ich es, der so handelt. Es handelt vielmehr die Sünde, die in mir wohnt.
18Ich weiß: So wie ich von Natur aus bin, wohnt in mir nichts Gutes.
Der Wille zum Guten ist bei mir zwar vorhanden, aber nicht die Fähigkeit, es zu tun.
19Ich tue nicht das, was ich eigentlich will – das Gute.
Sondern ich tue das, was ich nicht will – das Böse.
20Ich tue also das, was ich nicht will. Das bedeutet: Ich bin nicht mehr der Handelnde. Es ist vielmehr die Sünde, die in mir wohnt.
21Ich entdecke also bei mir folgende Gesetzmäßigkeit:
Obwohl ich das Gute tun will, bringe ich nur Böses zustande.
22Meiner innersten Überzeugung nach stimme ich dem Gesetz Gottes mit Freude zu. 23Aber in meinen Gliedern nehme ich ein anderes Gesetz wahr. Es liegt im Streit mit dem Gesetz, dem ich mit meinem Verstand zustimme. Und dieses Gesetz macht mich zu seinem Gefangenen. Es ist das Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern steckt.
24Ich unglücklicher Mensch! Mein ganzes Dasein ist dem Tod verfallen. Kann mich denn niemand davon befreien?
25Doch! Und dafür sei Gott Dank durch Jesus Christus, unseren Herrn!
Ich finde, man merkt diesem Text an, was für ein innerlicher Kampf in Paulus tobt. Dabei ist das Ich, das er hier benutzt, nicht rein autobiographisch zu verstehen. Das Ich meint uns alle. Ich, der Mensch, der seit Adam und Eva nicht mehr im Paradies lebt, der feststellen muss: Ja, wie ich handle, ist mir unbegreiflich. Denn ich tue nicht das, was ich eigentlich will. Sondern ich tue das, was ich verabscheue. Ich tue also das, was ich eigentlich nicht will.
Hier geht es nicht um kleinen Ausflüchte nach dem Motto „Ich würde ja gerne, aber ich kann gerade einfach nicht.“ Nicht die Ausreden oder das Vorschieben von Gründen ist hier gemeint, sondern eine total menschliche Grunderfahrung. „Ich kann es nicht, obwohl ich es will.“
Und diese Grunderfahrung zieht sich durchs ganze Leben. Es ist nichts, mit dem du schnell fertig bist. Und immer wieder wird uns gesagt: „Du musst nur dieses oder jenes tun, mehr auf dich achten, dich mehr anstrengen, du musst… – dann bist du glücklicher, zufriedener. Dann bist du etwas wert in dieser Gesellschaft!“
Aber was, wenn es nicht so läuft? Wenn ich krank werde und nicht arbeiten kann. Dann liege ich der Gesellschaft auf der Tasche? Gerade in diesen Wochen hören wir immer wieder von dem Dilemma um die Pflegeversicherung, von der Finanzierung des Gesundheitswesens ganz zu schweigen. Eigentlich kannst du dir gar nicht leisten, krank oder pflegebedürftig zu werden. Also: „Streng dich an!“
Anstrengen sollen sich auch endlich mal die Schülerinnen und Schüler, die in diesem Jahr bei der Pisa-Studie wieder schlecht abgeschnitten haben. Oder liegt es eher an den maroden Schulen? Auf jeden Fall am Elternhaus, das versagt. Wenn sich alle mehr anstrengen würden, dann hätten wir Traumergebnisse bei Pisa. Dabei kenne ich viele, die sich wirklich anstrengen. Da wird am Wochenende noch viel für die Schule gemacht, Nachhilfeunterricht gebucht oder die Eltern unterstützen. Und dann kommt die nächste Mathearbeit und es hat wieder nur für eine Vier minus gereicht. „Ich kann es einfach nicht, obwohl ich es will. Ich bin nicht gut genug.“ Schnell kommen dann solche Sätze in den Kopf.
Sätze, die wir kennen. Die die meisten von uns vielleicht auch schon mal gedacht haben. „Ich schaffe es einfach nicht. Ich bin nicht gut genug!“
Und jetzt kommt, was Paulus dazu sagt. In den Sätzen aus dem Römerbrief steckt folgende Überzeugung: „Du denkst, du bist nicht genug. Du denkst, du bist nichts wert und machst so viele Fehler. Du denkst, du bist nicht normal?“ Dann lass dir sagen: „Du bist ganz normal, wie alle anderen Menschen. Denn keinem geht es anders, auch wenn dir immer wieder anderes suggeriert wird. Du bist Mensch. Deshalb machst du immer wieder die Erfahrung, dass du zwar das Gute willst, es aber nicht tun kannst.“
Dahinter steht folgende Überzeugung: Gott macht uns gerecht – allein durch unseren Glauben, allein aus dem Vertrauen, ihn in unser Leben zu lassen. Gott liebt uns. Punkt. Da gibt es nichts zu tun oder zu leisten. Das ist die Grundvoraussetzung. Das macht den riesengroßen Unterschied. Denn niemand von uns ist wertlos. Ganz im Gegenteil. Jede und jeder ist unendlich wertvoll und geliebt.
Diese Liebe hat Jesus angetrieben, ihn zu Menschen geführt, die Hilfe brauchten, die sich nach Gemeinschaft sehnten, die nach Gerechtigkeit hungerten. Diese Liebe kann uns auch heute antreiben. Und sie schenkt uns eine enorme Freiheit. Denn niemand muss sich abstrampeln, um geliebt und wertvoll zu sein. Wer aus dieser Freiheit lebt, kann sich in unserer Gesellschaft einsetzen für alle, die unter dem Druck leiden, die übersehen werden, die scheinbar wertlos sind und nicht so funktionieren, wie es erwartet wird. Von dieser Freiheit dürfen wir nicht schweigen.
Damit die Steine, wenn sie gefragt werden, ob sie wie die Menschen sein wollen, antworten: So weich werden wir nie.
Amen.