Predigt am 5. Sonntag nach Trinitatis (09.97.23) über Johannes 1,35-51 von Kerstin Strauch

Der Predigttext für heute steht im ersten Kapitel des Johannesevangeliums. Johannes berichtet hier von den ersten Jüngern, die Jesus nachfolgen.

Am nächsten Tag stand Johannes abermals da und zwei seiner Jünger; und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm!

Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach.

Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen und sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister -, wo ist deine Herberge?

Er sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen’s und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde.

Einer von den zweien, die Johannes gehört hatten und Jesus nachgefolgt waren, war Andreas, der Bruder des Simon Petrus.

Der findet zuerst seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias gefunden, das heißt übersetzt: der Gesalbte.

Und er führte ihn zu Jesus. Als Jesus ihn sah, sprach er: Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du sollst Kephas heißen, das heißt übersetzt: Fels.

Am nächsten Tag wollte Jesus nach Galiläa ziehen und findet Philippus und spricht zu ihm: Folge mir nach!

Philippus aber war aus Betsaida, der Stadt des Andreas und des Petrus.

Philippus findet Nathanael und spricht zu ihm: Wir haben den gefunden, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, Josefs Sohn, aus Nazareth. Und Nathanael sprach zu ihm: Was kann aus Nazareth Gutes kommen! Philippus spricht zu ihm: Komm und sieh!

Jesus sah Nathanael kommen und sagt von ihm: Siehe, ein rechter Israelit, in dem kein Falsch ist. Nathanael spricht zu ihm: Woher kennst du mich? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Bevor Philippus dich rief, als du unter dem Feigenbaum warst, habe ich dich gesehen. Nathanael antwortete ihm: Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel.

Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du glaubst, weil ich dir gesagt habe, dass ich dich gesehen habe unter dem Feigenbaum. Du wirst noch Größeres sehen als das. Und er spricht zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn.

 

Herr, regiere du unser Hören und unser Reden durch deinen Heiligen Geist. Amen.

 

Liebe Gemeinde!

Vielleicht haben Sie es auch schon mal gemerkt: Das Johannesevangelium erzählt so manche Geschichte aus dem Leben Jesu etwas anders als Markus, Matthäus oder Lukas. Über die Gründe wird in der theologischen Wissenschaft viel debattiert – das soll heute nicht Thema sein. Vielmehr ist es interessant, hier genau hinzuhören, denn eines ist sicher: Johannes wollte mit der Art seiner Erzählung einen anderen Schwerpunkt setzen als die drei anderen Evangelisten.

An der Geschichte von den ersten Jüngern nach der Version des Johannes fallen mir ein paar Dinge auf:

  • Zunächst treten drei Männer auf: Johannes der Täufer und zwei seiner Jünger. Johannes, der Wüstenprediger, der die Menschen zu Umkehr und Buße aufruft, hat Jesus einen Tag zuvor im Jordan getauft. Johannes fasziniert die Menschen. Die Ernsthaftigkeit, mit der er das lebt, was er predigt, macht ihn glaubwürdig. Und so hat Johannes eine Reihe von Anhängern, die mit ihm leben. Sie hören Johannes predigen – jeden Tag. Sie wollen mehr erfahren vom Grund ihres Glaubens, vom Sinn des Lebens. Sie sehnen sich nach Erfüllung und Wahrheit. Dafür sind sie bereit, Entbehrungen auf sich zu nehmen. Sie leben nur vom Nötigsten, von dem, was die Natur ihnen schenkt. Ihre Freunde und Familien haben sie verlassen, um mit Johannes dem Täufer zu leben. Seit einiger Zeit nun spricht Johannes davon, dass nach ihm einer kommen wird, der viel größer und bedeutender als er selbst ist. Johannes drückt es in einem Bild aus, indem er sagt: „Ich bin nicht wert, dass ich seine Schuhriemen löse.“ Und einen Tag zuvor ist es geschehen: Jesus ist zu Johannes gekommen, um sich auch von ihm taufen zu lassen. Johannes erklärt seinen Jüngern, dass Jesus derjenige sei, von dem er die ganze Zeit schon gesprochen hatte. Jesus ist das „Lamm Gottes“, er ist derjenige, der mit dem Geist Gottes tauft, er ist Gottes Sohn. Davon ist Johannes fest überzeugt. Als er nun Jesus am nächsten Tag wiedersieht, wiederholt er seine etwas rätselhafte Rede: „Siehe, das ist das Lamm Gottes!“
  • An dieser Stelle nimmt die Geschichte eine unerwartete Wende. Wissen wir aus den anderen drei Evangelien, dass Jesus sich auf den Weg machte, um die ersten Jünger zu berufen, so ist es hier anders. Nicht Jesus beruft seine Jünger, sondern die Jünger folgen Jesus aus eigenen Stücken nach. Warum tun sie das? Immerhin verlassen sie Johannes den Täufer, mit dem sie einige Zeit zusammengelebt haben. Es muss etwas in ihnen vorgegangen sein, was wir nicht aus der Geschichte erfahren. Nachdem sie den Satz „Siehe, das ist das Lamm Gottes!“ gehört haben, folgen sie Jesus nach.
  • Hier ist es Jesus, der die zwei Jünger, die ihm folgen, bemerkt. „Was sucht ihr?“, fragt er sie. Jesus erkennt, dass sie auf der Suche nach etwas sind. Was ist es? Erfüllung, Glück, spirituelles Erleben, Abenteuer? Jesus ist für die beiden ein Lehrer, ein Vorbild, einer, von dem sie erwarten, dass sie etwas lernen können. Deshalb sprechen sie ihn direkt mit „Rabbi“ an. Doch anstatt auf Jesu Frage zu antworten, reagieren sie mit einer Gegenfrage: „Wo ist deine Herberge?“

„Wo ist deine Herberge?“ – Diese Frage ist für mich das Zentrum dieser Begegnung. Es muss niemand zur Nachfolge überredet werden, keiner ist da, der zweifelt, ob er wirklich diesen Schritt gehen will. Stattdessen stellen die beiden Jünger hier diese etwas rätselhafte Frage.

„Wo ist deine Herberge?“ – Das ist eine Frage nach dem Ort der Geborgenheit, nach dem Platz, wo ich Schutz und Wärme finde.

Wenn wir uns an die erste Geschichte erinnern, die wir aus dem Leben Jesu kennen, so ist es ja gerade die Herbergssuche, die Maria und Josef bald zur Verzweiflung bringt. Niemand will sie beherbergen. Und so irren sie umher bis sie schließlich eine Notunterkunft, einen Stall, finden. Doch gerade dieser Stall ist es, der ihnen zur guten Herberge wird. Dort findet Maria einen sicheren Ort, um ihr Kind zur Welt zu bringen. Dort in der Wärme und Geborgenheit erlebt Jesus die ersten Tage seines Lebens.

Was ist das eigentlich, eine Herberge?

Schlägt man in einem Lexikon nach, so heißt es dort: „Die ursprüngliche Bedeutung von ‚Herberge’ meint einen das Heer bergenden Ort’“. Doch schon früh hat sich diese Bedeutung ausgeweitet auf „Obdach“ und „Unterkunft“ bzw. ein „Haus zum Übernachten für Fremde“. Und so kennen wir den Begriff z.B. noch in dem Wort „Jugendherberge“ – das ist ein Haus, in dem Menschen einen einfachen Platz zum Übernachten finden sowie verpflegt werden.

Was wollen die Jünger, wenn sie Jesus nach einer Herberge fragen?

Sie wollen die Sicherheit, dass sie versorgt sind, wenn sie Jesus nachfolgen. Johannes hatte ihnen gezeigt, welche Möglichkeiten zum Leben die Natur bietet. Wie wird Jesus für sie sorgen?

Sie wollen einen Ort, der ihnen Geborgenheit bietet. Einen geschützten Raum, in dem sie ihre Fragen stellen können ohne Angst zu haben, einer könnte sich über sie lustig machen.

Sie wollen einen Platz, der ihnen zur Heimat werden kann. Wo sie als Fremde angenommen werden, unabhängig von dem, was sie sind oder leisten. Das ist ein Ort, an dem ich mich zu Hause fühle, weil ich verstanden werde, weil ich mich sicher und geborgen fühle.

Kann Jesus ihnen das geben?

Es sind immerhin ganz schön hohe Ansprüche, die die beiden Jünger in ihrer Frage zum Klingen bringen.

Jesus reagiert auf die Frage prompt mit einer Einladung. Er sagt zu den beiden: „Kommt und seht!“ Die Jünger sollen sich ein Bild von der Herberge machen. Sie sollen es mit allen Sinnen erfahren, was Herberge bei Jesus bedeutet. Einen Tag lang erleben sie diese Herberge Jesu, sozusagen in der „Nachfolge auf Probe“. Nach der eintägigen „Probezeit“ steht ihr Entschluss fest: Sie wollen Jesus nachfolgen! Sie sind davon überzeugt, dass Jesus der Messias ist, der ihrem Leben eine positive Wende gibt, ja mehr noch, der das Volk Israel retten wird.

Nun erfahren wir auch den Namen von einem der beiden: Es ist Andreas, der Bruder von Simon. Andreas ist so sehr von seinem Entschluss überzeugt, dass er zu seinem Bruder läuft, um ihm von seinem Erlebnis zu berichten. Auch Simon ist überzeugt davon, dass Jesus der Messias ist und trifft Jesus. Dort erhält er einen neuen Namen: Simon wird von nun an Kephas heißen. Und so geht die Geschichte weiter: Am nächsten Tag findet Jesus Philippus und lädt auch ihn ein: Folge mir nach! Komm und sieh! Und Philippus sucht Nathanael, der zunächst überhaupt nicht überzeugt ist und mit der Frage reagiert: Was kann aus Nazareth schon Gutes kommen? Doch auch er sieht etwas, was ihn überzeugt und kommt mit Jesus mit. Er ist überzeugt davon, dass er am richtigen Ort ist.

 

Liebe Gemeinde, wo finden wir eine Herberge?

Ist es unsere Wohnung, unser Haus, in dem wir mit lieben Menschen zusammenleben?

Oder ist es unsere Gemeinde, in der wir Geborgenheit erfahren?

Eines ist klar: Eine Herberge können wir nur da finden, wo wir uns eingeladen fühlen. An diesem Ort dürfen wir so sein wie wir sind mit allen Fragen und Zweifeln. An diesem Ort finden wir Menschen, die uns zuhören und ein vielleicht ein Stück unseres Weges mit uns gehen. An diesem Ort können wir innehalten und zur Ruhe kommen, können uns stärken.

Eine Herberge im Sinne Jesu ist ein Ort, an dem ich Gott ein Stückchen näherkommen kann, an dem ich mich für sein Wort öffne und Stärkung aus Gottes Gegenwart erfahre. In diesem Sinne ist eine gute Herberge der Ausgangspunkt für alle, die Jesus nachfolgen wollen. Hier beginnt der Weg, hier werde ich ausgerüstet für das, was kommt und hierher kann ich zurückkehren, wenn ich Stärkung und Ruhe in einer geschützten Atmosphäre brauche. So eine Herberge kann unsere Kirche sein. Ein Ort, an dem unterschiedliche Menschen zu verschiedenen Zeiten im Namen Gottes zusammenkommen.

„Rabbi, wo ist deine Herberge?“ – Auf der Suche nach einer Antwort kommen wir hier in der Gemeinde zusammen. Wir hören auf Gottes Wort und leben in seiner Gegenwart. Jesus sah seine Jünger, wusste um ihren Weg, noch bevor sie wussten, wohin. Jesus sieht uns und lädt auch uns ein: „Kommt und seht!“ Kommen heißt, sich in Bewegung zu setzen. Ich lasse mich auf etwas ein, das ich noch nicht richtig erfasst habe. Denn erst im zweiten Schritt heißt es „seht!“. Jeder und jeder von uns sieht mit seinen eigenen Augen, sieht etwas anderes, glaubt anders. Wir alle aber sind von dem gerufen, der uns verspricht: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

Amen.

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