Predigt am Sonntag Invokavit (22.02.2026) über 1. Mose 3,1-19 von Pfarrerin Kerstin Strauch

Liebe Gemeinde,

„Mensch, wo bist du?“ so hallt Gottes kräftige Stimme durch den Garten Eden.

„Mensch, wo bist du?“ meint „Was hast du getan? Wohin bist du geflohen? Warum?“

Was hier passiert ist, bewirkt einen Bruch zwischen Gott und Menschen, der nicht reparabel ist. Die Folgen sind hart, die paradiesischen Zustände ein für alle Mal vorbei.

„Wir saßen an den Wasserbächen Babylons und weinten“ heißt es im 137. Psalm. Fernab der Heimat, in der Verbannung sitzt das Volk Israel als einer diese Geschichte erzählt. Eine Geschichte, die beschreibt, warum das Leben so ist, wie es ist: Weil der Mensch, gerufen, um aus Gott und für Gott zu leben, es nicht lassen kann, wie Gott zu leben.

Wir hören den Predigttext aus dem 1. Buch Mose, Kapitel 3:

Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet!

Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.

Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß.

Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze. Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des HERRN unter den Bäumen im Garten.

Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du?

Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.

Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen?

Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß.

Da sprach Gott der HERR zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß.

Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht, verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde fressen dein Leben lang.

Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.

Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein.

Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen –, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.

Diese Geschichte steht ganz am Anfang unserer Bibel und erzählt vom Anfang, wie Gottes Geschichte mit den Menschen begann. Es ist keine Geschichte, die im historischen Sinne von einem Zustand der Welt berichtet, ganz nach dem Motto „Früher war alles gut und dann wurde alles schlecht.“. Diese Geschichte enthält ein bitteres Rätsel, denn sie leugnet nicht, dass schon in Gottes Schöpfung Leid und Tod mit eingepflanzt wurden.

Gott weiß um das Böse. Auch die Schlange ist sein Geschöpf. Die beiden Menschen, die Gott in den Garten Eden setzt, sind keine willenlosen Opfer, sondern Menschen, die zur Verantwortung berufen sind. Sie können denken und entscheiden, sie haben die Wahl.

Schauen wir uns einmal genauer an, was da passiert:

Die Schlange ist klug und nicht auf den Mund gefallen: Ja, sollte Gott euch gesagt haben, dass ihr von allen Bäumen im Garten nicht essen sollt?

Typisch Gott, sagt das giftige Tier. Ich kenne Gott! Gott erlaubt nichts! Anfassen verboten, Finger weg!

Doch das hat Gott nicht gesagt. Gott hat gesagt, dass sie von allen Bäumen essen dürfen, außer von einem einzigen: dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Nun, folgert die Viper, dann dürft ihr also nicht von allen Bäumen essen. Gott hätte sich schon genauer ausdrücken dürfen. „Gott will euch einschüchtern, wenn er behauptet, dass ihr dann sterbt. Er missgönnt euch eure Selbstständigkeit. Gott will das allumfassende Erkennen für sich allein behalten. Er will diesen Baum für sich allein haben. Ist es nicht ein lieblicher Baum? Hört nicht auf Gott. Schaut euch den Baum gut an. Hört nicht, seht! Sehen ist Erkennen! Nehmt, esst, eure Augen werden aufgetan, ihr werdet sein wie Gott!“

Der Baum ist wahrlich den Augen eine Lust, ebenso verlockend wie der Gedanke, wie Gott zu sein.

Die beiden widerstehen der Versuchung nicht und lassen sich von der Schlange überreden. Sie kosten die Früchte des Baumes und dann werden ihnen die Augen aufgetan. Was sie sehen ist nicht, dass sie wie Gott sind, wie die listige Schlange versprochen hat. Sie sehen, dass sie nackt sind.

Früher gab es nichts, was sie voreinander zu verbergen hatten. Jetzt werden sie voreinander zu Fremden. Um sich nicht länger den Blicken des anderen auszusetzen, machen sie sich Schurze. (nach Nico ter Linden, Es wird erzählt …, Bd. I, S. 27f.)

Die beiden Menschen wurden so aber nicht nur voreinander zu Fremden, sondern auch vor Gott. Voller Angst flüchten sie vor dem Blick Gottes und der Stimme, die sie ruft: „Mensch, wo bist du?“

Als Menschen werden wir zur Verantwortung gerufen. Wir sind nicht Marionetten Gottes, kein Spielball der Schlange oder Opfer irgendwelcher Schicksalsmächte. Es liegt an uns, unsere Welt zu gestalten und Entscheidungen zu treffen. Warum ist die Welt so wie sie ist? Warum gibt es Leiden und Tod?

Israel erzählt Geschichten, um dieses Warum zu beantworten: Es kam zu einem Bruch zwischen Gott und den Menschen. Wir leben nicht mehr im Paradies, wir wurden daraus vertrieben.

Doch damit endet die Geschichte nicht – sie fängt ja gerade erst an!

Mit dem Rausschmiss aus dem Garten Eden war nicht alles vorbei. Der Mann muss mühevoll die Felder bestellen und die Frau unter Schmerzen Kinder gebären. Doch darin steckt eine große Verheißung. Eine alte Legende erzählt, wie der Mann daraufhin zur Frau sagte: „Frau, hörst du das, wir bekommen doch Brot.“, und die Frau zu ihrem Mann: „Mann, hörst du das, wir bekommen Kinder.“  Das Leben geht weiter. Nicht der Tod hat das letzte Wort, sondern das Leben. Gottes Liebe hält an seinen Geschöpfen fest. So lässt er Adam und Eva auch nicht nackt von dannen ziehen, sondern bekleidet sie selbst mit Fellen. So bedeckt brauchen wir die Begegnung mit Gott nicht zu fürchten, trotz allen Versagens und aller Schuld, die uns bloßstellt. Gott fordert von uns Verantwortung, aber er steht auch dann zu uns, wenn wir Fehler machen und weglaufen wollen. Was bleibt, ist die Sehnsucht nach dem Paradies, dem Ende allen Leidens, der Lösung des Rätsels „Warum?“. Paulus beschrieb diese Sehnsucht mit dem Bild der seufzenden Kreatur. Irgendwann wird dieses Seufzen zu Ende sein, wird Gottes Wirklichkeit uns in paradiesische Zustände führen. Das Versprechen haben wir – Geduld ist gefordert.

„Mensch – Adam, wo bist du?“ Mit dieser Frage konfrontierte ein Gefängniswärter in Krakau einmal einen Rabbi. Er sagte: „Wenn euer Gott allwissend ist, warum fragte er dann: Adam, wo bist du?“

„Gott meinte es anders, als du denkst“, gab der Rabbi zur Antwort.

„Adam war damals 42 Jahre alt. Gott wollte also eigentlich wissen: Du bist jetzt 42 Jahre alt, doch wo stehst du in deinem Leben?“

Der Gefängniswärter erschrak. Er war 42 Jahre alt.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

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