Predigt am Sonntag Jubilate (08.05.22) über 1. Mose 1,1-2,4a von Kerstin Strauch

Liebe Gemeinde,

die Geschichte vom Anfang ist es, von der Schöpfung, die heute im Mittelpunkt unseres Gottesdienstes steht. Der Anfang der Bibel, das erste Kapitel des ersten Buches Mose, überliefert den sog. ersten Schöpfungsbericht. „Bericht“, dieses Wort ist irreführend, klingt es doch so sehr nach nüchterner Berichterstattung, nach harten Fakten. Sofort klingeln mir Gedanken im Ohr, Erinnerungen an den Biologieunterricht. Ist nicht die Welt ganz anders entstanden? Geht unsere Erde nicht auf den großen Urknall zurück, der die Voraussetzungen für unser biologisches Leben überhaupt erst schuf? Auch wenn der Urknall nur eine Hypothese ist, die letztlich nicht zu beweisen ist, wissen wir über die Entstehung des Menschen, die Entwicklung hin zum so genannten Homo sapiens sehr viel. Nur wenige hundert Kilometer von hier entfernt wurde er gefunden, der Neandertaler, einer unserer Vorfahren. Sehr viel hat man seitdem geforscht und herausgefunden.

Spätestens seit der Zeit der Aufklärung scheinen die ersten Kapitel der Bibel Probleme zu bereiten. Naturwissenschaftliche Erkenntnisse passen nicht zur biblischen Schilderung der Schöpfung in sieben Tagen. Dazu kommt noch die Beobachtung, dass sogar die biblischen Texte selbst unterschiedliche Darstellungen der Schöpfungsgeschichte bezeugen: Zuerst schafft Gott die Welt in sieben Tagen. Und dann das gleiche noch einmal, nur andersherum. Direkt im Anschluss an die erste Schöpfungserzählung wird vom Garten Eden erzählt, von der Entstehung der Frau aus der Rippe Adams, von der Versuchung, dem Sündenfall und der Vertreibung aus dem Paradies. Wie passt das alles zusammen? Generationen von Wissenschaftlern, von Theologen und Predigern, von Christinnen und Christen haben darüber gebrütet. Manche gingen soweit, dass sie um jeden Preis den biblischen Text als naturwissenschaftliche Variante deuteten, die Evolutionstheorie komplett ablehnten. Das führte und führt noch immer zu Auseinandersetzungen.

Unter jüdischen und christlichen Bibelauslegern ist es heute eigentlich unumstritten, dass die ersten drei Kapitel der Bibel nicht gleichzusetzen sind mit den ersten Sätzen der Bibel, die überhaupt aufgeschrieben wurden. Andere Texte der Heiligen Schrift sind älter und haben viele hundert Jahre vorher schon existiert. Es muss also etwas anderes hinter den biblischen Schöpfungsberichten stehen.

Hören wir nun zunächst auf den Predigttext für den heutigen Sonntag. Ich lese aus dem ersten und zweiten Kapitel des ersten Buch Mose:

Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis. […]Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht. Und Gott sprach: Sehet da, ich habe euch gegeben alle Pflanzen, die Samen bringen, auf der ganzen Erde, und alle Bäume mit Früchten, die Samen bringen, zu eurer Speise. Aber allen Tieren auf Erden und allen Vögeln unter dem Himmel und allem Gewürm, das auf Erden lebt, habe ich alles grüne Kraut zur Nahrung gegeben. Und es geschah so. Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag. So wurden vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer. Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte. So sind Himmel und Erde geworden, als sie geschaffen wurden.

Herr, regiere du unser Hören und unser Reden durch deinen Heiligen Geist. Amen.

Die letzten Sätze des Predigttextes machen deutlich, was dieser Text eigentlich will: Hier erklärt jemand seinen Hörerinnen und Hörer, worum es Gott eigentlich ging, als die Erde geschaffen wurde. Doch gehen wir an den Anfang der Entstehung dieser Geschichte zurück. Das Volk Israel ist am Ende. Es befindet sich fernab der Heimat im Exil in Babylon. Vieles haben sie zurücklassen müssen, ja – bis auf ihr Leben – haben sie eigentlich alles verloren. Das einzige, was ihnen bleibt, was sie mit den anderen Exilierten teilen, ist ihr Glaube an Gott. Die Menschen haben Priester, die mit ihnen nach Babylon gezogen sind. Zwar können sie nicht mehr zu ihnen kommen, um zu opfern. Aber sie können zu den Priestern gehen mit ihren Fragen, mit ihren Ängsten und Zweifeln. Und die Priester fangen an zu erzählen. So entsteht die Geschichte von der Schöpfung, die Antworten sucht auf die Frage: „Wozu ist die Welt von Gott geschaffen worden?“ In einer Zeit, in der das Volk mit großem Leid konfrontiert ist, fragt man sich, was Gott ursprünglich mit der Welt vorhatte. So entstehen Geschichten, Gleichnisse und Lieder, die von der Schöpfung handeln und die über viele Generationen bis heute weitererzählt werden. Und so beginnt das erste Buch der Bibel: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde … Auf Hebräisch hört sich das so an: Bereschit bara elohim ha’arez w’ha’schamajim. „Im Anfang“ – diesen Zeitpunkt definiert die Bibel als Start für die Schöpfung. Alles hat einen Anfang. Was aber war davor? Diese Frage stellten sich auch Israels Rabbiner. Und sie fanden darauf eine pfiffige Antwort:

„Das Fragen über den Anfang kennt nun mal kein Ende! Aber, so sagten die Rabbiner, die Bibel fängt nicht umsonst mit dem Buchstaben Beth an. Beth ist der zweite Buchstabe im Alphabet. Ihm geht das hebräische Alef voraus. Was vorher ist, weiß also nur Gott. Unsere Bibel beginnt erst mit Beth. [Diesen Buchstaben schreibt man im Hebräischen, das von rechts nach links gelesen wird, so: (Zettel hochhalten).] Die Schrift, sagten die Rabbiner, beginnt mit diesem Beth, damit wir uns nicht fragen, was drüber, darunter oder dahinter sei, sondern damit wir dem lauschen, was kommt. Israel kennt keine Geburts- oder Entstehungsgeschichte Gottes. Er ist der ganz Andere. Anders als Himmel und Erde, die er schuf, steht er über dem Erschaffenen. Daher also das geheimnisvolle Beth am Anfang. Jenes Beth gleicht einem kleinen Haus, und das bedeutet es auch auf Hebräisch: Haus. Das wissen die Rabbiner ganz genau. Sie erzählen: „Mein Kind, wenn wir auch in der Fremde sind, so haben wir doch einen festen Grund unter den Füßen und ein Dach über dem Kopf; unser Rücken ist gedeckt und wir haben eine Zukunft vor uns. Manche meinen, wir würden von geheimnisvollen Mächten regiert. Andere meinen, es gebe überhaupt nichts, nur Leere. Glaube ihnen nicht, mein Kind. Denke immer an den ersten Buchstaben unseres großen Buches. Das ist unser ganzer Glaube.“ (Nico ter Linden, Es wird erzählt … Von der Schöpfung bis zum gelobten Land, S. 12)

Der Anfang der Bibel weist uns also schon mit dem ersten Buchstaben auf das Fundament hin, auf das unser Glaube gebaut ist: Es ist das Haus Gottes, seine Gegenwart, die uns trägt und ermutigt in jeder Situation unseres Lebens. Dieses Fundament, der Beistand und die Kraft Gottes ist es, das alles weitere erst ermöglicht. Gott greift ein in das chaotische Tohuwabohu. Die Furcht erregende Urflut, die die ganze Erde bedeckt, und durch die Finsternis noch Angst einflößender wirkt, wird durch Gottes Wort erhellt. Ja, hier ist es zunächst Gottes Wort, das Licht hervorbringt – noch sind die Sonne und die Gestirne nicht geschaffen. Wieder einmal wird deutlich, welche Macht, welche Kraft Gottes Wort besitzt. Er ist imstande, das Chaotische zu ordnen, die ewige Finsternis zu erhellen – allein durch sein Wort. Genau dieser Überzeugung ist auch der Evangelist Johannes, der sein Evangelium mit den Worten beginnen lässt: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ (Joh 1,1) Gott begegnet uns in seinem Wort. Dabei ist sein Wort vielmehr, ja auch etwas ganz anderes als ein reiner Sprechakt. Gottes Wort wirkt schöpferisch. Durch sein Wort kann er die ganze Welt verändern, Dinge möglich machen, die unsere gesamte Vorstellungskraft übersteigen. Das wird in unserem Predigttext sehr deutlich. Gott spricht und schafft so die Voraussetzungen für unser Leben auf der Erde. Himmel und Erde, Sonne und Sterne, Wasser und Land, Pflanzen und Tiere, Mann und Frau – alles hat Gott ins Leben gerufen. Wir sind also nicht zufällig hier auf diesem Planeten, sondern wir sind Gottes Geschöpfe. Wir sind nicht willkürlich so entstanden. Gott hat uns zu seinem Bilde geschaffen, heißt es im Predigttext. Das ist etwas ganz Außergewöhnliches, auch für Gott. Pflanzen, Vögel, Fische und Landtiere – diese Lebewesen hat Gott alle nach „ihrer Art“ geschaffen. Den Menschen aber macht er nach seinem Bilde. Er ist Gottes Ebenbild. Unser deutscher Begriff „Ebenbild“ ist etwas unverständlich. Wir sind ja nicht als Gottes Doppelgängerinnen und Doppelgänger geschaffen. Was der hebräische Text sagen will, ist, dass Gott Mann und Frau nach seinen eigenen Vorstellungen schafft, dass wir etwas ganz besonderes sind, dass wir Gott ganz nahe stehen und so zu einer Art Abbild Gottes werden. Von Angesicht zu Angesicht begegnet der Schöpfer seinen Geschöpfen und erteilt ihnen direkt den ersten Auftrag: Die Menschen sollen die Erde bebauen und bewahren. Sie sollen sich vermehren und für den Fortbestand der Schöpfung sorgen. In dieser schlichten Beschreibung ist eine der größten Fragen der Menschheit beantwortet: „Wozu leben wir?“ Der Mensch ist berufen zur Verantwortung. „Ver-antwortung“, dieser Begriff zeigt, dass unser Verhalten auch als Antwort auf Gottes Schöpfung zu verstehen ist. Ganz wichtig finde ich, dass wir als Gottes Geschöpfe keine Marionetten sind. Wir besitzen keine Fernsteuerung, sondern sind selbst verantwortlich für unser Tun und Lassen. Das ist von Gott so angelegt. So hat er sich das ursprünglich gedacht und für gut befunden. Dass wir an vielen Stellen versagen, ja oft kläglich scheitern, uns und unsere Welt immer wieder in große Gefahr bringen, steht auf einem anderen Blatt. Ein paar Kapitel später ist der Zorn Gottes darüber so groß, dass er eine vernichtende Flut über die Erde kommen lässt und einen Neuanfang mit den Menschen wagt. Von da an ist klar: Wir leben nicht mehr im Paradies. Wir machen Fehler, versündigen uns und entfernen uns immer wieder von Gott. Doch Gott hat sein großes „Trotzdem“ dagegen gesetzt. Trotz aller Verfehlungen verlässt er uns nicht. Wir fallen nicht heraus aus seinem Haus, das er an den Anfang der Geschichte der Welt gesetzt hat. Doch die Verantwortung bleibt, für uns, das Leben unser Kinder und Enkel und für unsere Erde. Gott stehe uns bei.

Amen.

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