Predigt am Sonntag Judika über Markus 10,35-45 von Kerstin Strauch

Am vergangenen Wochenende waren wir in der Eifel unterwegs. Wir konnten das schöne Wetter genießen, das war toll. Doch davon will ich nicht erzählen, sondern von einer kleinen Beobachtung auf dem Weg durch die Bitburger Fußgängerzone. Als wir über die Straße liefen fiel mir ein Gullideckel auf mit der Aufschrift: „Dieser Platz ist reserviert für Sie.“ In dem Moment freute ich mich, dass ein ganz anderer Platz für mich reserviert war – nämlich in einem Restaurant, wo wir abends einkehren wollten. Aber ins Nachdenken brachte mich der Gullideckel dann doch: Dieser Platz sollte für mich reserviert sein? Ein Platz, unter dem Fäkalien und Abwässer der Stadt dahinrauschen? Einstieg in eine Unterwelt, wenn Reparatur- und Säuberungsarbeiten zu erledigen sind? Nein, diesen Platz will ich nicht für mich reserviert haben! Beim zweiten Blick las ich, dass Geschäftsleute offensichtlich diesen Gullideckel als Werbefläche kaufen können. Kein Wunder, dass diese Werbefläche noch frei ist. Wer möchte schon Produkte anpreisen, die von allen Vorübergehenden mit Füßen getreten werden?

Bleibt die Frage: Welcher Platz ist dann für mich reserviert? Oder gibt es gar keinen reservierten Platz? Muss ich ihn mir verdienen oder erkämpfen?

Genau das beschäftigte auch die Menschen um Jesus. Wir hören dazu den Predigttext für heute. Er steht im 10. Kapitel des Markusevangeliums: Jakobus und Johannes, die Söhne von Zebedäus, traten nahe an Jesus heran und sagten zu ihm: „Lehrer, wir möchten, dass du uns eine Bitte erfüllst.“ Jesus fragte sie: „Was möchtet ihr denn? Was soll ich für euch tun?“ Sie antworteten ihm: „Lass uns rechts und links neben dir sitzen, wenn du regieren wirst in deiner Herrlichkeit.“

Aber Jesus sagte zu ihnen: „Ihr wisst nicht, um was ihr da bittet. Könnt ihr den Becher austrinken, den ich austrinke? Oder könnt ihr die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde?“ Sie antworteten ihm: „Das können wir.“

Da sagte Jesus zu ihnen: „Ihr werdet tatsächlich den Becher austrinken,

den ich austrinke. Und ihr werdet die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde. Aber ich habe nicht zu entscheiden, wer rechts und links von mir sitzt. Dort werden die sitzen, die Gott dafür bestimmt hat.“ (Mk 10,35-40; Basisbibel)

Unmittelbar zuvor hatte Jesus zum dritten Mal gesagt, dass er leiden und bald sterben würde. Beim ersten Mal hatte Petrus ihm Vorwürfe gemacht, dass so etwas nicht passieren dürfe. Nach der zweiten Leidensankündigung hatten sich die Jünger gestritten, wer von ihnen der Größte sei. Und nun, als Jesus zum dritten Mal davon spricht, folgt der Wunsch von Jakobus und Johannes, die Ehrenplätze im Himmelreich einnehmen zu dürfen. Die beiden wollen sich ihren Platz reservieren. Wenn Jesus schon leiden und sterben muss, sie also bald verlassen wird, wollen sie sicher gehen, dass sie nach ihrem Tod ganz nah bei Jesus sein werden. Drehten sich die Gedanken der Jünger zuvor noch um rein irdische Dinge, so geht es jetzt um das Himmelreich. Dabei bleibt die Entscheidung Jesu nicht folgenlos für das Leben der Jünger auf der Erde. Wenn Jesus den beiden ihren Wunsch erfüllt hätte, dann wäre klar, dass sie fortan auch eine andere Stellung innerhalb der Jüngerschaft gehabt hätten. Daher auch der Ärger der anderen Jünger, davon hören wir gleich noch.

Jetzt aber erst einmal zu uns. Denn auch für jeden und jede von uns stellt sich die Frage: „Wo ist mein Platz im Leben?“ Diese Frage müssen wir alle beantworten. Ich muss wissen, wo ich stehe. Ich brauche ein Mindestmaß an Anerkennung und Wertschätzung, sonst fühle ich mich selbst wertlos und werde krank. Jesus kennt diese Frage und er weiß, wie es sich anfühlt, an den Rand gedrängt zu werden. Er selbst hatte keinen Platz in dieser Welt, wurde ans Kreuz genagelt. So kehrte er zurück auf seinen Platz – bei Gott.

Doch bevor er das tut, fordert Jesus uns auf, unsere Blickrichtung zu ändern. Das macht er auch seinen Jüngern deutlich. Ich lese den zweiten Teil des Predigttextes:

Die anderen zehn hörten das Gespräch mit an und ärgerten sich über Jakobus und Johannes. Da rief Jesus auch sie näher herbei und sagte zu ihnen:

„Ihr wisst: Die Herrscher der Völker unterdrücken die Menschen, über die sie herrschen. Und die Machthaber missbrauchen ihre Macht. Aber bei euch darf das nicht so sein: Sondern wer von euch groß sein will, soll den anderen dienen. Und wer von euch der Erste sein will, soll der Sklave von allen sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen. Im Gegenteil: Er ist gekommen, um anderen zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für die vielen Menschen.“ (Mk 10,41-45, Basisbibel)

Jesus zeigt in eine andere Richtung – nach unten. Er zeigt – um im Bild des Gullideckels zu bleiben – auf die Kanalarbeiter, die in den Untergrund steigen, um den Mist und Dreck der Stadt zu beseitigen. Jesus zeigt nicht auf die, die vielleicht mit vollen Einkaufstauschen und in schöner Kleidung über die Straßen flanieren. Jesus stellt die gewohnten Verhältnisse auf den Kopf. Darüber wird in der Bibel immer wieder berichtet. Deshalb sagt er auch an anderer Stelle: „Die Letzten werden die Ersten sein!“

Er will, dass wir alle Erste sind: Erste in der Liebe und im Dienen. Indem Jesus das fordert, will er, dass wir im Hier und Jetzt schon den „himmlischen“ Gesetzen folgen. Das sind die Gesetze des Reiches Gottes, das mit Jesus in der Welt schon begonnen hat.

Heute ist der fünfte Sonntag der Passionszeit. Immer näher kommen wir dem Leiden und Sterben Jesu.

Welchen Platz habe ich im Leben? Für Jesus ist der Platz am Kreuz. Auch den Jüngern bleibt das Martyrium nicht erspart. Sie trinken den Kelch, den Jesus trinkt. Sie werden mit der Taufe getauft, mit der er getauft wird. Jakobus war wahrscheinlich der erste der zwölf Apostel, der um das Jahr 44 nach Christus hingerichtet wurde.

Bis heute erleiden unzählige Menschen Verfolgung und Tod wegen ihres Glaubens. Wir wissen, dass Christen im Irak, in Syrien, in Ägypten, in Nordkorea, Vietnam und China, in Nigeria, Pakistan und Afghanistan schwersten Verfolgungen ausgesetzt sind. Rund 100 Millionen Christen leiden heute unter Verfolgung. Sie leben zum Teil in Ghettos, Flüchtlingslagern und Gefängnissen. Welchen Platz haben sie im Leben?

Die Antworten sind ernüchternd.

Doch auch wir, die wir nicht unter Verfolgung leiden, kennen Leid und Schmerz. Gerade in den letzten Wochen sind wir täglich der Kriegsberichterstattung aus der Ukraine ausgesetzt. Plötzlich müssen wir uns damit befassen, dass die Auswirkungen auch für uns hier spürbar sind: Es fehlt an Gas und Benzin, an Mehl und Öl, und alles wird immer teurer. Gerade in der letzten Woche erschrak ich bei einem Bericht in der Tagesschau, wie detailliert die Zuschauerinnen und Zuschauer über eventuell in Israel zu erwerbende Flugabwehrsysteme informiert wurden. Das sind die Zeiten, in denen wir leben. Und diese Zeiten machen Angst. Richten wir unseren Blick noch einmal auf das, was mit Jesus passierte: Im Moment dieser Angst  nahm der Schmerz alles in Anspruch und es wurde deutlich, welcher Platz für ihn und für uns reserviert ist: das Grab.

Liebe Gemeinde, das sind keine ermutigenden Gedanken. Aber es sind Gedanken, die die meisten von uns kennen. Wir können ihnen nicht aus dem Weg gehen. Aber wir dürfen auch nicht auf halbem Wege stehen bleiben. Der heutige Sonntag, der Palmsonntag nächste Woche und auch der Karfreitag sind keine Endpunkte des Weges, sondern Zwischenstationen. Weil sie nicht das Ende sind, können wir diese Tiefpunkte überhaupt nur aushalten. Das wusste Jesus. Immer, wenn er mit seinen Jüngern über sein Leiden und Sterben sprach, redete er auch von seiner Auferstehung. Selbst das Grab war für Jesus nicht das Ende. Es war sein Platz für drei Tage.

Danach nahm er seinen Platz im Himmel ein, um uns allen für immer nahe zu sein. Diese Hoffnung, unser Glaube, verhindert nicht den Schmerz und das Leid. Aber die Gewissheit, dass das Grab nicht unser letzter Platz im Leben ist, macht es leichter, mit diesem Schmerz zu leben.

Jakobus und Johannes fragten nach ihrem Platz im Himmelreich. Jesus entschied diese Frage nicht, sondern überließ sie seinem himmlischen Vater. Und der hat viel Platz – für alle. Das weiß Jesus, wenn er sagt: In meines Vaters Hause, sind viele Wohnungen.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass manche in die Penthousewohnung einziehen und andere im Keller hausen müssen. Wichtig ist, dass jeder Mensch seinen Platz im Leben findet in der Gewissheit: Bei Gott habe ich immer einen Platz. Den brauche ich nicht zu reservieren, der wird mir geschenkt.

Amen. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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