Predigt am Sonntag Lätare (22.03.2020) von Volker Strauch

Liebe Gemeinde,

Gott will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. Mich berühren die Worte des Propheten Jesaja heute ganz besonders. Gott, der uns so nah ist wie eine Mutter, die ihr Kind liebevoll umarmt. Zärtlich über die Wange streichelt. Es schützend im Arm wiegt. Für mich enthalten diese Worte eine große Kraft in einer Zeit, in der es doch gerade die Nähe zu anderen Menschen ist, auf die wir nun eine Zeit lang verzichten müssen. Als eine Stadt, die Menschen tröstet, so sieht Jesaja die Zukunft Jerusalems. Ich habe Sehnsucht danach, dass wir nahe zusammenrücken könnten dieser Tage. Hände halten, ermutigend auf Schultern klopfen, umarmen. Wir können es nicht. Das ist schmerzlich und traurig.

Auch Israel war voller Schmerz und voller Trauer, als Gott das Wort an sein auserwähltes Volk durch Jesaja richten lässt. Israel war am Ende. Nach großen Kämpfen und kriegerischen Auseinandersetzungen hatten sie den Kampf gegen einen zu mächtigen Gegner, die Babylonier, verloren. Viele Menschen wurden ins Exil, ins Ausland, in die Fremde verschleppt. Die Zurückgebliebenen standen vor den Trümmern ihres Landes, auch vor den Trümmern ihres Zentralheiligtums. Der Tempel war zerstört, genauso die Träume vieler Menschen. Schmerz und Trauer bestimmten das damalige Leben, so wie wir schmerzliche Einschnitte hinnehmen müssen im Moment und trauern über die Lage, in der wir uns im Moment befinden.

Das Virus breitet sich aus, aus den anfänglichen einzelnen Berichten vom fernen China sind Nachrichten geworden, die unsere Nachrichten und ja, auch unser öffentliches Leben bestimmen. Kaum etwas Anderes wird im Moment diskutiert. Corona bestimmt unser Leben. Und gesellschaftliches Leben kommt zum Erliegen. Israel damals, der Großteil der Welt heute, Leid und Trauer.

Genau in diese Zeit der Trauer lässt Gott neue Töne anklingen in seinem Propheten Jesaja. Etwas Anderes, etwas Gutes wird sich ausbreiten in Israel. Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Ihre Kinder sollen auf dem Arme getragen werden, und auf den Knien wird man sie liebkosen.

Israel bekommt neue Hoffnung, eine Vision von einer besseren, einer friedlichen Zukunft. Das kann die Menschen damals schon im Leid wieder zuversichtlicher nach vorne schauen.

Mitten in der Passionszeit, in der es um das Leiden und Sterben Jesu geht, steht am Sonntag Lätare die Freude im Mittelpunkt. Freude mitten in der Passionszeit – warum? Weil schon im Sterben das Leben begriffen ist. Plastisch die Bilder, die Jesus wählt: Nur das Samenkorn, das in die Erde fällt, bringt Frucht. Brot muss verzehrt werden, um stärken zu können. Er selbst ist das Brot für uns, das jetzt schon den Hunger nach Leben stillt. Auch wenn wir nur das Schlimmste sehen: Trost ist ganz nahe. Denn Gottes Zusage gilt: Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer.

Mitten im Leid die Freude. Und solche kleine Freude-Zeichen sehe ich auch jetzt in unserer angespannten Situation:

Es ist doch schon jetzt so viel Solidarität und Trost zu spüren, den Menschen in einer Stadt einander zu geben vermögen. Viele Junge bieten sich an Einkäufe zu erledigen für Ältere, die jetzt besser zu Hause bleiben sollten. Es wird gesungen und musiziert an Fenstern oder auf Balkonen. Menschen rufen einander an, um in Kontakt zu bleiben. Auch dass wir jetzt gerade miteinander per Livestream verbunden sind ist ein solches Trostzeichen in unserer Stadt. „Ihr werdet an Jerusalem getröstet werden. Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen.“ Nun ist es ja mit dem Sehen der Hoffnungszeichen gar nicht so einfach, wenn man so viel Zeit in den eigenen vier Wänden verbringt. Ich sage ihnen, wie ich das mache. Vielleicht ist es ja auch eine Idee für sie. Ich habe an mir selbst in den letzten Tagen gemerkt, dass ich so viel Nachrichten geschaut habe, dass ich fast nur noch daran dachte, was ich jetzt nicht mehr darf. Und ich haben dann angefangen, jeden Tag ganz bewusst und genussvoll irgendetwas zu tun, was ich darf. Zum Beispiel mir 5 Minuten Zeit genommen, um ein Musikstück ganz bewusst anzuhören, das ich sehr liebe. Oder im Garten einfach zu stehen und zu staunen über die nun aufblühende Natur. Oder mich wieder ein wenig mehr dem Musikmachen gewidmet, sei es mit der Trompete oder am Schlagzeug. Oder ein paar Brownies gebacken, den Duft aus dem Backofen aufgenommen und sie auch beim Verzehr genossen.

Für mich sind dies im Moment die Augenblicke, in denen ich spüre, dass Gott nahe ist, so wie eine Mutter ihrem Kind nahe ist. Und dieser tägliche Moment erinnert mich daran, dass eine Zeit kommen wird, in der wieder all die Freiheit sein wird, die wir lieben. Vielleicht haben auch Sie Lust einmal am Tag ganz bewusst etwas zu tun, was Ihnen Freude macht. Ich freue mich schon jetzt, wenn wir eines Tages einander von all diesen Momenten erzählen können, auf dem Marktplatz, in unserer Kirche, in Cafés. Dann, wenn unsere Stadt Pirmasens wieder so blühen wird wie die Stadt Jerusalem, die Jesaja vor sich sieht. Bis dahin seien Sie gewiss: für Gott gelten keine Abstandsregeln. Gott ist uns nahe und hat uns versprochen: Ich will euch trösten so wie eine Mutter tröstet. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

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