Liebe Gemeinde,
Es gibt diese Abende, da sitzt man einfach nur da.
Vielleicht mit der Zeitung in der Hand. Oder vor den Nachrichten im Fernsehen. Oder auch mit dem Handy. Und überall das Gleiche: Kriege. Krisen. Konflikte.
Dinge, die weit weg passieren – und trotzdem etwas mit mir machen.
Und irgendwann merke ich: Es ist nicht ein Problem. Es ist einfach… alles zusammen. Man sitzt da und denkt: Ich bin einfach fertig.
Nicht nur müde – sondern innerlich erschöpft.
Vielleicht kennen Sie dieses Gefühl auch:
Dass man unterwegs ist im eigenen Leben – aber gar nicht mehr genau weiß,
ob man noch auf dem richtigen Weg ist. Die Bibel hat dafür ein erstaunlich ehrliches Bild: „Ihr wart wie Schafe, die sich verirrt hatten.“
Von diesem Bild erzählt uns der heutige Predigttext. Worte, die ehrlich sind – und vielleicht auch herausfordernd.
Ich lese aus dem ersten Petrusbrief,
Kapitel 2, die Verse 21 bis 25:
21 Christus hat euch ein Beispiel gegeben,
damit ihr seinen Spuren folgt.
22 Er hat keine Sünden begangen
und keine Lüge kam aus seinem Mund.
23Er wurde beschimpft, aber er gab es nicht zurück.
Er litt, aber er drohte nicht mit Vergeltung.
Vielmehr übergab er seine Sache dem gerechten Richter.
24Christus selbst hat unsere Sünden
mit seinem eigenen Leib hinaufgetragen an das Holz.
Dadurch sind wir für die Sünde tot
und können für die Gerechtigkeit leben.
Durch seine Wunden seid ihr geheilt worden.
25Ihr wart wie Schafe, die sich verirrt hatten.
Aber jetzt seid ihr zurückgekehrt zu eurem Hirten,
der euch beschützt. (Basisbibel)
Kanzelbitte
Gott, gib uns ein Herz für dein Wort und ein Wort für unser Herz. Amen.
Als ich den Text zum ersten Mal gelesen habe, bin ich an einigen Stellen hängen geblieben. Da ist von viel Leid die Rede, das Jesus ausgehalten hat.
Vom Leiden eines Menschen, der Liebe gelebt hat und dafür Ablehnung erfahren musste. Der Menschen nahe war und dennoch verlassen wurde. Der Frieden gesucht hat und Gewalt ertragen musste. Der seinen Weg bis ans Kreuz gegangen ist. Und es ist von einer Haltung die Rede, die nicht unbedingt leichtfällt:
Unrecht hinnehmen – und trotzdem nicht zurückschlagen.
Das fordert mich heraus. Vielleicht geht es Ihnen ähnlich.
Der erste Petrusbrief hatte auch Menschen im Blick, die in der Sklaverei lebten.
Menschen mit wenig Schutz, wenig Stimme und wenigen Möglichkeiten.
Auch heute hören wir diese Worte heute besonders aufmerksam.
Denn es wäre völlig falsch, daraus zu machen: Ertragt einfach alles – dann gefällt es Gott. Kirche darf nie dazu beitragen, dass Unrecht bestehen bleibt. Es kann nie darum gehen, Unrecht gutzuheißen. Es kann nur darum gehen, wie man damit lebt,
wenn es einem begegnet. Dann zeigt dieser Text nicht zuerst eine Regel – sondern eine Spur. Den Weg Jesu. Da ist einer, der Unrecht erlebt hat – und nicht daran zerbrochen ist. Der nicht zurückgeschlagen hat, aber auch nicht gleichgültig war.
Ich glaube, es geht hier nicht darum, dass wir einfach genauso sein sollen.
Wir dürfen uns an diesem Weg orientieren. Schritt für Schritt. Nicht perfekt. Eher suchend. Und noch mehr: Dieser Weg bleibt nicht einfach ein Beispiel.
Er sagt nicht nur: Schau auf Jesus und versuche, so zu leben. Gott selbst geht in dieses Leid mit hinein. Gott bleibt nicht auf Distanz. Gott erklärt das Leid nicht von außen. Gott hält es mit aus. Von innen heraus.
Wenn der Petrusbrief sagt: „Durch seine Wunden seid ihr geheilt worden“ (V. 24b) steckt darin etwas ganz Entscheidendes. Das bedeutet nicht: Alles ist plötzlich gut.
Aber es heißt: Was mich verletzt, bleibt nicht das Ende der Geschichte. Weil Gott genau dort zu finden ist. Mittendrin. Und darin steckt auch: Wenn wir Leid erleben, muss das nicht einfach nur sinnlos sein. Dann geht er nicht nur neben uns auf dem Weg, wir sind mit ihm verbunden. Mit seinem Weg, mit seinem Leid.
Ich denke an eine Frau, die ich kennenlernen durfte. Sie lag nach einem schweren Unfall im Krankenhaus. Lange Zeit war nicht klar, ob sie überleben würde. Vieles stand auf der Kippe. Die meiste Zeit war sie nicht ansprechbar. Und in den Momenten, in denen sie wach war, betete sie mit den Menschen an ihrem Bett.
Später hat sie gesagt: Diese Zeit hat alles verändert. Ihr früheres Leben konnte nicht einfach so weitergehen. Vieles wurde anders. Aber nicht nur schwerer. Sie hat ihren alten Beruf hinter sich gelassen und einen neuen Weg begonnen. Einen Weg, der sie erfüllt. Heute begleitet sie selbst Menschen im Krankenhaus – als ehrenamtliche Seelsorgerin. Das Leid war nicht gut. Aber es hatte nicht das letzte Wort. Ich merke,
wie dieses Schicksal mir nahe kommt und mich berührt.
Am Anfang habe ich von der Erschöpfung gesprochen. Von dem Gefühl, dass manchmal einfach alles zu viel ist. Zu viele Stimmen. Zu viele Erwartungen. Zu viele Dinge, die gleichzeitig an einem ziehen. Und irgendwann merke ich:
Ich funktioniere nur noch. Aber ich weiß eigentlich gar nicht mehr genau,
woran ich mich orientieren soll.
Ich spüre, sich zu verirren hat nicht immer mit einer falschen Entscheidung zu tun.
Manchmal passiert es einfach. Schritt für Schritt. Und genau da setzt unser Text an.
Nicht mit einem Vorwurf. Sondern mit einer Zusage:
Ihr seid nicht allein unterwegs. Der Predigttext endet mit einem Satz, der fast leise wirkt: „Ihr seid zurückgekehrt…“ (V. 25)
Das klingt nach einem wunderbaren Moment, nach Hause kommen. Ankommen. Aufatmen. Und doch glaube ich, so einfach ist das nicht. Zurückkehren ist nicht nur ein einziger Augenblick. Es ist oft eine Bewegung. Immer wieder neu. Wenn ich suche, wenn ich zweifle, wenn ich weitergehe, obwohl ich nicht alles weiß.
Wenn ich falle und neu beginne. Wenn ich müde bin und trotzdem nicht stehen bleibe. Glauben könnte genau das bedeuten: Immer wieder aufzubrechen. Immer wieder heimzufinden. Nicht, weil ich alles im Griff habe. Sondern, weil ich darauf vertraue, dass ich nicht allein gehe. Und diese Zusage finde ich in unserem Predigttext.
Der französische Schriftsteller Paul Claudel
hat einmal gesagt: „Rede über Christus nur dann, wenn du gefragt wirst. Aber lebe so, dass man dich nach Christus fragt.“
Vielleicht beginnt Glauben genau dort: Wenn wir uns auf den Weg machen. Im aufrechten Suchen. Im interessierten Fragen. Selbst im Zweifeln. Und im gemeinsamen weitergehen. Und vielleicht werden wir dann gefragt:
Was trägt dich? Woher nimmst du deine Hoffnung? Wer geht mit dir?
Vielleicht können wir dann nicht nur antworten – sondern auch selbst ein Stück Wegbegleitung für andere sein. Und glaubend mit dieser leisen Hoffnung: Dass wir nicht verloren gehen, weil einer mitgeht. Wie ein guter Hirte.
Amen.