Predigt am Sonntag Reminiszere (08.03.2020) über Römer 5,1-5 in der Prot. Johanneskirche Pirmasens

Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus;

durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird.

Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt,

Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung,

Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.

 

Liebe Gemeinde,
10 Jahre ist es her, dass eine Kirchenfrau in Deutschland große Schlagzeilen schrieb. Erinnern Sie sich daran? Damals war die Bischöfin Margot Käßmann unter Alkoholeinfluss Auto gefahren. Dass hatte für viel Furore gesorgt. Man fragte sich: Ist sie ihrer Verantwortung gerecht geworden? Ihrem Amt, ihrer Aufgabe? Ist sie an ihren eigenen hohen Ansprüchen gescheitert?

Dass eine evangelische Bischöfin es in die größte deutsche Zeitung schafft, dass selbst ausländische Medien über sie berichten – das zeugt von einem besonderen Interesse an der Person, das weit über ihr Amt hinausgeht.
Wie kam es zu diesem Interesse? Wie kam es zu diesem Erschrecken, diesem Bedauern? Es ist ja nicht das erste Mal, dass man den Eindruck hat, ein Mensch ist seiner Aufgabe nicht gerecht geworden. Das passiert andauernd, bis heute. Auch mit Kirchenmenschen. Und mir scheint, dann ist der Schock noch größer als bei Politikern, Popstars oder Filmemachern. Bei denen kann man gut trennen zwischen der Person und dem, was sie leisten. Bei Menschen im kirchlichen Dienst ist das nicht so üblich.
Aber nun war da jemand an der Spitze einer Kirche, eine fromme und kluge Frau, die einen schweren Fehler machte und einen Tag nach Bekanntwerden zurücktrat.

Und das Echo in Medien und Gesellschaft war so groß wie lange nicht mehr.

Warum rührte uns der Rücktritt von Margot Käßmann damals so sehr an? Warum erhitzten sich die Gemüter um diese Ereignis derart?
Es scheint, wir Menschen verarbeiten mit den vielen Reaktionen auf dieses Ereignis vor allem das, was uns selbst damit wieder einmal verloren gegangen ist: Ein Stück heile Welt. Wir wollen so gern daran festhalten, dass nicht alles kaputt ist. Dass es Menschen gibt, die nur gut sind. Die ihren Aufgaben, ihren Mitmenschen gerecht werden. Die uns selber für unser Leben zeigen: Das geht, es ist möglich, vielleicht kein perfektes, aber ein anständiges Leben zu führen. Die uns Vorbild darin sind, gut zu sein. Diesen Traum von der heilen Welt, den werden wir nicht los.
Die Bibel ist da realistischer. Sie weiß: Seit dem Garten Eden gibt es keine heile Welt mehr. Kein Mensch wird der Bestimmung gerecht, zu der Gott uns geschaffen hat. Wir sind nach Gottes Bild geschaffen. Sollen in einer engen Beziehung zu ihm leben. Mit ihm reden über das, was uns beschäftigt, auf ihn hören, nach seinem Willen leben.
Wir lassen uns jedoch ungern sagen, was wir tun und lassen sollen. Wir wollen selber über unser Leben bestimmen. Selbst wenn wir die Bibel lesen und nach Gottes Geboten leben, dann doch meist, weil sie uns persönlich einleuchten. Und nicht weil wir Gott vertrauen, dass er es auf jeden Fall gut mit uns meint.
Wir Menschen leben Ewigkeiten weit weg von Gott. Auch die Frömmsten unter uns. Darin unterscheiden wir uns nicht, egal wie angesehen oder anständig oder fromm wir sonst wirken. Wir brauchen gar nicht auf andere zu schauen. Wir sind doch selber die besten Beispiele. Wir wirken anständig und hilfsbereit, und – hey, ich meine, wir gehen sonntags morgens in die Kirche, wer kann das schon von sich sagen? Aber wenn wir in uns hineinschauen, wenn wir sehen, wozu wir fähig wären, wenn’s nur erlaubt wäre oder wir nicht erwischt würden – heile Welt sieht anders aus.
Wir können versuchen, Gottes Anspruch gerecht zu werden. Und wir versuchen es auch jeden Tag. Ein Mensch versucht, mit vielen guten Taten, mit einem besonders vorbildlichen Leben diese Kluft zu Gott zu überbrücken. Ist nett zu seinen Nachbarn, auch den unangenehmen. setzt sich für den Klimaschutz und für Benachteiligte ein, spendet Geld und Blut. Es wäre gut, es gäbe mehr von der Sorte. Die Welt würde besser aussehen. Aber sie würde nicht heil werden. Solange wir uns so um uns selbst drehen, bleiben wir von Gott getrennt.
Ein anderer sagt sich: Ich tue lieber nichts. Wer schläft, sündigt nicht. Ich denke nach über Gott und die Welt, versuche, dem Geheimnis auf den Grund zu gehen. Meditiere und bete. Das tut gut. Aber es löst das Problem nicht.
Ein dritter sehr beliebter Weg ist die Religion. Ich gehe zum Gottesdienst, lese in der Heiligen Schrift – oder in mehreren –, bete, singe im Chor, fahre auf Kirchentage und versuche so vielen Menschen wie möglich vom Evangelium zu erzählen und danach zu leben. Auch das ist alles nicht verwerflich. Es macht uns nur auch nicht besser in Gottes Augen.

Wir können ihm nicht gerecht werden. In dieser Hinsicht sind wir alle gleich. Wenn wir uns das eingestehen würden, dass in Gottes Augen keiner von uns besser oder schlechter ist, dann würden wir wohl weniger mit dem Finger auf andere zeigen. Dann könnten wir Gnade walten lassen, auch da, wo Menschen an anderen Aufgaben scheitern. Auch dort, wo sie schuldig werden.
Die Bibel ist voll von Beispielen, wo Menschen, die wirklich nicht das waren, was man landläufig „Heilige“ nennt, von Gott gebraucht wurden. Ein ägyptischer Höfling, der zum Totschläger wurde, fliehen musste und 40 Jahre Schafe weidete, den benutzte Gott, um als Hirte sein Volk aus der Sklaverei in die Freiheit zu führen – Mose. Ein König, der einem anderen Mann die Frau wegnahm und diesen dann in den sicheren Tod schickte – was für die Menschen der Bibel ungefähr gleich schlimm ist – dieser Mann soll der Stammvater des Sohnes Gottes werden – David. Ein Jünger, der in dem Moment, wo Jesus ihn am meisten gebraucht hätte, kneift und bestreitet, ihn zu kennen, der soll der erste Hirte der Kirche sein – Petrus. Lauter Menschen, die ihrer Aufgabe, nach Gottes willen zu leben, nicht gerecht worden sind. Die versagt haben, kläglich. Und die Gott trotzdem gebrauchen will. Warum?
Weil Gott ein Auge zudrückt? Weil er auch auf krummen Linien gerade schreibt?
Der Apostel Paulus, der selber viele Fehler gemacht hat, gibt eine andere Antwort. Er schreibt: Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus.
Das, was uns vor Gott gut macht, gerecht macht, brauchbar macht, ist nicht unsere Leistung. Nicht die sportliche oder asketische, nicht die soziale oder die fromme Leistung. Wir werden jeden Tag schuldig, an Gott, an unseren Mitmenschen, an uns selber. Und Gott entschuldigt nichts. Es kann nicht entschuldigt werden. Es kann nur vergeben werden. Das ist es, was Gott tut. Weil Gott selber Mensch geworden ist, weil er in Jesus Christus auf der Erde gelebt hat, weil er für unsere Schuld gestorben ist, darum können wir in Gottes Augen gut dastehen. Gott hat beschlossen, mit uns zu tauschen. Er wird Mensch und trägt am Kreuz die Strafe für unsere Sünde. Und wir bekommen dafür seine Güte, seine Gerechtigkeit gutgeschrieben. Er lädt uns ein, mit ihm zu leben, seinen Tod und seine Auferstehung für uns gelten zu lassen. Das ist es, was die Bibel mit dem Wort „Glauben“ meint.  Er ist es, durch den wir vor Gott gerecht werden, welche Fehler auch immer wir gemacht haben. Und dann geht es weiter, alles andere ergibt sich daraus, und ich will es nur schlaglichtartig beleuchten:
Wir haben Frieden mit Gott durch Jesus Christus: Egal, mit welchen Menschen wir im Streit liegen, wer uns anfeindet, wen wir bekämpfen – mit Gott haben wir Frieden, weil er selber am Kreuz diesen Frieden geschlossen hat. Wer das ernsthaft verstanden und verinnerlicht hat, muss nicht mehr kämpfen. Kann auch jeden anderen Menschen als jemanden sehen, mit dem Gott schon Frieden geschlossen hat, auch wenn er selber noch dagegen ankämpft. Warum sollte ich da nicht auch in Frieden mit ihnen leben? Mit den Eltern? Mit den Kindern? Mit den Kollegen? Den Nachbarn? Wie wäre es, heute damit anzufangen?
Wir rühmen uns der zukünftigen Herrlichkeit: Auch wenn wir im Leben nichts getan haben sollten, worauf wir stolz sein können, das, was Gott uns schenken will, kann uns froh und stolz machen.
Die Vorfreude darauf kann so groß sein, dass Paulus sogar darauf stolz sein kann, was ihm Menschen antun. Er ist verfolgt, verprügelt und ins Gefängnis gesteckt worden für seinen Glauben an Christus. Und den christlichen Gemeinden seiner Zeit ging es nicht besser. Aber sie wussten, wir müssen jetzt geduldig sein, aber die Geduld lohnt sich. Das Beste kommt noch.
Liebe Gemeinde:
Ist sie ihrer Verantwortung gerecht geworden? Ihrem Amt? Ihren eigenen Ansprüchen? Mir steht es nicht an darüber zu urteilen und es geht mich auch nichts an. Werden wir dem gerecht, wozu Gott uns geschaffen hat? Nein, wir werden es nicht. Aber Gott selber hat dieses Problem gelöst. Weil er zu uns gekommen ist und die Schuld getragen hat, darum können wir nun zu ihm kommen. Das geht uns etwas an, Gott sei Dank!
Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

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