Predigt am Sonntag Trinitatis über 4. Mose 6,22-27 von Kerstin Strauch

„An Gottes Segen ist alles gelegen.“ Schön eingerahmt hängt dieser Spruch in so manchem Wohnzimmer. „Viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen“ singen wir zum Geburtstag. „Jeder Tropfen Regen bringt in der Ehe Segen“ habe ich schon oft bei Trauungen gehört, als der Himmel wolkenverhangen war. Und wenn wir mal eine unerwartete Finanzspritze bekommen, sprechen wir vom „Geldsegen“.

Segen – das hat etwas mit Geschenk zu tun. Wir können es nicht anordnen, nicht im Katalog bestellen. Segen erhoffen wir. Segen können wir uns gegenseitig zusprechen und uns Segen wünschen. Am Ende jedes Gottesdienstes, sowohl in der Kirche als auch in der Synagoge, steht der Segen, um den wir Gott bitten.

Es sind uralte Worte, die da immer gesprochen werden. Es sind Worte aus der Geschichte Israels. Doch hören Sie selbst, wie das 4. Buch Mose über diese Segensworte berichtet (Num 6,22-27):

Und der HERR redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. Denn ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.

Die Worte sind uns vertraut. Viele Male haben wir sie gehört. Für Mose sind sie damals ganz neu gewesen. Er bekommt viele Regeln und Vorschriften mit auf den Weg. Gott hat schon eine Weile zu Mose gesprochen, da hört Mose, was Gott zum Segnen sagt.

Segnen war den Israeliten nicht fremd. Sie taten es regelmäßig, um daran zu erinnern, dass unser Leben nicht selbstverständlich ist. Sie erinnerten sich daran, dass Gott bei ihnen ist, auf dem Weg durch den Tag. So ist es auch heute noch in einigen jüdischen wie christlichen Familien üblich, einander ein Segenswort mit auf den Weg zu geben, das uns daran erinnert: Gott ist mit uns unterwegs. Er sieht uns und sein Segen begleitet uns.

Doch die Worte, die Mose von Gott gesagt bekommt, sind nicht alltäglich. Kunstvoll geformt in dichterischer Sprache sollen sie so und nicht anders dem Gottesvolk mit auf den Weg gegeben werden.

Denn Israel steht nach der langen Wanderung durch die Wüste an einer neuen Etappe: In Kürze werden sie endlich in das Land ziehen können, das Gott ihnen versprochen hat. Es ist ein wichtiger Übergang, der durch das Segenswort begleitet wird.

Übergänge feiern auch wir als Segenshandlungen in der Kirche.

Werden kleine Kinder getauft, so feiern die Familien in der Regel mit der Taufe auch ein Fest, weil ihr Leben sich grundlegend verändert hat. Aus einem Paar wird durch das erste Kind eine kleine Familie. Für viele ist dieser Übergang eine der größten Veränderungen in ihrem bisherigen Leben. Jugendliche sagen noch einmal bewusst Ja zu der Entscheidung ihrer Eltern, sie taufen zu lassen. Bei der Konfirmation werden sie gesegnet auf dem Weg ins Erwachsenwerden.

Taufe und Konfirmation sind nur zwei Beispiele für viele Übergänge in unserem Leben. Gottes Segen begleitet uns besonders auch in dieser Zeit. In den vergangenen Wochen hat ein Segenswort so manchem Mut geschenkt und Hoffnung gemacht. Denn im Segen wird uns immer wieder gesagt: Du bist nicht allein auf deinem Weg. Gottes Angesicht leuchtet über dir. Gott will dich behüten und Frieden sollst du erleben.

In der evangelischen Kirche ist es seit vielen Generationen üblich, zur Taufe, zur Konfirmation und zur Trauung ein Bibelwort als Spruch zugesagt zu bekommen. Dieses soll wie ein Motto über Ihrem Leben stehen. Bei der Konfirmation und bei der Trauung werden Menschen eingesegnet. „Einsegnung“ – hinter diesem etwas merkwürdigen Wort steht nichts anderes als die bewusste Sensibilisierung für Gottes Gegenwart und Stärke, für seinen Segen. Segen können wir nicht sehen, aber spüren. Niemals sind wir alleine unterwegs. Glücklich ist, wer gute Freunde, einen Partner, eine Partnerin, Familie hat, auf die er oder sie sich immer verlassen können. Manchmal aber ist es anders. Manchmal versagen Menschenhände oder können uns einfach nicht halten. Besonders dann tut es gut zu wissen, dass wir uns auf Gottes Hand immer verlassen können. Sie fängt uns auf, wenn wir fallen. Sie ergreift uns, wenn wir selbst den Halt verlieren. Sie führt uns, auch wenn die Wege manchmal unverständlich sind. Das nennen wir Segen.

„Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir“ meint: Gottes Licht strahlt über unserem Leben, denn sein Angesicht leuchtet darüber. Gott ist ein Gott, der uns auf Augenhöhe begegnen will. Er weiß um jeden einzelnen und jede einzelne von uns. Er sieht uns freundlich an und weiß – ohne dass wir viele Worte machen – genau, wie es uns geht, kennt uns unsere Ängste und Verletzungen, weiß um unser Glück. In Jesus Christus ist Gott uns auf Augenhöhe begegnet. Mose selbst konnte Gottes Angesicht nicht sehen, er erschrak davor. Jesus aber blickt uns in die Augen, weiß, was in uns vorgeht. Er ist am tiefsten Punkt des menschlichen Lebens gewesen. Gleichzeitig sagt der Sohn Gottes: Ich bin das Licht der Welt! Im Glauben an dieses Licht, an Jesus Christus, leuchtet Gottes Angesicht hell über uns. Er zeigt uns den Weg, wenn in uns die Finsternis überwiegt.

Es folgt die Bitte um Gottes Gnade und seinen Frieden. Das ist, was wir zum Leben brauchen.

Noch heute grüßen sich die Menschen in Israel mit „Schalom“, was nichts anderes als „Friede“ bedeutet. Friede soll mit dir sein. Friede, der zwischen uns Menschen regiert und Friede, den uns Gott schenkt. So entfaltet dieses kurze Segenswort enorme Kraft für unser Leben.

Ich stelle mir vor:

Am Ende eines Tages stehe ich müde vor der Haustür. Einen schwere Einkaufskorb in der einen, diverse Taschen in der anderen Hand suche ich nach dem Schlüssel. Endlich gelingt es, die Tür zu öffnen. Schnell verstaue ich die Einkäufe, sehe nach der Post, höre den Anrufbeantworter ab. Vieles ist heute unerledigt geblieben. Kraftlos setze ich mich aufs Sofa. Ich müsst noch die Wäsche machen, eine Freundin anrufen, Papierkram erledigen. Etwas essen sollte ich auch noch. Es vergehen Minuten. Ich sitze da. Kraftlos.

Vielleicht kennen Sie eine ähnliche Szene auch. Dann hören Sie auf die uralten Worte: Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.

Der Tag erscheint in einem anderen Licht: Es ist ein Tag, an dem ich gelebt habe. Ich habe Menschen getroffen, habe prächtige Bäume gesehen, habe geredet und gelacht. Der Tag liegt hinter mir. Vieles ist unerledigt, was ich nicht geschafft habe. Ich kann das jetzt nicht ändern. Aber ich lege es zurück in Gottes Hand, alles, diesen Tag und alles, was war. Gott ist bei mir. Er segnet mich. Ich bin nicht allein. Auch morgen nicht. Wenn es mal nicht weitergeht, vertraue ich darauf, dass Gott mir die Kraft für den nächsten Schritt gibt. Er ist an meiner Seite, auch wenn ich ihn nicht sehen kann. Sein Licht leuchtet hell über meinem Leben. Darauf vertraue ich. Bei diesen Gedanken finde ich Frieden. Dieser Friede strahlt hinaus in die Nacht und auch in meine Umgebung.

Liebe Gemeinde, sich unter Gottes Segen zu stellen bedeutet, sein Leben Gott anzuvertrauen, darauf zu vertrauen, dass Gott bei uns ist, uns behütet und uns Frieden schenkt. Segen anzunehmen ist ein Akt des Glaubens. Wer den Segen Gottes in seinem Leben spürt, wird selbst für andere zum Segen werden. Denn so sagt Gott: Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein. (Gen 12,2)

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

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