Predigt am Vierten Advent über Lukas 1, 26-38 von Kerstin Strauch

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

sind Sie schon mit allen Weihnachtsvorbereitungen fertig? Ich traf in der Woche vor dem Volkstrauertag schon jemanden, die mir ganz erfreut erzählte, sie habe jetzt alles fertig. „Was haben Sie den fertig?“, fragte ich erstaunt. „Na, ich hab jetzt alle Geschenke zusammen, die Adventskalender befüllt, die Plätzchen gebacken. Jetzt kann Weihnachten kommen!“

Da hat jemand sehr früh geplant und organisiert. Vielleicht gehören Sie auch zu denen, die das tun. Oder machen Sie alles eher spontan und zeitnah, eben wenn es dran ist?

Egal, wie wir unser Leben strukturieren, planen, organisieren – wir haben wohl alle eine Vorstellung davon, wie es ablaufen soll. Dass es oft anders kommt, wissen wir. Aber wir wissen auch, wie es optimal sein sollte.

Das gilt nicht nur für die Weihnachtsvorbereitungen, sondern auch sonst. Eine der ganz großen Planungsfragen gilt bei jungen Paaren auch dem Kinderwunsch. Wann ist denn der richtige Zeitpunkt? Mit 20, 30 oder erst mit 40? Heute bekommen viele Frauen ja nicht mehr in ganz jungen Jahren das erste Kind.

Und dann machen viele Paare die Erfahrung: Egal, wann Sie ein Kind planen, es kommt doch anders als man denkt. Richtig in den Zeitplan passt es fast nie und dann gibt es ja auch noch so viele andere Dinge, die wir in Sachen Kinderwunsch nicht in der Hand haben.

Von ihrer Schwangerschaft überrascht, war Maria. Sie erfuhr vor fast 2000 Jahren von der anstehenden Familiengründung. Hören wir den heutigen Predigttext aus dem ersten Kapitel des Lukasevangeliums:

Elisabet war im sechsten Monat schwanger. Da schickte Gott den Engel Gabriel zu einer Jungfrau in die Stadt Nazaret in Galiläa. Sie war mit einem Mann verlobt, der Josef hieß. Er war ein Nachkomme von David.

Die Jungfrau hieß Maria.

Der Engel trat bei ihr ein und sagte:

»Ich grüße dich, Gott hat dir seine Gnade geschenkt. Der Herr ist mit dir.«

Maria erschrak über diese Worte und fragte sich:

»Was hat dieser Gruß zu bedeuten?«

Da sagte der Engel zu ihr: »Hab keine Angst, Maria. Durch Gottes Gnade bist du erwählt. Sieh doch: Du wirst schwanger werden und einen Sohn zur Welt bringen. Du sollst ihm den Namen Jesus geben. Er wird hochgeehrt sein und ›Sohn des Höchsten‹ genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vorfahren David geben. Er wird für immer als König herrschen über die Nachkommen Jakobs. Seine Herrschaft wird niemals aufhören.«

Da sagte Maria: »Sieh doch: Ich diene dem Herrn. Es soll an mir geschehen, was du gesagt hast.« (Lk 1,26-33+38)

So erfahren wir über die Schwangerschaft von Maria. Sie war ein junges Mädchen aus Nazareth. Sicher hatte sie auch ganz andere Pläne für ihr Leben. Gerade erst hatte sie sich mit Josef, einem Zimmermann aus ihrem Heimatort verlobt. Wahrscheinlich planten die Familien die Hochzeitsfeier und dann passiert so etwas. Maria wird schwanger – noch vor der Hochzeit! Das war in damaligen Zeiten vollkommen unakzeptabel.

Doch diese Schwangerschaft ist etwas ganz Besonders – genauso wie das Kind etwas ganz Besonderes sein wird. Nun wird jede Mutter dasselbe für ihr Kind betonen. Und das stimmt ja auch! Aber wir erfahren aus dem Lukasevangelium, was für ein Kind das sein wird, das Maria in sich trägt. Es ist Jesus, der Sohn Gottes, der die Welt verändern wird.

Es liegt auf der Hand, dass dieser Text für den Vierten Advent als Predigttext ausgesucht wurde. Wir bereiten uns in diesen Tagen darauf vor, dass Gottes Sohn zur Welt kommt. Und hier hören wir die Vorgeschichte.

Aber in diesem Text geht es noch um etwas ganz anderes. Lenken wir unsere Aufmerksamkeit einmal auf die Antwort Marias, gerade nachdem sie vom Engel die Nachricht bekommen hatte. Sie weiß, ihr ganzes Leben wird sich verändern. Sie kennt die Vorbehalte gegen Mädchen, die unverheiratet schwanger werden. Vielleicht macht sie sich große Sorgen, auch um ihren Verlobten. Aber das steht hier nicht im Vordergrund, wird mit keiner Silbe erwähnt. Stattdessen antwortet Maria dem Engel: »Sieh doch: Ich diene dem Herrn. Es soll an mir geschehen, was du gesagt hast.«

Keine Auflehnung, kein Schock, keine Wut oder Verzweiflung. Marias Lebenspläne sind vollkommen durchkreuzt, aber sie reagiert mit Annahme, mit Vertrauen.

An dieser Stelle frage ich mich: Wie ist das mit mir? Wie reagiere ich in Moment, wo meine Lebenspläne auf den Kopf gestellt werden, wo alles anders kommt als gedacht?

Das haben wohl die meisten schon erlebt. Rechnen wir in diesen Moment mit Gottes Beistand, vielleicht sogar mit seiner Führung?

Viele Menschen machen die Erfahrung, dass sie im Rückblick auf eine Krise erkannt haben, dass es einen Sinn darin gibt. Sie spüren, dass Gott sie nicht allein gelassen hat und sie vielleicht sogar gereift oder gewachsen durch dieses Ereignis. Aber das geschieht, wenn überhaupt, erst im Rückblick, wenn sich die Wogen geglättet und die Krise überstanden ist. Hier bahnt sich das große Ereignis, die lebensverändernde Wende ist an. Mutter oder Vater zu werden ist, vor allem, wenn es das erste Kind ist, mit keinem anderen Lebensereignis zu vergleichen. Vorfreude und Angst halten sich da die Waage.

Von Angst ist aber bei Maria nichts zu spüren. Nach der Erzählung des Lukasevangeliums, schafft sie es, dem Leben ins Gesicht zu blicken, es anzunehmen mit allem, was nicht planbar ist. Sie lässt an sich geschehen, was Gott mit ihr vorhat.

Gott hat Großes mit ihr vor. Ohne Wenn und Aber akzeptiert Maria das. So bereitet sie sich auf die Geburt Jesu vor.

Auch wir bereiten uns auf dieses Ereignis vor. Auch mit uns hat Gott Großes vor, mit jedem und jeder von uns. So unterschiedlich wir auch sind, wir sind für Gott einzigartig, wichtig und wertvoll.  Auf keinen kann und will er verzichten. Ist das zu fassen? Ist das wirklich ein Satz, der mir vom Kopf ins Herz geht? Wie kann Gott wirklich mich meinen, wo es doch noch Milliarden andere auf der Welt gibt?

Dazu folgende kleine Geschichte:

Ein renommierter Seminarleiter eröffnete eine Veranstaltung mit 200 Leuten, indem er einen 50-Euro-Schein hochhielt. „Wer möchte diesen Schein haben?“, fragte er.

Sofort gingen alle Hände hoch.

Er sagt: „Ich werde diesen 50-Euro-Schein einem von euch geben, aber zuerst lasst mich eins tun…“ Er zerknitterte den Schein. Dann fragte er: „Möchte ihn immer noch jemand haben?“

Auch diesmal gingen alle Hände nach oben.

„Gut“, meinte er. „Aber was jetzt?“ Er warf das Geld auf den Boden und trampelte mit seinen Schuhen darauf herum. Dann hob er den Schein wieder auf; er war nun zerknittert und ziemlich schmutzig.

„Na, wer möchte ihn jetzt noch haben?“, fragte er.

Wieder gingen alle Arme in die Luft.

Da sagte er: „Liebe Anwesende, wir haben soeben eine wichtige Lektion gelernt. Was auch immer dem Geldschein geschah – ihr wolltet ihn trotzdem haben, weil nichts von seinem Wert verloren gegangen ist. Er war und ist immer noch 50 Euro wert.

Manchmal geht es uns in unserem Leben so, dass wir fallen gelassen und erniedrigt werden, dass das Leben ganz anders kommt, als wir es uns vorgestellt haben. So ist das eben. Dann fühlen wir uns vielleicht ganz wertlos. Aber egal, was passiert ist oder was passieren wird: Du selbst wirst niemals an Wert verlieren. Schmutzig oder sauber, zerknittert oder fein gebügelt, du bist immer noch unbezahlbar für all jene, die dich lieben. Du bist ein Original, ein Meisterwerk unseres großen Schöpfers – vergiss das niemals!“

Egal, was wir in den nächsten Tagen planen und vorhaben, eines passiert auf alle Fälle: Gott kommt. Jedes Jahr aufs Neue feiern wir das. Er kommt zu uns, weil wir für ihn unendlich wertvoll sind und weil er einen Plan für unser Leben hat – auch wenn wir das manchmal nicht erkennen. Vielleicht können wir das von Maria lernen: anzunehmen. Manches kann ich nur annehmen. Ich kann nichts rückgängig machen, nichts verändern. Aber ich brauche auch keine Energie darauf zu verwenden, mich dauerhaft aufzuregen, zu ärgern oder es gar zu bekämpfen. Es gehört viel Vertrauen dazu, etwas anzunehmen, so wie es ist. Glaube heißt Vertrauen und die Gewissheit, dass Gott es fügen wird und ich in seiner Hand geborgen bin, für immer.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

Schreibe einen Kommentar

19 + 14 =