Predigt am Vorletzten Sonntag des Kirchenjahres (13.11.2022) über Lukas 18,1-8 von Kerstin Strauch

Liebe Gemeinde,

heute geht es um eine Frau, der nervt, um einen ungerechten Richter und ums Beten. Wie das zusammenhängt erzählt Jesus in einem Gleichnis, das im 18. Kapitel des Lukasevangeliums überliefert ist (Verse 1-8):

Er sagte ihnen aber ein Gleichnis darüber, dass sie allezeit beten und nicht nachlassen sollten, und sprach: Es war ein Richter in einer Stadt, der fürchtete sich nicht vor Gott und scheute sich vor keinem Menschen. Es war aber eine Witwe in derselben Stadt, die kam zu ihm und sprach: Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher! Und er wollte lange nicht. Danach aber dachte er bei sich selbst: Wenn ich mich schon vor Gott nicht fürchte noch vor keinem Menschen scheue, will ich doch dieser Witwe, weil sie mir so viel Mühe macht, Recht schaffen, damit sie nicht zuletzt komme und mir ins Gesicht schlage.

Da sprach der Herr: Hört, was der ungerechte Richter sagt! Sollte Gott nicht auch Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er’s bei ihnen lange hinziehen?

Ich sage euch: Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze. Doch wenn der Menschensohn kommen wird, meinst du, er werde Glauben finden auf Erden? (Übersetzung des Deutschen Evangelischen Kirchentages, Hamburg 2013)

Die Gleichnisse von Jesus bringen es auf den Punkt und wir können uns direkt hineinfinden in diese Szene. Da ist ein Richter, der willkürlich herrscht. Ihm sind Menschen egal und Gott auch. Er macht nur sein eigenes Ding. Und da ist eine Witwe. Zur Zeiten der Bibel gehören Witwen und Waisen sprichwörtlich zu den Ärmsten der Armen. Ihnen stehen nur wenige Rechte zu. Deshalb sind sie darauf angewiesen, dass andere sich für sie einsetzen. Schon in der Thora, im 5. Buch Mose, können wir lesen: Gott schafft Recht den Waisen und Witwen und hat die Fremdlinge lieb, dass er ihnen Speise und Kleider gibt. Darum sollt ihr auch die Fremdlinge lieben; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. (5 Mose 10,18f) Dieses Wort aber ist dem ungerechten Richter fremd. Der Witwe bleibt nichts anderes übrig, als zu nerven. Immer und immer wieder fordert sie ihr Recht ein. Und der Richter? Der gibt schließlich nach, weil – und jetzt zitiere ich noch einmal die Worte von Jesus – „sie nicht zuletzt komme und (ihm) ins Gesicht schlage“.

In Indien wurde vor ein paar Jahren die „Pink Sari Gang“ bekannt. Frauenrechte werden dort oft mit Füßen getreten. Immer wieder hören wir davon. Immer mehr Frauen und auch Männer gehen mittlerweile dagegen an. Eine von ihnen ist Sampat Pal. Mit elf wurde sie verheiratet, mit 15 das erste Mal schwanger, fünf Kinder – alles normal im Nordosten Indiens. „Aber dann schrie Sampat Pal an jenem Tag vor vielen Jahren einen Mann an, weil er mitten im Dorf seine Frau verprügelte. … Keine Frau in dieser Gegend wagt es, dem eigenen Mann zu widersprechen geschweige denn, einem fremden. Also schlug der Mann auch sie, die Fremde. Am nächsten Tag kam Sampat Pal zurück, mit einem Stock in der Hand und fünf Frauen als Verstärkung. Dann schlug sie zurück vor allen Leuten, mitten im Dorf. Eine Frau einen Mann.“ Seitdem gibt es die Gulabi Gang, die Rosa Gang, weil die Frauen rosa Saris als Kennzeichen tragen. Sampat Pal sagt: „Das ist keine Gang im eigentlichen Sinn. Es ist eine Gang für die Gerechtigkeit.“ (Artikel von Karin Steinberger, Du kriegst Ärger, in: SZ 12. April 2013)

So wie Sampat Pal stelle ich mir die Witwe aus dem Gleichnis vor. Über die Anwendung von Gewalt lässt sich freilich streiten. Aber die Durchsetzungskraft und das Aufstehen gegen die Ungerechtigkeit sind beeindruckend.

Das Gleichnis wird von Jesus erzählt, um den Zuhörerinnen und Zuhörern zu vermitteln, „dass sie allezeit beten und nicht nachlassen sollten“ (Vers 1).

Genau wie die nervende Witwe sollen auch wir nicht aufhören für Gerechtigkeit zu bitten, ja mehr noch, zu betteln und manchmal auch zu schreien. Gebete sind keine Einbahnstraße. Nicht alle unsere Gebete werden erhört. Dabei haben wir doch so gefleht und gehofft! Gebete können nicht nur Lobpreis und Dank sein. Aber auch. Wie oft haben wir auch das schon erlebt: Ein Paar dankt Gott dafür, dass es sich gefunden hat. Eltern danken für ihre Kinder. Menschen für Bewahrung in Gefahr oder auch einfach nur, dass wir leben dürfen.

Gleichzeitig erleben wir Ungerechtigkeit allerorten. Die Politik streitet darüber. Ist das Bürgergeld gerecht? Ist es gerecht, dass Alleinerziehende viel öfter von Armut bedroht sind? Ist es gerecht, dass Menschen, die 40 Jahre lang gearbeitet haben, kaum mit ihrer Rente hinkommen? Ist es gerecht, dass wir in Deutschland viele Geflüchtete aufnehmen, aber andere abschieben? Es gibt himmelschreiendes Unrecht – an so vielen Orten der Welt! Und auch das ist Gebet: ein Schreien und Klagen zum Himmel, direkt in Gottes Ohr, über so viel Unrecht und Leid und Angst in unserer Welt.

Jesus fordert uns auf: nicht nachlassen! Trotz all des Unrechtes – nicht nachlassen im Beten, dranbleiben, bloß den Kontakt zu Gott nicht verlieren, den Gesprächsfaden nicht abreißen lassen. Gerade dann, wenn wir uns ohnmächtig fühlen, ist ER uns ganz nah. Am Tiefpunkt angelangt, ohnmächtig am Kreuz, schrie Jesus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Ps 22) Wenn alles nichts mehr hilft, hilft nur noch das: Beten – Klagen – sich immer und immer wieder an Gott wenden.

Wenn wir das tun, wird nicht passieren, was am Ende als Frage formuliert ist: Doch wenn der Menschensohn kommen wird, meinst du, er werde Glauben finden auf Erden? (Vers 8)

In einer Zeit, in der Kirche immer mehr an Bedeutung verliert, ist die Frage absolut berechtigt. Wer würde heute noch merken, wenn Jesus wiederkäme? Wir ahnen, dass es vielleicht kaum jemand wäre. Doch wir können das verhindern, indem wir aufmerksam bleiben. Wir sehen die Ungerechtigkeit und finden uns nicht damit ab. Wir erheben unsere Stimme und auch wenn wir nerven, hören wir nicht damit auf. Wir bleiben mit Gott in Kontakt. Unser ganzes Leben wird so zu einem Gebet. Und Gebet und Leben gehören zusammen. Leben geht immer nur mit anderen. Daher können andere uns nicht egal sein, auch wenn sie uns zu tragen geben. Genau darum ging es Jesus. So hat er die Zehn Gebote zusammengefasst: „Du sollst Gott über alle Dinge lieben und deinen Nächsten wie dich selbst“. Das ist ein Verantwortungsdreieck der Liebe, in dem ich mich bewegen, in dem ich leben kann. Gott über alle Dinge lieben, bedeutet, ich verantworte mein Leben, alles, was ich denke und tue vor Gott. Das muss aber kein beängstigendes Gottesbild sein. Sehr schön bringt das eine kleine Geschichte? auf den Punkt: Ein Pfarrer ärgert sich, dass Kinder ständig die Äpfel von seinem schönsten Baum klauen. Er stellt ein Schild darunter: „Gott sieht alles!“ Das ist der drohende, strafende Gott, der viele Generationen belastet hat. Die Kinder aber schreiben darunter: „Aber Gott petzt nicht!“ Das finde ich wunderbar und theologisch klug zusammengefasst. Unser Gott weiß alles, aber er petzt nicht. Ich kann mich Gott anvertrauen mit allen Ängsten und Schwächen, auch im Scheitern und da, wo ich an den eigenen Ansprüchen versage.

Und der Nächste? Es ist leicht, die zu lieben, die uns nahe sind. Aber die anderen, die anders denken, einer anderen Partei angehören, einer anderen Konfession oder Religion, die anders leben? Was, wenn einer auf mich zukommt, den ich nicht mag, nicht ausstehen kann, vielleicht gar verachte? Schaffe ich es, tief durchzuatmen und zu denken: Auch du bist ein Geschöpf Gottes? Einen Versuch ist es wert…

Und schließlich dürfen wir uns selbst lieben Wir dürfen das Schöne schätzen, ein Leben in Fülle auch. Ja, wir scheitern oft an unseren eigenen Ansprüchen, machen Fehler. Aber wenn Gott uns schon liebt, warum sollten wir uns selbst nicht lieben? Wenn Gott uns Veränderung zutraut, warum sollten wir selbst zweifeln, dass wir neu anfangen könnten? (Margot Käßmann, Bibelarbeit zu Lukas 18, 1-8 auf dem 34. Deutschen Evangelischen Kirchentag)

Gott dürfen wir nerven, mit unseren Bitten und Klagen, mit unserer Ungeduld und unserem Ärger. Unsere Gebete stoßen bei ihm nicht auf taube Ohren. Diese Gewissheit verändert uns und unser Leben – schon jetzt. Amen.

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