Predigt zu Karfreitag über 2 Kor 5,19-21 von Volker Strauch

Viele Bilder und Worte fallen mir ein, wenn ich an die Geschehnisse des Todestages Jesu denke. Viele Bilder und Worte, die meisten davon eher traurig oder entsetzlich. Hilflos, allein gelassen, verspottet, verlacht und gefoltert stirbt Jesus am Kreuz. Das Kreuz, eine grausame wie herabwürdigende Todesart war das. Schwerverbrecher wurden so gequält und getötet. Und mitten drin Jesus, der sich für eine gerechtere, eine friedlichere, eine liebevollere Welt eingesetzt hat. Neben zwei Schwerverbrechern hängt er, an dem verfluchten Ort Golgatha. Viele Bilder und Worte fallen mir ein, wenn ich an die letzten Stunden Jesu denke. Gerade heute werden wieder einige Verfilmungen im Fernsehen gezeigt, und diese Bilder haben etwas Erschreckendes, ja Schockierendes. Viele Bilder und Worte fallen mir ein, doch das eine Wort, das Paulus in seinem zweiten Korintherbrief benutzt für die Geschehnisse an Karfreitag, das wäre mir nicht direkt in den Sinn gekommen: Versöhnung!

 

Hören sie auf die Worte des Apostel Paulus aus dem 5. Kapitel des 2. Korintherbriefes:

Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.

So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!

Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

 

Versöhnung, das ist etwas Wunderbares. Auch dazu fallen mir viele Bilder ein, innerhalb und außerhalb der Bibel: Ich denke dabei an Jakob und Esau, wo der eine den anderen betrogen hatte und deshalb vor den Rachegedanken seines Bruders fliehen musste. Jahre später begegnen sie sich wieder. Jakob hatte Angst vor dem Wiedersehen, wollte Esau mit Geschenken versöhnlich stimmen, doch Esau hatte ihm schon längst alles verziehen. Und so fielen sich die Beiden nach so langer Zeit weinend in die Arme, froh darüber, endlich wieder zusammen zu sein.

Oder die Geschichte mit Josef und seinen Brüdern. Josef, von seinen Brüdern verraten und verkauft trifft seine Brüder später wieder, als Vertrauter des ägyptischen Pharaos. Er gibt sich seinen Brüdern zu erkennen, auch sie fürchten sich vor der Rache ihres Bruders, aber auch er möchte Versöhnung.

Oder ich denke an Jesus und Petrus. Petrus, der Jesus in seiner schwersten Stunde  verrät, wird später zum Felsen, auf dem die Kirche gebaut wird. Versöhnung ist ein immer wiederkehrendes Motiv in der Bibel.

Aber auch die vielen Geschichten des Alltags sind oftmals Geschichten der Versöhnung. Manchmal finden Menschen nach Jahren des Streites oder der Funkstille wieder zusammen, ein erstes Wort, eine kleine Geste genügen schon, um die Kluft, die sich zwischen zwei Menschen aufgetan hat, zu überwinden. Eine Kluft, von der beide Parteien fast schon glaubten, sie sei überhaupt nicht mehr zu überwinden. Dabei ist nicht zu verachten, dass Versöhnung in den meisten Fällen zunächst mit großer Anstrengung, ja mit Arbeit zu tun hat. Versöhnung geschieht nicht von allein. Manchmal braucht es mehrere Anläufe, eine gehörige Portion Geduld und Kompromissbereitschaft, um sich zu versöhnen. Wenn das gelingt, wird die Kluft überwunden und Menschen können einander wieder in die Augen sehen.

Eine tiefe Kluft tat sich auch zwischen Gott und Menschen auf. Gott hatte ein klares Bild vor Augen, als er den Menschen schuf, nämlich sein eigenes. Wir sind Gott ähnlicher, als wir das manchmal vielleicht ahnen. Doch dem Menschen reichte es nicht, ähnlich zu sein, er wollte gleich sein. Und in den Bemühungen, genauso wie Gott zu sein, entfernte sich der Mensch nach und nach immer weiter von Gott. Eine Kluft entstand, weil der Mensch mehr sein wollte als er ist. Davon erzählt die Geschichte vom Sündenfall in der Bibel. Der Mensch will mehr, immer mehr.

Auch heute beobachten wir dieses Phänomen. Schnell reich zu werden und als Berühmtheit um die Welt zu jetten – davon träumen viele jungen Leute. Doch auch wer realistischere Vorstellungen für sein Leben hat, hat Vorstellungen von der Verbesserung seines Lebensstandards. Mehr Gehalt, eine größere Wohnung, mehr Urlaub, mehr Gesundheit, mehr Leben? Wir wollen immer mehr.

Menschen sind zum Mond geflogen, wann fliegen sie zum Mars? Andere leben ganz nach der Devise: „Vertraue niemand anderem, vertraue nur dir selbst.“ Diese Beobachtungen zeugen von einer Art Hybris, einer Selbstüberschätzung des Menschen, die wohl so alt ist wie die Menschheit selbst.

Wer so lebt, verliert das Wesentliche aus den Augen. Jesus war einer, der von dem Wesentlichen zeugte, in Worten und Taten. Er verkündigte in Wort und Tat die Liebe Gottes, die größer und mächtiger ist als alles Trennende. Er wollte Frieden, Gerechtigkeit, Versöhnung, Freiheit. Aber einigen Menschen reichte das nicht. Sie wollten Macht, Reichtum, Ansehen. Und das mit allen Mitteln. Jesus war im Weg. Und so ließen sie ihn verhaften, foltern und töten am Kreuz auf Golgatha. Und auch hier hielt Jesus an diesem Weg des Friedens, der Gerechtigkeit, der Versöhnung und der Freiheit fest. Er ertrug alle Leiden bis zum Ende, bediente sich nicht der Gewalt, sondern ließ alles geschehen. Er war gehorsam bis zum Kreuz, so heißt es an einer Stelle bei Paulus. Und er hatte sogar noch Versöhnung für die Menschen übrig, die ihm all das Leid und die Schmerzen antaten. „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ So lässt der Evangelist Lukas Jesus kurz vor seinem Ende sprechen. Er sorgte sich für die, die ihn quälten und bat für sie vor Gott. Und indem Jesus geduldig alle Gewalt ertrug und die Spirale der Gewalt dadurch beendete, zeigte er seine wahre Größe. In diesem Menschen, der auch wahrer Gott ist, zeigt sich Gottes große Liebe, die eben größer ist als alle Gewalt, aller Hass, aller Kampf, als alles Ansehen und aller Reichtum, als alle Macht auf Erden, ja die sogar größer ist als der Tod. Und im Tod und der Auferstehung Jesu Christi wird die Kluft zwischen Menschen und Gott überwunden. Das ist es, was Gott tut. Er opfert sich selbst, um die Kluft zwischen den Menschen und Gott zu überwinden. Und so wurde das Kreuz, ein schlimmes und verfluchtes Folter- und Todesinstrument, zum Zeichen der Versöhnung, zum Zeichen der Hoffnung. Mitten im schwärzesten Kapitel der Menschheit in ihrer Beziehung zu Gott steckt der Funken Hoffnung, der das Feuer der Liebe und der Versöhnung entfacht. Und es könnte kein besseres Zeichen der Hoffnung geben als das des Kreuzes.

Gott macht einen Strich durch die Pläne der Menschen, einen Strich, der die Kluft, das, was uns trennt von Gott, zunichtemacht. Gott durchkreuzt des Menschen Pläne, und schafft dadurch Versöhnung. Gott zeigt den Menschen in seiner unendlichen Liebe, wozu er uns geschaffen hat. Nämlich um uns einzusetzen für Liebe, Gerechtigkeit, Frieden, Versöhnung und Hoffnung. Damit wir die Dinge durchkreuzen, die Leben verhindern, egal, wie sich diese Dinge darstellen. Und genau so werden wir zu Botschafter an Christi statt. Blicken wir auf das Kreuz, so sind wir imstande, Dinge neu zu deuten. Aussichtslose Situationen, Abschreckendes und Sinnloses wird durch Gott in ein ganz neues Licht gestellt. Jesus hat in seinem Leben gezeigt, was das bedeutet: Da werden Ausgegrenzte in den Mittelpunkt gerückt, da wird um Vertrauen geworben und um Gottes Wort gerungen, da werden neue Aufbrüche gewagt und Altlasten zurückgelassen und vor allem wird uns Menschen zugesagt: Wir sind von Gott geliebt, so wie wir sind. Denn er hat uns so geschaffen und nicht anders. Lassen wir uns die Augen öffnen durch das, was am Karfreitag auf Golgatha geschah und das Kreuz wird zum Zentrum unseres Lebens.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.

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