Predigt zum 1. Sonntag nach Epiphanias (09.01.2022) über Jesaja 42,1-9 von Kerstin Strauch

Der Predigttext für diesen 1. Sonntag nach Epiphanias steht im Jesajabuch, Kapitel 42, die Verse 1-9:

Siehe, das ist mein Knecht, den ich halte, und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Heiden bringen. Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus. Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte; und die Inseln warten auf seine Weisung.

So spricht Gott, der Herr, der die Himmel schafft und ausbreitet, der die Erde macht und ihr Gewächs, der dem Volk auf ihr den Atem gibt und Lebensodem denen, die auf ihr gehen: Ich, der Herr, habe dich gerufen in Gerechtigkeit und halte dich bei der Hand. Ich habe dich geschaffen und bestimmt zum Bund für das Volk, zum Licht der Heiden, dass du die Augen der Blinden öffnen sollst und die Gefangenen aus dem Gefängnis führen und, die da sitzen in der Finsternis, aus dem Kerker.

Ich, der Herr, das ist mein Name, ich will meine Ehre keinem andern geben noch meinen Ruhm den Götzen. Siehe, was ich früher verkündigt habe, ist gekommen. So verkündige ich auch Neues; ehe denn es sprosst, lasse ich’s euch hören.

Gott, regiere du unser Hören und unser Reden. Amen.

Liebe Gemeinde,

unser Flur steht voller Weihnachtssterne und auf den Fensterbänken tummeln sich diverse Zimmerpflanzen. Zugegebenermaßen sehen nicht mehr alle so aus wie damals, als wir sie geschenkt bekamen. Manche sind etwas schief gewachsen, andere haben längst ihre Blüten verloren. Alle diese Pflanzen haben eine Geschichte und meistens kann ich mich genau daran erinnern: an die Orchidee, die wir zur Geburt unserer Tochter bekamen, an den Weihnachtsstern vom Presbyterium, an die rankende Grünpflanze, die unsere Nichte in der Grundschule selbstgezogen hat – mittlerweile studiert sie schon seit zwei Jahren – oder an das Hochstämmchen, das mein Mann von einer Frauenhilfsgruppe in Brandenburg zum Abschied bekam mit dem Hinweis: „Die hält viel aus, Herr Pfarrer, auch wenn sie mal nicht gegossen wird!“

Keine dieser Pflanzen kann ich einfach wegschmeißen. Sie kommen erst dann in die Biotonne, wenn sie wirklich nicht mehr zu retten sind. Das passiert aber äußerst selten. Und so erinnern mich die Pflanzen auch weiterhin an alle die Geschichten und ich freue mich besonders daran, wenn wieder eine neue Blüte erscheint oder sie gut gedeihen.

Pflanzen gehören zu Gottes Schöpfung. Alles hat er geschaffen: die Himmel und die Erde und ihr Gewächs, und uns hat Gott Lebensodem eingehaucht, uns lebendig gemacht. Und jetzt hat der Prophet Jesaja eine große Neuigkeit zu verkündigen, etwas, was noch keiner gehört hat. Doch, wir haben ja gerade den Predigttext gehört, aber worum ging es da eigentlich?

Um Pflanzen, um das geknickte Rohr, das nicht zerbrochen wird. Ja, dieses Bild ist nicht unbekannt und tröstlich. Gott macht mich nicht kaputt, wenn ich am Boden liege. Er ist kein Gott, der tabula rasa machen, sondern aufrichten und heilen will.

Jetzt kommt die Neuigkeit: Diese Heilung, die Rettung, soll durch einen Knecht geschehen! Ein Knecht? Diesen Beruf kennen wir heute eigentlich nur noch aus Erzählungen. Astrid Lindgren hat die wunderbaren Geschichten von Michel aus Lönneberga geschrieben. Michel stellt immer wieder Dummheiten an, erlebt so manches Abenteuer, und hat ein großes Herz. Sein Vater sperrt ihn regelmäßig im Schuppen ein. Er ist streng und hofft auf diese Weise, seinem Sohn die Flausen auszutreiben. Seine Sorgen und Nöte wird Michel bei einem Knecht los, der auf dem Hof der Familie arbeitet. Alfred ist ein Knecht wie aus dem Bilderbuch. Er ist fleißig und hilfsbereit, hat immer ein offenes Ohr und klagt nicht. Dieser Knecht ist mir direkt eingefallen.

Meistens aber sind Knechte Fronarbeiter, keine freien Leute. Für Kost und Logis arbeiten sie ohne Anspruch auf Urlaub oder andere Vergünstigungen. Über Jahrhunderte waren Knechte und Mägde Menschen ohne Rechte und mit wenig Aussicht auf ein freies Leben.

Knechte und Mägde fügen sich dem Willen ihres Herrn. Sie verzichten auf eine eigene Meinung und halten sich an das, was von ihnen gefordert wird. So reagiert Maria auf die Ankündigung ihrer ungewollten Schwangerschaft mit den Worten: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. (Lk 2,38) Keine Auflehnung, keine Verzweiflung, kein Zorn. Maria nimmt an, was ihr gesagt wurde. Sie akzeptiert das, was auf sie zukommt.

Knechte und Mägde sind also in biblischer Sicht keineswegs negative Gestalten. Ganz im Gegenteil. Sie werden gebraucht, um Gott in unserem Leben wirken zu lassen. So auch der Knecht, von dem Jesaja erzählt. Er tritt hier erstmals auf den Plan. In späteren Kapiteln weiß Jesaja noch mehr über ihn zu sagen. Wer aber ist dieser Knecht?

Darüber wird in der Theologie bis heute gestritten. Vielleicht ist mit dem Knecht der persische König Kyros gemeint. Er hatte es geschafft, im Jahr 539 v. Chr. die Babylonier zu besiegen. Das Volk Israel, das sich dort im Exil befand, setzte große Hoffnungen auf den Perserkönig. Schließlich war Kyros es, der den Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem wieder erlaubte. Jesaja sah in ihm einen „Gesalbten des Herrn“, von Gott geführt und beauftragt. Die wirklichen Motive des Perserkönigs dürften jedoch nicht frei von politischen Machtinteressen gewesen sein. Wie dem auch sei, könnte Kyros der „Knecht Gottes“ sein, den Jesaja hier besingt. Oder aber es ist der „harte Kern“ des Volkes Israels. Die Exilierten harrten nun schon viele Jahre im fremden Babylon aus. Sie gaben nicht auf, hielten an ihrem Glauben und ihrer Identität fest. Waren sie vielleicht dieser Knecht, der die Rettung bringen sollte? Oder ist es gar der Prophet selbst, Jesaja, der sich als Knecht versteht?

Eindeutig können wir es nicht sagen. Etwa 500 Jahre später tritt ein Mann auf, auf den die Beschreibung des Gottesknechtes genau passt: Jesus Christus. Er nimmt an, was auf ihn zukommt. Er leidet und verkündet, oft leise, selten mit Geschrei. Er tritt ein für das Recht und die Nachricht über sein Wirken erreicht die äußersten Enden der Welt. Das Evangelium breitet sich bis heute aus. Für Christinnen und Christen ist dieser Knecht in Jesus Christus erschienen. Über ihn hat Gott seinen Geist ausgegossen, ja mehr noch: Jesus Christus ist Gottes Sohn.

Ist das eine Neuigkeit für uns  heute, am neunten Tag des neuen Jahres? Eigentlich wussten wir das ja alles schon.  Aber manchmal tut es gut, sich die Bilder und Worte noch einmal richtig zu Herzen zu nehmen. Gerade in diesen Tagen, die kurz und meistens grau sind, mit immer noch oder immer wieder unsicheren, trüben Aussichten, brauchen wir etwas, was uns aufrichtet und nicht komplett zerreißt. So lese ich in dem Text auch diese Neuigkeit:

Du fühlst dich vielleicht kaputt, weißt um viele Dinge, die nicht so sind, wie sie sein wollen, bist ausgebrannt und leer. Gott weiß das. Gott kennt dich. Jesus kommt zu dir! Auch jetzt. Gerade jetzt, da die Weihnachtslichter verlöschen und der Alltag wiederkommt.

Du machst dir vielleicht Sorgen: Was wird werden? Wird die Pandemie ewig dauern? Werden Tage wiederkommen, an denen ich einfach nur glücklich sein kann? Gott sagt: Ja. Diese Tage werden kommen. Es wird vielleicht dauern. Aber eines ist sicher: Du bist nicht allein gelassen. Denn so heißt Gott: „Ich bin da“. Das ist sein Name. Merk dir das. Es ist nicht neu, aber immer wieder neu zu hören und zu denken.

Und auch das lese ich aus dem Text: Vieles können wir nicht regeln. Wir leiden unter schlechten Nachrichten, unter Ungerechtigkeiten und Ohnmacht. Wir kämpfen dagegen an so gut wir können. Und dann? Gott nimmt sich dieser Dinge an. Er wird für Gerechtigkeit sorgen. Sein Knecht ist schon unterwegs in dieser Mission. Leise läuft er durch die Gassen, geht in Gefängnisse und dunkle Keller, öffnet uns die Augen, und lässt sein Licht scheinen. Auch für dich.

Amen.

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