Liebe Gemeinde,
nach der Feier am Heiligen Abend, hoffentlich gutem Essen und der Gemeinschaft mit lieben Menschen haben Sie sich heute Vormittag hierher aufgemacht, um das zu feiern, was in der letzten Nacht passiert ist: die Geburt Jesu – das Kommen Gottes in unsere Welt.
Weihnachten ist für viele das größter und wichtigste Fest im Jahr. Doch was ist wirklich dran, an den Ereignissen von vor über 2000 Jahren?
Seit sich das Wunder im Stall von Bethlehem ereignet hat, diskutieren und forschen Menschen darüber, was Weihnachten denn nun eigentlich für uns bedeutet. Sie suchen nach historischen Fakten, beschäftigen sich mit literarischen Abhängigkeiten der biblischen Schriften, ziehen Parallelen zu nichtchristlichen Festen und beobachten die Wirkungsgeschichte der Weihnachtsbotschaft. Das alles hat uns neue Impulse und Erkenntnisse gebracht. Es hat aber auch eines ganz deutlich gezeigt: Das Zentrum von Weihnachten bleibt ein Wunder.
Nun können wir uns diesem Wunder ein ganzes Stück mit unserem Denken, mit unserem Verstand nähern. Wir kennen den Text aus dem Lukasevangelium, der von der Geburt Jesu erzählt. Die Traditionen des Weihnachtsfestes sind uns geläufig – aus keinem anderen Grund sitzen Sie heute Morgen hier. Wir wissen, wie es abzulaufen hat und haben auch eine Vorstellung davon, was die nächsten Zeiten bringen werden – das Neue Jahr steht vor der Tür.
Mit Wundern verhält es sich aber so, dass wir sie nur zu einem geringen Teil mit unserem Verstand fassen können. Sie sind eben keine reine Kopfsache. Wenn wir die Atmosphäre der Johanneskirche heute Morgen auf uns wirken lassen, die Kerzen, den schön geschmückten Baum und die Musik, dann hat das nur wenig mit Denken zu tun. Modern würde man heute wohl von einer „ganzheitlichen Erfahrung“ sprechen, die wir hier gemeinsam machen.
Dass diese Vorstellung alles andere als modern ist, davon berichtet uns der Titusbrief, aus dem ich Ihnen ein kleines Stück vorlesen möchte. Dieser kurze Brief steht fast am Ende unserer Bibel und richtet sich an einen engen Mitarbeiter des Apostel Pauls namens Titus. Im dritten Kapitel in einem einzigen, komplizierten Schachtelsatz heißt es:
Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands, machte er uns selig – nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit – durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im heiligen Geist, den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unsern Heiland, damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben des ewigen Lebens würden nach unsrer Hoffnung.
Diese vier Verse bringen es auf den Punkt, worum es im christlichen Glauben geht. Und alles begann heute – an Weihnachten. Mit der Geburt Jesu Christi wurde Gottes Freundlichkeit und Menschenliebe ein für alle Mal deutlich. Gott scheute sich nicht davor, selbst als Mensch in diese Welt zu kommen und zwar in ärmlichsten Verhältnissen, hilflos und zunächst ganz unbeachtet. Für manche ist gerade das schwierig an Weihnachten zu verstehen: Wenn Gott doch so mächtig ist, warum kommt er dann nicht mit Pauken und Trompeten? Dann würden es doch alle verstehen und begreifen. Aber so ist Gott nicht. Er zeigt sich nicht in erster Linie in den Großen und Mächtigen. Gerade da, wo wir nicht damit rechnen, greift Gott ein. Und er ist da. Er ist da für uns, auch wenn er nicht grundsätzlich alles Leid, allen Schrecken verhindert. Und so kam er auch an Weihnachten zur Welt, klein und verletzlich und ganz nah bei den Menschen.
Und so ist es auch heute. Weihnachten ist nicht alles gut. Da gibt es Menschen, die große Schmerzen haben, ängstlich sind und allein. Da gibt es Familien, in denen gestritten wird und alle enttäuscht sind, dass das Fest, das ja eigentlich das Fest der Liebe sein sollte, so wenig mit Harmonie zu tun hat. Da leben unzählige von Menschen auf dieser Welt, denen das Nötigste zum Leben fehlt. Es ist wirklich nicht alles gut. Kein Glanz. Keine Herrlichkeit. Doch auch heute kommt Gott zur Welt. Er kommt zu dir und zu mir. Und als dieses Kind älter wurde, hatte er ein besonders großes Herz für die, mit denen es sonst keiner zu tun haben wollte. Er machte Menschen heil an Leib und Seele, indem er Gottes Liebe wirken ließ. Und er ging den äußersten Weg des Lebens bis zum Tod. Und da zeigte Gott seine ganze Macht: Er ließ seinen Sohn auferstehen! Was für ein Wunder – mit dem Verstand nicht zu fassen.
Wer an Jesus Christus glaubt, kann hoffen gegen allen Augenschein. Wer an Jesus Christus glaubt, erleben Vertrauen in Gottes Dasein, in seine Begleitung und in die Gewissheit, dass mit dem Tod nicht alles aus ist. Was für ein Geschenk! Wer sich für dieses Geschenk öffnet, der ist – in der Sprache der Bibel – wiedergeboren und erneuert im Heiligen Geist.
Hier verwendet der Titusbrief ein besonders schönes Bild, das ich Ihnen heute gerne mit auf den Weg geben möchte. An Weihnachten schickt Gott uns alle in die Badewanne. Denn mit der Geburt Jesu setzte Gott einen Prozess in Gang, durch den über uns alle der Heilige Geist ausgegossen wurde. Der Titusbrief spricht in diesem Zusammenhang von einem Bad, in das wir uns begeben. Wie wohltuend ein warmes, duftendes Bad ist, können gerade in dieser Jahreszeit viele nachvollziehen, in denen der eine oder die andere friert. Gottes Geist, seine Liebe umschließt uns wie warmes Wasser, wärmt uns von innen heraus, reinigt und stärkt uns wie ein gutes Bad.
Heute an Weihnachten feiern wir: Gott will jedem und jeder von uns nahe sein. Er liebt uns bedingungslos, so wie wir sind. Niemand von uns ist ihm egal. Wenn Unsicherheit und Angst vor der Zukunft, vielleicht Sorge um die Gesundheit oder um einen lieben Angehörigen sich breit machen, wenn niemand sonst uns beisteht sagt Gott zu uns: Fürchte dich nicht, ich bin bei dir, egal was passiert. Niemals fällst du aus meiner Hand. Seine Liebe umschließt uns wie ein wunderbares Bad, lässt uns wie neu geboren daraus hervorgehen. Denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal in die Wanne steigen!
Das warme Bad, die hellen Kerzen, die wunderbare Musik, das Hören auf Gottes Wort und die Gemeinschaft, die wir hier erleben und die Feier des Heiligen Abendmahls zeigen uns, wie Gott ist und was er für unser Leben bedeutet: seine Liebe ist grenzenlos, umfasst uns alle und trägt uns heute, morgen, bis ans Ende der Zeiten.
Hören wir noch einmal die Worte des Titusbriefes, die genau das beschreiben:
Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands, machte er uns selig – nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit – durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im heiligen Geist, den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unsern Heiland, damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben des ewigen Lebens würden nach unsrer Hoffnung.
Amen.