Predigt zum Sonntag Jubilate über 2. Chronik 5,2-5.12-14 von Volker Strauch

Liebe Gemeinde,

[I. Singen bedeutet so viel]

Singen hält Leib und Seele zusammen, sagt der Volksmund. Singen stärkt das Immunsystem, schüttet Glückshormone aus, baut Stress ab, Singen im Chor fördert die sozialen Kompetenzen, das Gehör, natürlich die Stimme und macht einfach richtig viel Spaß. Musik kann in vielen Situationen ein guter Begleiter sein, kann Mut machen, Freude verstärken, Traurigkeiten erträglicher machen. Und so gibt es eben auch zu den unterschiedlichsten Anlässen Musik und Gesang. Unsere Gottesdienste sind ohne Gesang kaum vorstellbar und viele von Ihnen singen zu Hause vor Ihren Bildschirmen aus voller Überzeugung und aus vollem Herzen mit. Und manche trauen sich Zuhause sogar lauter mitzusingen als in einem „normalen“ Gottesdienst vor Ort, weil man sich zu Hause unbeobachtet bzw. ungehört fühlt.

Und Gottesdienst und Singen gehören so eindeutig zusammen, dass sogar ein eigener Sonntag den Namen „Kantate – Singt“ trägt. „Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!“ So haben wir vorhin aus dem 98. Psalm gebetet. Und auch der heutige Predigttext, der neu in der Perikopenordnung ist, erzählt davon, dass Israel vor Freude singt und Gott lobt. Ich lese Verse aus dem zweiten Kapitel des zweiten Buches der Chronik:

Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des HERRN hinaufbrächten aus der Stadt Davids, das ist Zion.

3 Und es versammelten sich beim König alle Männer Israels zum Fest, das im siebenten Monat gefeiert wird.

4 Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf

5 und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät, das in der Stiftshütte war; es brachten sie hinauf die Priester und Leviten. […]

und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertundzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen.

13 Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem HERRN. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den HERRN lobte: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«, da wurde das Haus des HERRN erfüllt mit einer Wolke,

14 sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.

 

[II. Die Heilsgeschichte Israels]

Israel feiert einen großen Festgottesdienst mit großem Gesang und viel Musik. Hinter dem Volker liegt ein mühsamer Weg. Vor langer Zeit, mit Abraham fing der Bund Gottes mit seinem auserwählten Volk an. Abraham verlässt seine Heimat und seine Familie, um in ein Land zu ziehen, das Gott ihm zeigen will. Dort angekommen wird er Vater von Isaak und Großvater von Jakob. Dessen Sohn Josef dann verschlägt es auf verworrenen Wegen nach Ägypten. Viele hundert Jahre später leben die Israeliten als Sklaven unter dem ägyptischen Pharao. Mose wird von Gott beauftragt, das Volk in die Freiheit zu führen, erneut auf schwierigen Pfaden, 40 Jahre in der Wüste unterwegs. In dieser Zeit erhält Israel die 10 Gebote – die grundlegenden Regeln für unser Zusammenleben und die Beziehung zu Gott. Seit dieser Zeit werden die Tafeln in der Bundeslade mitgeführt, wohin auch immer Israel unterwegs ist. Moses Nachfolger Josua führt das Volk dann nach Kanaan, in das gelobte Land. Es folgen immer wieder Konflikte mit den Völkern in der Nachbarschaft, kriegerische Auseinandersetzungen sind der Normalzustand. Zunächst sind es die Richtergestalten, die dem Volk gute Zeiten unter Gottes Schutz bescheren, mit Saul wird der erste König Israels gesalbt und eingesetzt. Sein Nachfolger David führt Israel zu großer Blütezeit. Erst seinem Sohn Salomo ist es erlaubt, ein Haus für Gott, den Tempel zu bauen und fertig zu stellen. Ein zentrales Heiligtum als ein Ort, an dem Gott wohnt, soll es sein. Als sichtbares Zeichen dafür soll die Bundeslade im Inneren des Tempels aufbewahrt werden. Die Gebote, die das Volk von Gott in der Wüste erhalten hatte, die seit Generationen die Israeliten begleiten, werden feierlich in das Allerheiligste des Tempels gebracht. „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus der Sklaverei aus Ägypten geführt hat.“ So fangen die zehn Gebote an. Gott stellt sich seinem Volk als treuen Begleiter vor. Er hat Israel aus der Gefangenschaft in die Freiheit geführt, er hat sie immer geleitet und behütet, bis zu dem großen Festtag der Tempeleinweihung. Gott hat sein Versprechen an Mose am brennenden Dornbusch gehalten: „Ich werde sein, der ich sein werde. Ich bin der ich-bin-da!“. Und jetzt ist der Tag des festlichen Gottesdienstes gekommen – mit großem Gesang und viel Musik.

[III. Gott ist da in der Geschichte mit den Menschen]

Gott hat sich im Laufe der Geschichte Israels als der erwiesen, der da ist, der die Menschen nicht verlässt. Seine Hände hält er über seinem Volk, egal zu welchen Zeiten.

Wir erleben im Moment auch Krisenzeiten und Schwierigkeiten. Die Politik spricht von den größten Herausforderungen seit dem zweiten Weltkrieg. Noch keiner kann absehen, ob und wie diese Zeit unsere Gesellschaft verändern wird. Langsam versuchen wir, Schritte in einen normalen Alltag zurückzufinden. Die Öffnung von Schulen, Restaurants, Hotels stehen, damit aber auch gleichzeitig die Frage: Wie gefährlich sind diese Lockerungen? Einerseits sehen wir uns nach der alten Normalität zurück, andererseits ängstigen wir uns vor diesem unsichtbaren und gefährlichen Virus. Eines wird uns immer wieder gesagt: Bis es einen Impfstoff gibt, wird das Virus uns begleiten und immer wieder zu Einschnitten führen.

Wir leben in schwierigen Zeiten. Doch genauso wie Gottes auserwähltes Volk Israel sind auch wir von Gott gehalten. Seine Zusage gilt – damals wie heute. Gott will uns beistehen in diesen schweren Zeiten und er wird uns hindurchtragen. Es werden auch wieder bessere Zeiten kommen, ganz gewiss. Und dann wird es ein großes Fest geben, auch bei uns, mit Musik und Gesang. Schauen wir, wie es damals bei der Tempeleinweihung war:

[IV. Singen als gemeinschaftsstiftendes Element]

Die Priester und Leviten, die am Tempel Dienst tun, können gar nicht anders als Gott zu loben und ihn zu preisen mit den verschiedensten Instrumenten und mit ihren Stimmen. Lange wurde daran gebaut, viel Zeit, Schweiß und Geld sind in dieses Großprojekt geflossen. Wenn wir über den Neubau unseres Gemeindezentrums nachdenken und schon erste Pläne miteinander bedenken, können wir nur erahnen, welche Kraftanstrengung der Tempelbau damals in Israel gewesen sein muss. Und die Menschen sind so voller Dankbarkeit und Freude über dieses gelungene Projekt und sehen darin ein weiteres Zeichen von Gottes Beistand, dass ihre Herzen und ihre Stimmen übersprudeln voll des Lobes.

In unserem Predigttext wird besonders herausgestellt, wie einmütig das Musizieren klingt:

Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem HERRN.

Es ist schon etwas Besonderes, wenn eine Vielzahl von Menschen gemeinsam Musik macht und es hat etwas Erhabenes, wenn diese Vielzahl und Vielstimmigkeit sich zu einem einzigen Zusammenklang und –spiel verbindet und man nicht mehr die einzelnen Sängerinnen und Sänger hört, sondern den Klang eines einzigen Chores, wo sich die Stimmen so gut verbinden, dass es wie eine Einheit erklingt. Dieses Gefühl kann sich einstellen, wenn man einem besonders gut geschulten und aufeinander abgestimmten Chor oder ein Orchester trifft.

Und was für die Musik gilt, gilt auch sonst im Leben. Wenn Menschen sich zusammentun, um gemeinsam etwas zu bewegen, wenn ein gemeinsames Ziel vor Augen die Anstrengungen verbindet, dann kann eine Gemeinschaft entstehen, mehr ist als die Summe ihrer Mitglieder. Für die Musikerinnen und Sänger in unserem Predigttext ist es das Lob der Gnade und Treue Gottes, die sie vereinigt.

Und diese Gemeinschaft können wir auch als Gemeinde erleben. Da versammeln sich Menschen, weil sie Gott als Sinn und Ziel ihres Lebens annehmen. Da kommen Menschen aus ganz unterschiedlichen Zusammenhängen zusammen, aus unterschiedlichen Familien, mit unterschiedlichem Alter und unterschiedlicher Bildung, da Treffen Paare, Familien und Singles mit Rentnern, Witwen und Kindern zusammen. Und wenn wir uns über alle Unterschiede hinweg als eine Einheit verstehen, weil Gott uns miteinander verbindet, dann entsteht echte Gemeinschaft. Und dann ist es auch gar nicht so wichtig, dass wir uns tagtäglich sehen. Wir wissen voneinander und sind miteinander vertraut und können, davon bin ich überzeugt, auch Situationen und Zeiten wie diese gemeinsam meistern, auch wenn wir noch immer räumlich getrennt sind. Wir sehnen uns alle nach diesen Zeiten, in denen wir wieder richtige Gemeinschaft von Angesicht zu Angesicht haben können. Aber bis dahin bleiben wir miteinander verbunden im Glauben an Gott und im Gebet. Und dann ist uns hin und wieder vielleicht sogar zum Loben zu Mute, trotz der räumlichen Distanz.

[V. Im Lob Gottes ist Gott gegenwärtig]

Dass Loben eine Reaktion hervorruft, das weiß schon der Schreiber der Chroniken:

da wurde das Haus des HERRN erfüllt mit einer Wolke,

14 sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.

Dort, wo gesungen, wo Gott gelobt wird, da ist er mittendrin. Dieser erste Gottesdienst im Tempel ist kein Lobgottesdienst über Gott, sondern ein Lobgottesdienst mit Gott.

Wenn wir gemeinsam einstimmen in das Lob der Gnade Gottes, dann ist Gott mit dabei. Wenn wir Gemeinschaft erleben, weil wir uns gemeinsam auf Gottes Wort hin versammeln, gemeinsam singen und beten, dann tun wir das immer in seiner Gegenwart. Dort, wo Menschen Gottes Liebe Raum geben und mit bauen am Reich Gottes, da hat es schon angefangen, mitten unter uns.

Und das hat doch auch etwas Tröstliches: in den Momenten, in denen wir uns nicht so treffen und austauschen können wie wir das gewohnt sind, in den Momenten, in denen wir uns allein oder überfordert oder voller Sorgen fühlen, da dürfen wir darauf vertrauen, dass wir nicht alleine sind. Gott ist an unserer Seite, seine Güte und Barmherzigkeit sind größer, als wir es uns überhaupt vorstellen können. Und er wird uns hindurchtragen durch alle Zeiten, die schönen und die schweren Momente.

Darum: Singet dem Herrn ein neues Lied denn er tut Wunder! Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

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