Predigt zum Sonntag Rogate über Matthäus 6,5-15 von Kerstin Strauch

Heute geht es – ich sagte es schon – um ein ganz zentrales Thema, um Beten. Dazu hören wir den Predigttext für diesen Sonntag Rogate aus dem 6. Kapitel des Matthäusevangeliums. Jesus sagt:

5 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.

6 Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.

7 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen.

8 Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.

9 Darum sollt ihr so beten:

Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt.

10 Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.

11 Unser tägliches Brot gib uns heute.

12 Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. [Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.]

14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben.

15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

Heilige mich in der Wahrheit, Herr. Dein Wort ist die Wahrheit. Amen.

 

Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu.
Leider ist mein Kämmerlein meistens nicht so ein Ort, wie ich ihn mir zum Beten vorstelle.
Eine Fleecejacke über den Stuhl geworfen geworfen.
Auf dem Tisch Dinge, die ich alle paar Tage wegräume.
Und dann sammeln sie sich doch wieder, ich hab keine Ahnung, wie das passiert.
Eine halbvolle Packung Tempo-Taschentücher. Manchmal auch zwei.
Kulis, ein USB-Stick.
Eine Schere. Tesafilm. Klebestift.
Unterlagen für die nächste Presbyteriumssitzung. Ein paar Bücher, die ich gleich zur Hand haben will.
Ein Gutschein vom Möbelhaus, den ich nie einlösen werde.
Das Handy.
Der Stempel vom Pfarramt.
Eine leere Kaffeetasse.

Manchmal wünsche ich mir, ich könnte mein Kämmerlein besser in Ordnung halten.
Ich kenne Menschen, die schaffen das.
Die haben für alles einen aufgeräumten Platz.
Papiere in Ordnern, Schreibwaren in Körbchen.
Der Tisch krümellos und frei, darauf ein Strauß frischer Blumen in einer passenden Vase.
Ich bewundere das.
Wirklich.
Wenn es bei Ihnen so aussieht, behalten Sie es bei!
Da gibt es nichts daran zu kritisieren.

Ich weiß auch,
dass manche so ein aufgeräumtes Gebetsleben haben.
Die Zeit für Gott hat bei ihnen ihren festen Ort
zwischen Aufstehen und Frühstücken.
Und sie hat einen ordentlichen Ablauf.
Beten.
Einen Text aus der Bibel lesen.
Darüber nachdenken.
Beten.
Zehn, fünfzehn Minuten.
So einfach ist das.
Und doch so schwer.

Immer wieder hab ich probiert, es auch so zu machen.
Als Jugendliche.
Als junge Erwachsene.
Auch später.
Neulich erst, als wir keine gemeinsamen Gottesdienste in der Kirche mehr feiern durften.
Da haben die Glocken um 19.30 Uhr geläutet. Sie tun es immer noch, solange die Krise anhält.
Und am Anfang hab ich immer einen Platz auf der Fensterbank freigeräumt.
Eine Kerze angezündet.
Gebetet.
An andere gedacht, die das vielleicht im gleichen Moment auch getan haben.
Das war gut.

Und trotzdem ist mir wieder Unordnung reingekommen.
Ein anderer Termin. Die Zeit vergessen.
Der Kopf zu voll mit anderen Dingen. Das Herz auch.
Unten die Staubschicht der Traurigkeit.
Darüber die Krümel des Ärgers.
Oben die drohende Wolke der Resignation.
Dazwischen die Sonnenstrahlen, die mich nach draußen gelockt haben.

Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu
und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist.

Ich kriege das nicht so gut hin mit dem Kämmerlein bei mir zuhause.
Aber ich habe andere Orte gefunden, wo ich gut beten kann.
Kämmerlein in meinem Alltag.
Wenn ich im Auto sitze und zum Beispiel zum Friedhof fahre, dann bete ich:
„Gott, gib mir einen klaren Kopf und ein offenes Herz für das, was mich erwartet.“
Und auf der Heimfahrt:
„Gott, danke für die Begegnung mit den Menschen. Hilf, dass deine Kraft sie erreicht. Beschütze sie,
sei bei ihm, gib, was sie brauchen.“

Ein anderes Kämmerlein finde ich oft, wenn ich zu Fuß unterwegs bin.
Wenn ich den Wald oder den Park laufe, danke ich Gott für meine Füße, die mich tragen,
und für alles, was wächst.
Und ich bitte ihn um Bewahrung seiner Schöpfung, dass meine Kinder und Enkel auch noch in gesunder Natur leben können.
Wenn ich durch die Straßen auf dem Horeb laufe, bitte ich Gott für die Menschen, die hinter den Fenstern und Türen wohnen. Und danke für unsichtbare Gemeinschaft.

Und ich bin Jesus so dankbar für seine klare Ansage, dass wir nicht viele Worte zu machen brauchen.
Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.

Bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht,
wird dir’s vergelten.
Daran glaube ich:
Gott sieht in das Verborgene.
Er sieht all das, was meine Augen nicht sehen.
Er sieht in die Kämmerlein,
in denen die Menschen in den letzten Wochen so viel Zeit verbracht haben.
In die Autos, auf die Spazierwege, in die Häuser.
Aufgeräumte Wohnzimmer, ungemachte Betten, liegengebliebenes Spielzeug – nichts davon bleibt Gott verborgen.
Gott sieht die Falten in unseren Gesichtern und das, was sich dahinter verbirgt.
Er sieht unsere Herzenskämmerlein.
Darin die Zufriedenheit eines gelebten Lebens.
Die Sorgen und die Erschöpfung.
Die Gedanken, die immer wiederkehren.
Die Fragen, die keine Antwort finden.

Gott sieht in das Verborgene.
Er findet unsere Liebe, die überdeckt ist von all dem, was sich immer wieder in uns ansammelt.
Von der Staubschicht der Enttäuschungen.
Gott sieht unsere Liebe, und er wird sie uns vergelten.

Gott weiß, was wir brauchen.
Deshalb gibt er uns jeden Tag Kämmerlein, in denen wir beten können, mit wenigen Worten.

Und weil Gott weiß, dass wir manchmal nicht einmal die finden, hat er uns ein Gebet gegeben.
Worte, einfach und klar.
Egal, wie es gerade bei Ihnen und in Ihnen aussieht, was da unaufgeräumt rumliegt.
Wir werden die Worte gleich gemeinsam beten.
Und unser Vater, der ins Verborgene sieht, wird’s uns vergelten.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

(mit herzlichem Dank für die Anregungen an Pfarrerin Barbara Eberhardt)

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