Predigt zum Vierten Advent (21.12.25) über 2. Korinther 1,18-22 von Vikar Jonathan Schulze

Der Predigttext für diesen Sonntag stammt aus dem zweiten Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth.
Paulus schreibt diesen Brief in einer Phase, in der es zwischen ihm und der Gemeinde Spannungen gibt.
Missverständnisse stehen im Raum, Erwartungen haben sich verändert, Vertrauen ist fragil geworden.

Der Abschnitt, den wir gleich hören, ist Teil der Worte, mit denen Paulus auf diese Situation reagiert.
Wie er das tut und worauf er dabei verweist, können wir im Hören entdecken:

18Aber Gott ist mein Zeuge:

Keines unserer Worte an euch

bedeutet gleichzeitig Ja und Nein.

19Wir – das heißt: ich, Silvanus und Timotheus –

haben bei euch Gottes Sohn, Jesus Christus, verkündet.

Und von dem gilt: Er war nicht Ja und Nein zugleich,

sondern er ist das Ja in Person.

20Durch ihn sagt Gott Ja zu allem,

was er je versprochen hat.

Auf ihn berufen wir uns,

wenn wir zu Gottes Ehre »Amen« sagen.

21Gott selbst ist es, der uns gemeinsam mit euch

im Glauben an Christus festigt, uns gesalbt hat

22und uns sein Siegel aufgedrückt.

Dazu hat er uns den Heiligen Geist

als Unterpfand in unsere Herzen gegeben. (2.Kor 1,18-22)

Vielleicht sind Euch beim Hören des Textes die Worte aufgefallen: „Ja und Nein.“

Paulus, der Verfasser des Textes, benutzt diese Worte nicht zufällig.
Seine Worte werden in Frage gestellt.
Man wirft ihm vor, unzuverlässig zu sein, widersprüchlich zu reden.

Paulus benutzt dafür eine sehr zugespitzte Formulierung:
Keines unserer Worte an euch

bedeutet gleichzeitig Ja und Nein.“

Das meint nicht einfach Unsicherheit. Ein klares Ja oder Nein wäre eine Entscheidung.
Hier geht es um etwas anderes. Es geht um ein „Vielleicht“.

Um Worte, die man nicht festhalten kann.
Zusagen, die im Raum stehen –
aber keine Richtung geben.
Ein Versprechen, das sich entzieht.

Genau das will Paulus von seiner Verkündigung fernhalten. Genau dieses „vielleicht“.
Nicht, weil er perfekt wäre.
Sondern, weil das Evangelium selbst nicht wackelt.

Und genau hier wird der Text plötzlich sehr nah.

Denn was Paulus beschreibt, ist nicht nur ein Konflikt in einer frühen Gemeinde.

Es ist eine Erfahrung, die bis heute vertraut ist.

Auch ich kenne solche Situationen.
Ich merke an mir selbst, wie vorsichtig ich mit Worten geworden bin.
Wie schnell gesagt wird: Ich melde mich.
Wir schauen mal.
Wahrscheinlich.

Nicht, weil Worte egal wären –
sondern gerade, weil sie Gewicht haben.
Weil man niemanden enttäuschen will.
Und weil man weiß, wie schnell Vertrauen brüchig wird.

Paulus reagiert darauf nicht mit einem Appell.
Er sagt nicht: Ihr müsst mir wieder glauben.
Er sagt auch nicht: Ich habe doch gute Gründe.

Er lenkt den Blick in eine andere Richtung.
Weg von sich.
Hin zu Gott.

Und er schreibt:
„Gott steht zu seinem Wort.“

Er sagt nicht: Menschen sind immer verlässlich.
Und auch nicht: Glaubende tun das automatisch.

Sondern: Gott.

Und dieses Ja Gottes hat für Paulus einen Namen:
Jesus Christus.

In ihm, so sagt Paulus, ist Gottes Ja gesprochen worden.
Nicht halb.
Nicht unter Vorbehalt.
Nicht mit Rückzugsmöglichkeit.

Dieses Ja ist nicht nur gesagt –
es ist gelebt,
es ist durchlitten,
es ist durchgetragen.

Und dann wird Paulus konkret.
Er bleibt nicht bei großen Worten.
Er spricht von Zeichen, von Spuren dieses Ja.

Er sagt:
Gott hat Euch gesalbt.
Gott hat Euch versiegelt.

Salbung – das ist ein Wort aus einer Welt,
in der Nähe noch körperlich gedacht wurde.
Gesalbt wird, wer berührt wird.
Wer gestärkt wird.
Wer Würde zugesprochen bekommt.

Und das Siegel –
es steht für Zugehörigkeit und Schutz.
Für etwas, das nicht beliebig geöffnet werden darf.
Paulus sagt damit:
Ihr gehört zu Gott.
Und das lässt sich nicht einfach aufbrechen.

Und zuletzt sagt Paulus:

Und Gott hat Euch seinen Geist gegeben
als Unterpfand.

Dieses letzte Wort ist vielleicht das fremdeste.
Unterpfand – das klingt nüchtern, fast technisch.

Paulus nimmt hier ein Bild aus dem Alltag.
Aus dem Geschäftsleben seiner Zeit.

Ein Unterpfand ist eine Anzahlung.
Ein erster Teil, der schon übergeben wird.
Nicht als Vertröstung,
sondern als verbindliche Zusage:
Der Rest kommt.

Wer ein Unterpfand gibt, meint es ernst.
Ein Mensch bindet sich damit.
Er sagt: Ich habe schon angefangen –
und ich werde es zu Ende bringen.

Wenn Paulus vom Geist als Unterpfand spricht,
dann meint er genau das:

Gott gibt nicht erst am Ende etwas.
Nicht erst, wenn alles heil ist.
Nicht erst, wenn Hunger gestillt, Leid beendet,
Ungerechtigkeit überwunden ist.

Gott gibt jetzt schon etwas von sich selbst.
Seine Nähe.
Seine Kraft.
Seinen Geist.

Nicht als Ersatz für das, was fehlt.
Sondern als Zusage mitten im Unfertigen.

Das heißt:

Der Glaube lebt nicht aus dem, was wir sehen.

Nicht aus dem, was schon gelungen ist.

Nicht aus dem, was sich beweisen lässt.

Er lebt aus dem,

was Gott begonnen hat –

und was er weiterführen wird.

Und genau hier wird dieser Text ein Adventstext.

Denn auch der Advent lebt vom Unterpfand.
Von einer Freude, die jetzt schon anfängt, obwohl nicht alles gut ist.
Von einer Hoffnung, die schon singt,
bevor sich die Verhältnisse geändert haben.

Darum kann Maria singen –
Maria, die junge Frau,
die am Anfang der Weihnachtsgeschichte steht,
obwohl sie jung ist, unsicher, angreifbar.
Darum können sich die Hungrigen freuen,
noch bevor sie satt sind.
Darum werden Niedrige aufgerichtet,
noch bevor Mächtige vom Thron gestoßen sind.

Nicht, weil das Leid geleugnet würde.
Sondern, weil Gott sich festgelegt hat.

Gottes Ja gilt.
Und dieses Ja ist angezahlt.
In uns.
Durch seinen Geist.

Das macht die Welt nicht auf einen Schlag heil.
Aber es verändert, wie wir in ihr stehen.

Es richtet auf.
Es macht Mut.
Es lässt Menschen leuchten,
nicht weil sie stark sind,
sondern weil sie getragen sind.

Und unsere Antwort darauf nennt Paulus: Amen.

Amen heißt nicht: Jetzt ist alles klar.
Amen bedeutet auch: Ich halte mich daran.

Vielleicht ist das der tiefste Sinn dieses Wortes „Amen“.
Es ist kein Schlussstrich.
Es ist eine Zustimmung mitten im Offenen.

Immer wenn wir Amen sagen,
sprechen wir Gott nicht nach,
sondern antworten.
Wir sagen:
Dieses Ja soll auch mein Leben berühren.
So kann ich aus diesem Ja leben.
Und ich traue Gott zu, dass er vollendet,
was er begonnen hat.

Darum:
Freut Euch.
Nicht, weil alles erfüllt ist.
Sondern, weil Gott sein Ja nicht zurücknimmt.

Der Herr ist nah.
Amen.

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