Kurzpredigt zu 1 Korinther 13,12 am Vorletzten Sonntag des Kirchenjahres

Liebe Gemeinde,

an dieser Stelle bitte ich Sie, das Steinchen, was sich an Ihrem Liedblatt befindet, abzulösen und in die Hand zu nehmen.

 

Ein kleines Steinchen halte ich in der Hand.

Es ist schön, abgerundet, klein. Ich betrachte es: die Form, die Farbe. Ein kleines Glassteinchen, mehr nicht. Es ist nur ein Teil, ein Bruchstück.

Wir haben heute früh schon einiges darüber gehört, dass Gott uns auf unserem Lebensweg begleitet und durch den Glauben das Unmögliche möglich werden kann.

Weil das mit unserem Verstand nicht zu fassen ist, gibt es viele Bilder, die versuchen, diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Eines davon befasst sich mit kleinen Stücken. Der Text stammt von Paulus und steht im 13. Kapitel des 1. Korintherbriefes:

Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin. (1 Kor 13,12)

Wir erkennen immer nur Bruchstücke, stückchenweise. Und manches, was wir erleben, bleibt auch bruchstückhaft. Manchmal fügt sich ein Steinchen ans andere und wir verstehen besser.

So ging es einer Frau, die gerade an einen neuen Ort gezogen war. Ihr altes Leben hatte sie hinter sich gelassen. Sie wollte noch einmal neu anfangen. Die Stellenanzeige hatte sich gut angehört. Das Vorstellungsgespräch war per Zoom geführt worden. Der Umzug war schnell geschafft. Die meisten Dinge wollte sie gar nicht mitnehmen aus ihrem alten Leben. Am Freitag vor ihrem ersten Arbeitstag gab sie noch schnell ein paar Unterlagen ab. Schon beim Betreten des Firmengebäudes beschlich sie so ein komisches Gefühl. Freundlich willkommen geheißen wurde sie nicht. Ihr neuer Arbeitsplatz war alles andere als einladend. So hatte sie sich das nicht vorgestellt. Ihre Euphorie war dahin, ihre Pläne und Hoffnungen. Da stand sie wieder mal vor einigen Scherben ihres Lebens.

Dennoch ging sie am Montag hin. Sie machte ihre Arbeit. Es machte keinen Spaß, aber es ging. Nach und nach lernte sie ihre Kollegen kennen. Freundete sich mit zweien an. Sie verstand mehr und mehr, was sie am Anfang so abgeschreckt hatte. Nach einer Weile gefiel es ihr gar nicht mehr so schlecht. Sie fasst Mut. Zwei Steinchen hatten sich zusammengefügt. Dabei wusste sie: So manche Scherben, Bruchstücke würden auch in Zukunft auf sie warten.

Wie gehen wir um mit den Scherben, den Bruchstücken unseres Lebens? Oft suchen wir nach Antworten: Warum ist die Beziehung gescheitert? Warum habe ich meinen Job verloren? Warum gerade ich? Warum musste mein Mann, mein Vater, meine Schwester so früh schon sterben? Was ist ungelöst? Was hätte anders laufen sollen? So viele Fragen und so wenig Antworten, die wirklich weiterhelfen.

Einer, der die Scherben aufnimmt, ist Jesus Christus.

Ich lade Sie ein, sich einmal das Scherbenkreuz vor der blauen Wand anzusehen. Es entstand vor einigen Jahren im Rahmen eines „Aufgeweckt“-Gottesdienstes. Viele Scherben sind dort zu sehen. Bruchstückhaft spiegeln wir uns darin. Scherben unseres Lebens, Bruchstücke aus dem Leben anderer. Doch diese Stücke liegen nicht am Boden. Sie sind gehalten am Kreuz. In Christus sind sie zusammengefügt. Es ist auch nicht so, dass wir die Brüche nicht erkennen, aber doch sind sie wieder eins in ihm.

 

Ein buntes Steinchen halte ich in meiner Hand, vielleicht ein Bruchstück meines Lebens. Es gehört zu einem großen Ganzen. Jesus Christus hält auch mein Leben in der Hand. Gott sagt „Ja“ zu mir und meinem Leben. In der Taufe hat er sich mit uns ein für alle Mal verbunden und er verlässt und nicht, nie mehr. Als Erinnerung daran nehmen Sie das bunte Steinchen mit nach Hause, stecken es in Ihre Jackentasche oder ins Portemonnaie. Vielleicht hilft es, sich ab und an daran zu erinnern, dass wir von Christus gehalten sind. Enden möchte ich heute mit einem berühmten Text aus dem Heidelberger Katechismus, der es noch einmal auf den Punkt bringt:

Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?

Dass ich mit Leib und Seele

im Leben und im Sterben nicht mir,

sondern meinem getreuen Heiland

Jesus Christus gehöre. (Röm 14, 8, 1. Kor 6, 19, 1. Kor 3, 23)

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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