Predigt am 2. Sonntag nach Trinitais (21.06.20) über Matthäus 11,25-30 von Kerstin Strauch

Schlaue Sätze. Kluge Reden. Einflussreiche Worte. Machthaber.

Genau das hat Jesus nicht im Blick, als er seinen himmlischen Vater mit folgenden Worten lobt:

Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart. Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will. (Mt 11,25-27)

Nicht die Weisen und Klugen erkennen, wer Jesus ist und was Gott will, sondern die Unmündigen.

Jesus stellt die Welt auf den Kopf. Er ist ein Rebell, ein Revoluzzer in den Augen vieler Machthaber der damaligen Zeit. Nicht umsonst wird er verfolgt. Ein System könnte durch ihn ins Wanken geraten. Wer will das schon?

Bei uns ist ein System ins Wanken geraten. Wir haben es in den vergangenen Monaten erlebt. Wer ist relevant für unser System, wurde immer wieder gefragt. Und plötzlich wurde klar: Nicht die Machthaber, die mit klugen Worten und vielen Reden, sorgen fürs Überleben, sondern die, die normalerweise nicht im Blick sind. Ich würde sie nicht als die „Unmündigen“ bezeichnen. Aber doch die, die einen Job machen, der oft nicht so honoriert wird: die Männer und Frauen der Abfallwirtschaft, die Pflegenden in Krankenhäusern und Heimen, in den Pflegediensten, Verkäuferinnen und Verkäufer, natürlich auch Ärztinnen und Ärzte, aber auch alle, die mit Betreuung und Erziehung von Kindern zu tun haben, Hausarbeit verrichten, zuhören, da sind, begleiten. Viele sind schlecht bezahlt, machen ihre Arbeit trotzdem gerne. Wie wichtig sie sind, haben die letzten Monate gezeigt. Bleibt abzuwarten, ob das zukünftig auch honoriert wird.

Für Jesus sind alle systemrelevant, die ihr Herz öffnen für seine Worte. Und so spricht er folgende Einladung aus: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht. (Mt 11,28-30)

„Kommt her zu mir alle!“ Damit sind Sie gemeint! Alle sollen kommen – ohne Ausnahme. Das ist mehr als eine allgemeine Einladung nach dem Motto „wer kommt, der kommt“. Es ist eine Aufforderung, sich auf den Weg zu machen. Was hält uns ab?

„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ In der Übersetzung der Basisbibel klingt das so:  „Kommt zu mir, ihr alle, die ihr euch abmüht und belastet seid! Bei mir werdet ihr Ruhe finden.“

Mühselig und beladen, abgemüht und belastet – ja, das kenne ich! Wie schnell ist dieses Gefühl da. Ich bin einfach müde, geschafft, die Arbeit liegt wie ein Berg hinter und vor mir. Oder die Sorgen drücken, Trauer beschäftigt mich, Einsamkeit quält. Es gibt so viele Gründe, mühselig und beladen zu sein. Nicht umsonst höre ich oft: „Jeder hat sein Päckchen zu tragen.“ – Ja, und manchmal ist es eben nicht nur ein Päckchen, sondern ein ganzes Paket, eine schwere Last.

„Kommt, kommt her zu mir!“, sagt Jesus. „Gerade du, der du so schwere Last trägst und dir Sorgen machst, komm her! Ich will dich erquicken, will dir Ruhe schenken!“

Endlich zur Ruhe kommen, auftanken, Kraft finden. Das sollte nicht nur eine schöne Vorstellung sein. Das braucht jede und jeder, regelmäßig, um weiterzumachen, um zu überleben.

Dieser Satz von Jesus trifft es genau. Jesus macht klar, dass er uns die Last nicht abnehmen kann. Und das entspricht ja auch unserer Erfahrung. Aber er kann Ruhe schenken und mitgehen auf unserem Weg. Er kann Lasten mittragen, indem wir uns ihm anvertrauen.

So kann es gehen:

Bei Jesus ankommen. Ihm vertrauen.

Loslassen. Meine Belastungen, Sorgen, Qualen – für einen Moment.

Bei ihm sein lassen.

Ruhe finden. Frieden. Erquickt werden.

Das tut gut.

Und Jesus führt aus, wie das mit der Ruhe, dem inneren Frieden funktionieren kann. Er sagt: „Nehmt das Joch auf euch, das ich euch gebe. Lernt von mir: Ich meine es gut mit euch und sehe auf niemanden herab. Dann wird eure Seele Ruhe finden. Denn mein Joch ist leicht. Und was ich euch zu tragen gebe, ist keine Last.“ (Basisbibel Mt 11,29-30)

Eigentlich will ich kein Joch tragen. Kein schweres, aber auch kein leichtes. Ich will mich nicht wie ein Ochse vor den Karren spannen lassen. Das ist kein schönes Bild. Und doch kann ich es nicht abschütteln:

Wir reden oft vom Eingespannt sein. Ich bin eingespannt im Beruf, in der Familie, im Ehrenamt. Ich lasse mich einspannen für allerlei Aufgaben und Dienste. Manchmal ist der Bogen dann auch überspannt und ich fühle mich von der Last erdrückt.

Das Bild vom Joch zeigt, dass Jesus diese Erfahrungen kennt und ernstnimmt. Auch wenn ich kein Joch tragen will, ich komme nicht drumherum. Das Joch ist vielleicht das „Päckchen (oder Paket)“, das ich zu tragen habe. Jetzt kommt es darauf an, wie ich es trage. Hören wir auf den Lehrer Jesus, der sagt: Lernt von mir! Seht nicht auf jemanden herab. Seid demütig! Dann findet ihr Frieden.

Ganz im Sinne der jüdischen Tradition erleben wir Jesus hier als Rabbi, als Lehrer. Er nimmt Worte aus dem Buch Jesus Sirach auf. Dort ist zu lesen: „Kommt her zu mir, ihr Unerfahrenen, und geht bei mir in die Schule! Beugt euren Nacken unter das Joch der Weisheit. Seht mich an: Ich habe eine kleine Zeit Mühe und Arbeit gehabt, und habe großen Trost gefunden.“ (Sirach 51,31.34-35)

Gottes Weisheit wird hier gelobt und der Sprecher redet von der Erfahrung, die er mit dieser Weisheit gemacht hat und die er gerne weitergeben möchte. Jesus redet und handelt in genau dieser Weisheit, in der Kraft Gottes. Sie hilft, das Joch des Lebens zu tragen. Sie zeigt uns Wege, dass das Joch leicht ist und wir Frieden finden.

Wie das gehen kann, erfahren wir im Fortgang des Matthäusevangeliums. Nachdem Jesus das gesagt hatte, spaziert er mit seinen Jüngern durch ein Kornfeld. Sie haben Hunger und schneiden ein paar Ähren ab, um satt zu werden. Doch es ist Sabbat und nach jüdischen Gesetz verboten, so etwas zu tun. Genauso sind Heilungen am Sabbat untersagt. Doch Jesus lässt sich davon nicht zurückhalten und macht einen Menschen mit einer verkrüppelten Hand wieder gesund. Die Gesetzeshüter machen ihm Vorwürfe und überlegen sich, wie er zu bestrafen sei. Doch für Jesus zählt nur eins: der Mensch und die Liebe zu Gott und den Menschen. Das ist für ihn Richtschnur seines gesamten Tuns. Das macht sein Joch leicht, denn es zeigt, dass alles, was wir tragen müssen, einem guten Zweck dient, wenn wir es aus Liebe tun. Das ist die Lektion. Das will der Rabbi Jesus vermitteln.

Ein System wird nicht durch Gesetze und Verordnungen am Leben erhalten. So funktioniert es nicht.

Ein System lebt von den Menschen, die in ihm Leben, die füreinander da sind, helfen, lieben, lachen, Frieden finden. Darum geht es.

Nicht einfach. So vieles liegt im Argen. Immer wieder erschüttert. Jesus sagt:

Komm zu mir! Gerade du, jetzt, wo die Last dich drückt! Komm! Ich will deiner Seele Ruhe schenken, dir Frieden verschaffen. Du kannst aufatmen. Trage das Joch, aber trage es leicht – so wie ich.

Lass der Liebe Raum. So wie ich.

Amen.

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