Predigt am 3. Sonntag nach Trinitatis über Micha 7,18-20 von Kerstin Strauch

Aus dem kleinen Buch Micha kennen wir eigentlich nur drei Textstellen:

  • Micha hat eine Vision vom künftigen Friedensreich und beschreibt dort, dass „Schwerter zu Pflugscharen“ umgeschmiedet werden (Mi 4,3)
  • Er kündigt den Friedensherrscher an, der aus dem kleinen Ort Bethlehem kommen wird (Mi 5,1). Diesen Text lesen wir regelmäßig in der Adventszeit.
  • Und er fasst Gottes Gebot in sehr prägnanter Weise zusammen, indem er sagt: Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. (Mi 6,8)

Der Rest des Buches Micha ist über weite Teile eine große Gerichtsrede. Dort ist von Fehlverhalten und Strafe die Rede, vom Unheil über die Städte in Juda und Israel.

Der Predigttext für den heutigen 3. Sonntag nach Trinitatis ist der Schluss dieses Prophetenbuches. Hören Sie selbst, wie das Buch Micha im 7. Kapitel endet (Micha 7,18-20):

18 Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade!

19 Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.

20 Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.

 

Kennen Sie einen Micha oder Michael oder eine Michaela? Das ist ein bekannter und beliebter Name, aber seine Bedeutung dürfte wahrscheinlich noch nicht einmal allen Michas oder Michaels oder Michaelas klar sein. Micha heißt auf Hebräisch: „Wer ist wie JHWH?“ und Michael/Michaela bedeutet fast dasselbe: „Wer ist wie Gott?“

Der Name ist eine rhetorische Frage: Wer ist wie Gott? Natürlich keiner!?! Gott ist größer als alles, was wir uns vorstellen können. Seine Sicht auf uns und unsere Welt – seine Schöpfung – geht tiefer und weiter. Seine Möglichkeiten sind unendlich.

Daran erinnern uns alle Michas, Michaelas, Michaels dieser Welt. Und daran knüpfen auch die letzten Verse des kleinen Prophetenbuches an, die mit der Frage beginnen: „Wo ist solch ein Gott, wie du bist?“

Wie schnell ist es passiert. Ein böses Wort, ein falscher Blick, ein Gespräch, das in die verkehrte Richtung läuft. Am Ende habe ich ein ungutes Bauchgefühl. Oft sind unsere Gefühle ein guter Marker dafür, dass etwas aus den Fugen geraten ist. Wir fühlen uns schlecht, ein Kloß im Hals, ein Drücken im Bauch, es ist etwas nicht in Ordnung. Aber gesagt ist gesagt und getan ist getan. Manchmal würde ich die Zeit gerne zurückdrehen, etwas ungeschehen machen. Aber das geht nicht. Und das fühlt sich nicht gut an. Mit Streit und Verletzungen zu leben, tut nicht gut. Es belastet uns. Ich erlebe immer wieder, dass Menschen mir davon berichten, dass zwischen Ihnen und Ihren Geschwister, Eltern oder sogar Kindern Funkstille herrscht. Manchmal ist gar nicht ganz klar, was die Ursache war. Oft aber kam eins zum anderen und irgendwann war der Tropfen da, der das Fass zum Überlaufen brachte. Die Verletzungen waren so groß, dass nichts mehr ging. Und so ging man auf Abstand – aus Angst, es werde nur noch schlimmer, aus einer Ahnung, man können eh nichts mehr retten oder einfach aus Ärger und Wut. Die meisten Menschen lässt es aber nicht los, in so einer Spannung zu leben. Da ist ein Mensch, der mir sehr nahe stand, und irgendwie wird er immer zu mir gehören. Aber es geht nicht mehr. Wie gerne würde ich die Zeit zurückdrehen. Vielleicht ließe sich so einiges anderes machen. Aber gesagt ist gesagt und getan ist getan.

Die Sehnsucht bleibt. Sehnsucht nach Frieden und Glück, Sehnsucht nach Anerkennung und Gerechtigkeit. Danach strebe ich. So vieles liegt nicht in meiner Hand. Aber ich bemühe mich. Ich höre die Wort von Micha: Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. (Mi 6,8)

Vieles mache ich, bewusst oder unbewusst, weil ich Gutes tun will und mir die Anerkennung gut tut. Meine Erwartungen sind groß, denn die Latte hängt hoch. Habe ich an alle gedacht, keinen aus dem Blick verloren? Wie sieht es in meiner Familie aus? Bin ich genug für alle da? Achte ich auf faire Produktion beim Einkaufen, vermeide ich Müll, nutze ich umweltfreundliche Verkehrsmittel? Setze ich mich für andere ein, stehe mutig auf, wenn jemand etwas Rassistisches sagt? Halte ich mich an die Corona-Verordnungen – auch jetzt nach Wochen noch – und nehme sie ernst?

Manche werden einige dieser Fragen sehr ernst nehmen, andere gehen es lockerer an. Aber gerade die, die sich besonders für andere einsetzen, deren „soziale Ader“ stärker ausgeprägt ist, nehmen das Doppelgebot der Liebe sehr ernst. Und das geht oft auch über unsere Kräfte. Wir werden schuldig, weil wir es nicht schaffen. Ich fühle mich nicht gut. Ein Kloß im Hals, eine Dauerermüdung und immer wieder das Gefühl, noch nicht genug getan zu haben.

Manchmal würde ich einfach gerne abtauchen. Alles hinter mir lassen. Raus. Weg. Kennen Sie diese Phantasien? Es ist ein Fluchtimpuls, der von einem menschlichen Urinstinkt herrührt. Wenn einer sagte „Ich gehe nur mal kurz Zigaretten holen“, war das früher ein geflügeltes Wort für so eine geplante Flucht. Und klar – auch heute gibt es solche Aussteiger, die auf einmal plötzlich verschwinden und irgendwo ein ganz neues Leben anfangen. Ich denke, das ist eine sehr unfaire Lösung für alle, die zurückbleiben. Weglaufen ist schwierig. Denn vieles holt mich wieder ein. Ich bin ja immer noch Ich und meine Gefühle, Gedanken und Erinnerungen bleiben ein Teil von mir.

Ein stetes Ringen um Anerkennung, um Gerechtigkeit, um Liebe – darum geht es immer wieder in der Menschheitsgeschichte und davon erzählt auch die Bibel. Abraham gilt als der Urvater der Gerechtigkeit. Er war sogar bereit, seinen Sohn Isaak für Gott zu opfern. Wie grausam ist diese Vorstellung! Diese Geschichte zeigt die extreme Spannung zwischen Gerechtigkeit und Anerkennung, zwischen Vertrauen und Verzweifeln. Und da ist Jakob, der später Israel genannt wird. Er war so gar nicht gerecht, ein Betrüger und Lügner, der sich mit seinem Bruder Esau überwarf, weil er ihm wirklich viel Unrecht angetan hatte. Und Gott hält zu ihm. Trotz allem. Und macht Jakobs Familie zu einem großen Volk – Israel. Von dieser Erfahrung berichtet Micha, wenn er schreibt: Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.

Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast. (Mi 7,18-20)

Wir können nicht einfach abtauchen und fühlen uns oft zerrissen zwischen unseren eigenen Ansprüchen, unserer Sehnsucht nach Anerkennung und Frieden, nach Liebe und Gerechtigkeit. Gott ist anders. Er taucht nie ab, aber er wirft sie in die tiefsten Tiefen des Meeres: unsere Schuld, alles, was uns von ihm trennt. Er kann das und er schafft es auch.

Bei ihm müssen wir uns nicht abstrampeln. Er sieht in unser Herz. Er weiß, wie wir es meinen. Er erkennt, ob wir in eine falsche Richtung laufen und macht sich auf die Suche nach uns. Er erwartet uns wie der Vater den verlorenen Sohn. Und seine offenen Arme halten uns. Gott will nicht, dass wir uns verlieren in unseren Sorgen und Anstrengungen, in Ängsten und Erwartungen. Gott findet uns bei dem, was wir denken und tun. Lasst euch finden! Lasst euch in die Arme nehmen. Gebt Gott das, was euch so schwer ist, vertraut ihm an, was ihr loslassen könnt, damit er es wegwirft in die tiefsten Tiefen des Meeres. Damit es nicht mehr auftaucht. Darauf ist Verlass. Und natürlich wird immer wieder Neues auftauchen, aber damit könnt ihr genauso verfahren. Gott ist da und seine Arme sind offen. Immer.

Er freut sich, wenn wir zu ihm kommen. Immer wieder können wir umkehren und den Weg zu ihm suchen. Unser Leben ist keine Einbahnstraße. Und bei jedem Michael, jeder Michaela, die uns begegnen, klingt vielleicht die Frage mit „Wer ist wie Gott?“. Gott wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. Schweres Loslassen – Neuanfangen – bei Gott sein. Es geht, wenn ich es will.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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