Predigt am Sonntag Exaudi (16.05.21) über Johannes 7,37-40 von Volker Strauch

Der Predigttext für heute steht im siebten Kapitel des Johannesevangeliums:

Aber am letzten Tag des Festes, der der höchste war, trat Jesus auf und rief: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!

Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.

Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da; denn Jesus war noch nicht verherrlicht.

 

Liebe Gemeinde!

Jesu Predigten haben es in sich. In nur zwei Sätzen sagt er alles, was zu sagen ist:

Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!

Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.

Dieses Bild steckt voller Leben! Ströme lebendigen Wassers fließen – ein Bild des Überschusses, des Übervollen. Ein Bild voller Energie und Bewegung, voller Frische und Erfrischung, ein Bild, das wir in dieser Zeit der Pandemie gut gebrauchen können und nachdem wir uns sehnen.

Damals in Judäa muss dieses Bild noch mehr Eindruck gemacht haben, weil Wasser überall knapp war. Auch heute leidet der Nahe Osten unter großer Trockenheit – Wasser ist ein begehrtes und wertvolles Gut.

Wie kommt Jesus auf dieses Bild?

Jesus ist mit seinen Jüngern gerade in Jerusalem. Dort wird das Laubhüttenfest gefeiert – ein Fest, bei dem man Gott für die eingebrachte Ernte dankt. Das Volk Israel erinnert sich an seine Wüstenzeit nach dem Auszug aus Ägypten. Damals war es mit Mose vierzig Jahre lang in der Wüste unterwegs gewesen, bis es schließlich nach Kanaan kam. Die Zeit in der Wüste war schwer. Oft hatten die Menschen gehungert und vor allen Dingen Durst gehabt. Doch Gott hatte die Menschen bewahrt und sie stets gerettet. Daran erinnert sich Israel jetzt, beim Laubhüttenfest. Dazu wird jeden Tag eine Wasserspende vorgenommen. In einem goldenen Krug wird Wasser aus der Siloa-Quelle zum Tempel gebracht. Frisches Wasser – ein Zeichen für Lebendigkeit, ein Zeichen für Gottes Bewahrung. Als der Krug an den Menschenmassen vorbeizieht, steht Jesus auf und ruft:

Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!

In diesem einen Satz zeigt Jesus, wer er ist und was er für die Menschen bedeutet. Jesus ist die Quelle, die nie versiegt. Seine Botschaft ist lebendig wie ein erfrischender Strom. Alle sollen es hören, alle sollen es wissen. Jesus fordert uns auf: Kommt zu mir und trinkt, wenn ihr Durst habt. Ich lade alle ein!

Wie gut tut solch ein Satz. Es ist genug für alle da, herzlich eingeladen sind wir, niemand muss etwas mitbringen, ganz im Gegenteil, alle werden beschenkt, erfrischt und ermutigt.

Es gibt viele Momente, in denen wir so eine Erfahrung herbeisehnen. In denen wir auf der Suche sind nach dem, was uns erfüllt und erfrischt. Wie oft fühlen wir uns ausgetrocknet und leer.

So geht es auch einer jungen Frau. Sie sitzt alleine auf einer Parkbank, vor sich ihr Baby im Kinderwagen. Es schreit und streckt die Arme aus. Doch die Frau rührt sich nicht. Sie hat keine Kraft mehr, das Kind aus dem Wagen zu nehmen und es zu trösten. Sie ist schon lange allein. Der Vater des Kindes ist schon vor der Geburt verschwunden. Er interessiert sich nicht für sein Kind, kann auch finanziell keine Unterstützung beisteuern. Die Frau schafft es nicht mehr alleine. Ihre Familie hat sich von ihr abgewandt, als sie von der Schwangerschaft gehört hat. Ihre Freunde haben ganz andere Interessen, Kinder haben da keinen Platz. So hat sie niemanden, und weiß nicht mehr weiter. Da hört sie den Satz: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!

Und dann? Was ändert das?

Es ändert eine Menge. Wer sich auf Jesu Angebot einlädt, weiß, dass er nicht alles im Leben alleine stemmen muss. Im Gegensatz zu Jesus sind wir keine Quelle nicht versiegender Kraft. Wir brauchen eine Quelle, wo wir uns erfrischen, wo wir auftanken können, um Kraft für den Alltag zu bekommen. Die junge Mutter lässt sich auf den Satz ein. Ihr wird klar, dass es Hilfe gibt und sie traut sich erstmals, danach zu fragen. Vor Gott kann sie sich eingestehen, dass sie nicht immer alles perfekt macht und trotzdem eine gute Mutter ist. Der Glaube hilft ihr, sich selbst und ihr Kind so anzunehmen, wie sie sind. Auch trifft sie auf Menschen in ihrer Familie, in ihrem Freundeskreis und hoffentlich auch in der Kirchengemeinde, die sie um Hilfe bitten kann. Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Dieser Satz ist für die junge Frau Wirklichkeit geworden.

Wie genau das mit den Strömen des lebendigen Wassers zu verstehen ist, erklärt uns der Evangelist Johannes. So heißt es weiter:

Das sagte Jesus aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da; denn Jesus war noch nicht verherrlicht.

Momentan befinden wir uns im Kirchenjahr in einer echten Zwischenzeit. Gerade haben wir Christi Himmelfahrt gefeiert. 40 Tage lang hatte Jesus nach seiner Auferstehung an verschiedenen Orten Menschen getroffen, sie ermutigt und bestärkt, auch nach seinem Tod weiter im Glauben zu stehen und das Evangelium weiterzutragen. Die Nachricht von der Auferstehung Jesu verbreitete sich wie ein Lauffeuer und wurde zu einer der Grundfesten unseres Glaubens: Gott hat Jesus nicht dem Tod überlassen, sondern ihn ins Leben gerufen. Der Tod hat nicht mehr das letzte Wort über uns, sondern ist nur ein Ereignis auf dem Weg, der uns zu Gott führt. Leben endet nicht mit der irdischen Existenz. Das heißt Glaube an die Auferstehung. Nachdem sich diese Kunde verbreitet hatte, fuhr Jesus auf in den Himmel. Er wurde von seinem Vater gerufen und kehrte zu ihm zurück. Mit der Himmelfahrt enden die Begegnungen mit dem auferstandenen Christus. Was aber kam dann?

Gott hat dafür gesorgt, dass wir Menschen nicht uns selbst überlassen sind. Er hat uns seinen Geist versprochen. Zehn Tage nach der Himmelfahrt feiern wir ans Pfingsten, dass Gott uns seinen Heiligen Geist geschenkt hat. Gerade befinden wir uns in den zehn Tagen dazwischen. Da erreicht uns das Wort aus dem Johannesevangelium:

Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen. Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da.

Es ist ein Ausblick auf das, was uns bevorsteht.

Durstig und ausgehungert nach Leben, nach Sinn, nach Orientierung erfahren wir bei Gott, was unserem Leben Sinn gibt, woher wir kommen, wohin wir gehen und was unser Leben ausmacht. Gottes Geist schenkt uns Kraft, jeden Tag neu. Jeden Tag neu lädt Gott uns ein, uns bei ihm zu erfrischen, unseren Durst zu stillen. Jeden Tag neu schenkt er uns seinen Geist. Wer dieser Einladung folgt, der wird selber zur Quelle lebendigen Wasser. Gottes Geist verleiht uns Kräfte, über uns selbst hinauszuwachsen.

So ging es auch der jungen Mutter, von der ich anfangs erzählte. Sie traute sich mehr zu, als sie sich auf die Worte Jesu einließ. Sie verharrte nicht in der Verzweiflung, sondern machte sich auf den Weg. Kraft dazu bekam sie aus ihrem Glauben. Sie war sich sicher: Was auch immer im Leben auf mich zukommen wird, Gott ist an meiner Seite.

Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!

Nehmen wir die Einladung an – nicht nur in den heißen Sommermonaten, sondern jeden Tag neu.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.

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