Predigt über Jeremia 9,22-23 am Sonntag Septuagesimae von Kerstin Strauch

So spricht der Herr: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums. Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der Herr. (Jer 9,22-23)

 

Gott, regiere du unser Hören und unser Reden durch deinen Heiligen Geist. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

worauf sind Sie stolz? Auf Ihren Beruf, Ihre Familie, auf Ihr Heim oder dass Sie in Ihrem Leben schon so vieles überstanden haben?

Das alles sind gute Gründe, stolz zu sein. Es ist eine wahre Freude, wenn die eigenen Kinder groß werden und wir als Eltern dabei das Gefühl haben: die werden ihren Weg gehen! Und da macht es einen Unterschied, ob die Zeugnisnoten so sind, dass ich mich nicht ständig sorgen muss. Oder wenn die Kinder zu Hause den Eindruck vermitteln, dass sie Verantwortung übernehmen können, sozial eingestellt sind und auch ansonsten mehr Grund zur Freude als zum Ärger bieten. Klar gibt’s Phasen, wo das auch anders ist – ich weiß wovon ich spreche – aber im Großen und Ganzen bleibt der Stolz auf den Nachwuchs.

Oder auch auf das Haus, was mit viel Eigeninitiative, Planung und Liebe zum Detail realisiert wurde. Anerkennung im Beruf, im Sport oder in anderen Bereichen ist wichtig. Wir zehren davon. Es macht etwas mit uns, wenn einer sagt: „Das hast du richtig toll gemacht! Da kannst du stolz auf dich sein!“

Stolz ist als nichts Verwerfliches. Er spornt uns an, hilft beim Ziele setzen und macht uns manchmal auch glücklich.

Wie stolz sind die Medaillengewinnerinnen und –gewinner in diesen Tagen bei Olympia. Und so viel Kritik es auch im Vorfeld zu diesen Olympischen Spielen in Peking gegeben hat – vieles davon ist absolut berechtigt – so zählt in dem Moment doch nur die eigene sportliche Leistung und das Erreichte. Und ehrlich: Ich bin auch immer ein bisschen mit stolz, wenn deutsche Sportlerinnen und Sportler gewinnen. Das ist ja schon komisch, denn ich habe ja überhaupt nichts dazu beigetragen.

Wir haben in dem kurzen Predigttext aus dem Jeremiabuch heute eine Ermahnung vor uns, die auf den Stolz und das Rühmen abzielt. Das wird von Gott verurteilt. Wir sollen uns nicht rühmen, nicht prahlen. Die Worte klingen hart und wer einmal den Text liest, der um diese kurze Passage drumherum steht, wird erschrecken, wie hart die Wort sind. Da wird auf das schärfste verurteilt und Gott geht hart ins Gericht mit seinem Volk und erst recht mit den Nachbarvölkern.

Es läuft überhaupt nicht gut in Israel. Das Volk sitzt im Exil, weitab der Heimat und ist unzufrieden. Die Menschen mussten ihre Häuser verlassen und noch einmal bei Null anfangen. Doch das stimmt nicht ganz: Sie hatten ja sich und sie hatten Gott, der nie von ihrer Seite wich! Doch gerade das haben sie vergessen. Mittlerweile ist etwas Ruhe eingekehrt und einige sind zu Reichtum und Ansehen gekommen. Sie prahlen, sie stellen sich über ihre Nachbarn: Seht, was ich erreicht habe! Das erzeugt Missgunst und Neid und stellt keine Basis für ein dauerhaftes friedliches Miteinander dar.

Wenn wir auf die Kriege dieser Welt blicken, geht es doch immer auch darum: Was ist in diesem Land zu holen? Gas, Erdöl, wertvolle Bodenschätze? Liegt es strategisch an einem wichtigen Ort? Und was bedeutet es für die politische Weltlandschaft, wenn ein Land dort eingreift? Ganz nach dem Motto: „Seht, wie stark und reich und hoch entwickelt ich bin! Ich kann das!“

Das darf und soll – um Gottes Willen! – nicht so sein. Und das bringt Gott hier auf den Punkt.

Er allein ist der Grund dafür, dass wir uns rühmen, prahlen, angeben sollen und können. Denn Gott ist der Grund dafür, dass es uns gibt!

Für ihn ist es egal, ob wir eine Millionen auf dem Konto haben oder notorisch in den Miesen sind. Er ist nicht glücklicher, wenn wir viele Diplome an der Wand haben. Er ist der Vater, der gerade den Gescheiterten wieder mit offenen Armen empfängt, der, der ihm Unrecht angetan, ihn bestohlen, beleidigt hat. Wie glücklich ist der Vater, als der verlorene Sohn zurückkehrt!

Gott ist dieser Vater. Darauf dürfen wir stolz sein und dessen können wir uns immer rühmen. Auf ihn können wir zählen, egal, wie es in unserem Leben läuft. Wir dürfen stolz sein auf unsere Kinder, Enkel, auf unsere Arbeit, die Wohnung, tolle Erlebnisse und Anerkennung. Was für ein Geschenk, wenn wir das erfahren dürfen. Gott sei Dank! Aber der Stolz und alle Dinge, die ich aufgezählt habe, machen uns in Gottes Augen nicht besser, nicht wertvoller. Er liebt uns so, wie wir sind. Jeden Tag, jede Stunde, auch wenn unser Herz irgendwann aufhören wird zu schlagen. Seine liebenden Hände lassen uns nicht los. Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit sind seine Sache. Wer sich auf Gott verlässt, ist niemals verlassen und muss nicht allein auf seine eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten trauen, sondern darauf, dass Gott das letzte Wort hat. Auch über uns.

Letztlich geht es um die grundsätzliche Einsicht: Woher kommen wir und wohin gehen wir? Enden möchte ich heute mit einem berühmten Text von Dietrich Bonhoeffer, der diese Frage äußerst eindrucksvoll beantwortet:

Wer bin ich?

Sie sagen mir oft, ich träte aus meiner Zelle gelassen und heiter und fest,

wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich?

Sie sagen mir oft, ich spräche mit meinen Bewachern frei und freundlich und klar, als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich?

Sie sagen mir auch, ich trüge die Tage des Unglücks gleichmütig lächelnd und stolz, wie einer, der Siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?

Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?

Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig, ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle, hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen, dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe, zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung, umgetrieben vom Warten auf große Dinge, ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne, müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen, matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Wer bin ich? Der oder jener?

Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?

Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler

Und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?

Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,

das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.

Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

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