Predigt über Jesus Sirach, 35, 16-22a am Sonntag Rogate von Prädikant Dr. Wolfgang Brendel

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unsrem Vater und unserm Herrn Jesus
Christus. Amen
Den Predigttext für den heutigen Sonntag finden wir im Alten Testament, Buch Jesus
Sirach, Kapitel 35, die Verse 16 bis 22A
(16) Er nimmt nicht gegen Niedrige Partei und er erhört das Flehen des Bedrängten.
(17) Er lässt nicht unbeachtet des Verwaisten Rufen noch auch die Witwe, wenn sie einfach klagt.
(18) Rinnt nicht die Träne auf der Wange nieder,
(19) und spricht nicht Seufzen gegen den, der sie verursacht?
(20) Die Bekümmernisse des Bedrängten finden Ruhe, des Armen lautes Rufen kommt zum Schweigen.
(21) Der Notschrei des Erniedrigten durchdringt die Wolken und lässt nicht nach bis er zum Ziele kommt. Er weicht nicht, bis der Höchste Nachschau hält.
(22) und Recht schafft als der gerechte Richter.

Herr, segne du unser Reden und Hören durch deinen Heiligen Geist.
Amen
Liebe Gemeinde,
das Gebet ist eine Ansprache für Gott. Jedoch erhalten wir auf unsre Anliegen nicht unmittelbar eine Antwort. So allmählich entdecken wir, welche Lösungen sich ergeben. Unsre Hoffnung, die sich aus dem Glauben erschließt, unterstützt uns, so zu Handeln. Dennoch gibt es Christinnen und Christen, die sich durchaus als gläubige Menschen verstehen, denen es im Gebet schwerfällt, die richtigen Worte zu finden.
Wie wir eben in der Lesung im Evangelium bei Matthäus gehört haben, sollen wir die richtigen Worte finden, Jesus sagt:
Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen.
Es bleibt die Frage: Was geschieht, wenn wir beten? Ist das ein abgehobenes Selbstgespräch auf einer Bühne mit Gott im abgedunkelten Zuschauerraum? Oder sollten wir eher an eine psychiatrische Praxis denken. Legen wir uns also beim lieben Gott auf die Couch und lassen unseren Gedanken, Ängsten und Wünsche freien Lauf – in der Hoffnung, dass sich dabei irgendetwas für uns klärt? Ich stelle mir das tatsächlich so vor, dass Gott einfach „da“ ist und alles sieht und hört, was wir tun. Es ist mein Partner, mein Freund, der mir beisteht. Jesus sagt: Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.
Zum Beten gehört auch eine bestimmte Körperhaltung. Betende stehen, sitzen oder liegen. Doch woran jeder Beobachter sofort den Betenden erkennt, sind die gefalteten Hände.
Ich denke an das Bild von Albrecht Dürer von den Betenden Händen. Ich habe es bei meiner Konfirmation geschenkt bekommen und es ziert noch heute mein Arbeitszimmer. Mit dieser Begleitung werde ich nach großer Freude, Enttäuschung und Angst immer wieder daran erinnert, du könntest beten. Das Bild begleitet mich bei meinen drei täglichen Gebeten. Am Morgen sage ich Dank für die Nacht, in der mich Gott wohl behalten hat und die Bitte für das Gelingen meiner Pläne für den Tag, der vor mir liegt. Beim Lesen der Herrenhuter Tagelosung erhalte ich oft eine Anregung, die mich während des Tages begleitet. Mit meiner Frau oder mit der Familie an Festtagen bete ich bei Tisch am Mittag. Wir bedanken uns für Gottes gaben und für die Speise. Für meine Mutter war es immer wichtig, dass das Tischgebet würdig, klar und deutlich gesprochen wird. Sie hat mich immer dann ermahnen müssen, wenn es meine Lieblingsspeise gab. Da kam ich schon mal aus dem Rhythmus. Beim Nachtgebet preise ich Gott für die Bewahrung am Tag und halte Fürbitte für alle Menschen, die mir am Herzen liegen.
Gerade am Muttertag denke ich an die vielen Mütter, die für ihre Kinder beten, die sich in einer Phase der Bewährung befinden, sei es in Schule und Ausbildung vor Prüfungen oder in einer persönlichen Notsituation. Natürlich gilt das auch für die Väter, aber wir denken heute besonders an die Mütter. Mir fallen die Frauen ein, die in Zeiten der Anfechtung für die Bewahrung ihrer Männer, Söhne und Töchter
gebetet haben. In Situationen während des Krieges, vor Aufenthalten in Krankenhäusern und Lazaretten beten sie für ihre Lieben, obwohl viele Menschen aus ihrer Umgebung diese schon aufgegeben haben. Was der Charakter des Gebets ist, kann man lange fortsetzen und vermutlich hätte jeder von uns hier seine eigenen Erfahrungen vorzutragen. Aber egal, wie unsre Einstellung dazu ist, an unserer Haltung zum Gebet zeigt sich zuerst und vor allem, wie wir über uns selbst denken. Dabei kommt es darauf an, ob ich allein unterwegs durchs Leben gehe, – oder wenn ich Glück habe und mit Menschen unterwegs bin, die mir etwas bedeuten und denen ich wichtig bin.
Zur Zeit, während der Pandemie fühlen wir uns doch alle irgendwie allein gelassen: Die endlos erscheinende Zeit der Isolierung, der wir wegen der Hygiene-Maßnahmen ausgeliefert sind, gibt uns häufig das Gefühl, verlassen zu sein. Damit stehen wir nicht alleine, das Gefühl verbindet uns mit den vielen Menschen, die bisher auf diesem Planeten gelebt haben und gestorben sind. Wie oft fühle ich mich als ein ganz kleiner Punkt auf dem Zeitstrahl der Ewigkeit auf der endlosen Karte des Universums. Doch die regelmäßige Teilnahme an Andachten im Streaming Dienst gibt mir jeden Tag wieder Hoffnung und bestärkt mich durch die Kraft des Glaubens: ich bin jemand, um dessen Existenz Gott weiß und den Gott so annimmt, wie er ist.
In dem Moment, in dem wir anfangen zu beten und sagen „Vater unser“, „Barmherziger Gott“ oder wie auch immer unser Gebet beginnen mag, öffnen wir eine Tür, halten wir es zumindest für möglich, dass Gott – dieses unendliche Wesen – auf uns aufmerksam ist. Das zu glauben braucht Mut, den Mut der Hoffnung oder den Mut der Verzweiflung, aus dem jedes Gebet geboren wird. Es gibt viele Menschen, die von sich sagen, dass sie an einen Gott oder ein höheres Wesen glauben. Diese Überzeugung stellt sich ein mit der Sinnfrage des Lebens, denn irgendeinen Grund muss es geben, dass wir da sind. Aber wenn ich bete, dann bin ich bereits einen Schritt weiter gegangen. Dann glaube ich, dass mein Schöpfer mich sieht und hört. Wenn ich bete, gehe ich einen Schritt über mich selbst hinaus. Allein deswegen sollten wir beten oder es zumindest versuchen, denn wer betet, begnügt sich nicht mit sich selbst. Er betrachtet sich von außen, er wechselt die
Perspektive.

Was wir sagen sollen, das erfahren wir in der Lesung. Die Jünger kommen zu Jesus und fragen ihn, wie sie beten sollen, weil sie das von allein genauso wenig können wie wir heute. Jesus lehrt seine Jünger, das Vaterunser zu beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Wir erfahren, dass sich beim Beten nicht alles um uns selbst dreht. Deshalb beginnen wir mit Gott. Damit ist eigentlich schon alles gesagt. Denn was kann man sich und der Welt mehr und Besseres wünschen als dass Gottes Wille geschehe!
„Dein Reich komme, dein Wille geschehe!“, das sollten wir eigentlich still vor uns hinsagen, während wi die Nachrichten anschauen oder die Zeitung lesen. Wenn da Präsidenten und Mächtige sich die Welt nach ihrem eigenen Gusto zurechtlegen, uns
einmal mit Kriegsdrohungen einschüchtern und dann wieder mit Friedensversprechungen in Sicherheit wiegen, dann steht dagegen klar und fest der Satz „Dein Wille geschehe“. Nein, nicht „America first“ oder irgend eine andere Formel der Selbstanbetung, sondern „Dein Reich komme“. Oft meinen wir in unseren Gebeten ja, wir müssten Gott Vorschläge machen, wie er denn handeln solle: Was er gegen die Hungersnöte auf der Welt tun und wie er der ökologischen Gefährdung entgegenwirken soll. Und dass er doch endlich Frieden schaffen möge in Gebieten wie in der Ostukraine, in Syrien oder Jemen. Menschen, die ausgemergelt sind von Hunger und Gewalt. An all das sollten wir tatsächlich auch denken und nicht unser Herz vor den grausigen Realitäten dort draußen
verschließen, auch nicht im schönen Pirmasens. Aber der Text zu diesen Gedanken ist nicht lang und gedrechselt, sondern ganz einfach: „Dein Wille geschehe!“ Wenn man das wirklich meint, wirklich will, und dabei nicht nur den lieben Gott einen guten Mann sein lässt, dann ist das der frömmste Satz, den man sagen kann. Denn erst, wenn wir diesen Satz ganz verinnerlicht haben, machen wir ernst damit, dass Gebete nicht nur Abziehbilder unserer eigenen Wünsche und Bedürfnisse sind. Diesen Satz
„Dein Wille geschehe“ betet Jesus selbst noch ein weiteres Mal, und zwar im Garten von Gethsemane in der letzten Nacht vor der Kreuzigung. „Lass diesen Kelch an mir vorübergehen, aber nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ Da wird dann auch deutlich, welche Konsequenz darin liegt, dass Gottes Wille geschehe. Aber auch wenn damit eigentlich alles gesagt ist, geht das Vater unser weiter und wird doch zum Bittgebet: „Unser tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern, und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“ Auf einen knappen Nenner gebracht geht es um alles,
was wir für Leib und Seele brauchen. Man könnte fragen, warum das so trist daherkommt. Vergebung, Versuchung, Erlösung – das sind doch ziemlich düstere Kapitel. Warum nicht „gib uns Freude, Geselligkeit, Harmonie und auch ein bisschen Spaß am Leben“, denn – mal Hand aufs Herz – das wollen und brauchen wir gerade jetzt während der Pandemie. Aber vielleicht ist das genau der Punkt: Um das Gute und Schöne im Leben kümmern wir uns von ganz allein. Da haben wir keine Not. Aber wir sind nicht immer Weltmeister, wenn es darum geht, das, was Freude und Nächstenliebe gefährdet, von uns fern zu halten. Darum brauchen wir Vergebung genauso wie das tägliche Brot. Ohne das eine verhungert der Leib, ohne das andere stirbt die Seele. Vergebung ist so etwas wie die Niere des inneren Menschen. Ohne sie wird er vergiftet. Aber diese Niere funktioniert nur, wenn nicht nur uns vergeben wird, sondern auch wir selbst anderen vergeben können.
Damit sind wir nun auch – endlich – bei unserem Predigttext angekommen. Auch da geht es darum, was ein Gebet ist und was es tut. Aber anders als das Vaterunser beginnt das Gebet hier nicht bei Gottes erhabenem Willen, sondern umgekehrt ganz tief unten, wo keine Vergebung und keine Erlösung vom Bösen ist. Dieser Text steht gar nicht in jeder Bibel, denn er gehört zu den sogenannten apokryphen Schriften – Texten, die zwischen dem Alten und dem Neuen Testament stehen. Hier, in unserem Text nun, spricht ein Weisheitslehrer mit Namen Jeschua ben Sira oder, wie wir ihn meistens einfach nennen, Jesus Sirach. Es ist ein langes Buch, in dem dieser Jesus
Sirach auch auf das Gebet eingeht – den Predigttext, den wir bereits gehört haben.
Bis hierher haben wir uns gefragt, was Beten eigentlich ist und was es soll. Und wir haben dabei an das Gebet als etwas Planvolles gedacht, für das wir Worte finden müssen und eine innere Haltung. Anders gesagt, wir haben das Gebet als etwas verstanden, das nicht nur Herz, sondern auch Hirn braucht. Aber dieser Jesus Sirach will uns auf eine etwas andere Spur führen. Für ihn ist Gebet nicht nur eine Sache des gläubigen Menschen, sondern vor allem des leidenden Menschen. Wo jemand in Not ist, wo jemand vor Schmerz oder vor Verzweiflung aufschreit, wird daraus ein Gebet, das zu Gott aufsteigt. Es ist ein Gebet ohne Worte, das für uns spricht, wenn wir selbst schon gar nicht mehr sprechen können. Dafür findet Sirach ein eindrückliches und kraftvolles Bild:
Ein solches Gebet durchbricht die Wolkendecke und ruft so lange zu Gott, bis er uns wahr nimmt. Sirach schreibt:
(12) Der Notschrei des Erniedrigten durchdringt die Wolken und lässt nicht nach bis er zum Ziele kommt. Er weicht nicht, bis der Höchste Nachschau hält.

Das Gebet rennt ihm sozusagen die Tür ein bis es erhört wird. Das Gebet ist die Kraft des leidenden Menschen, die gerade dann wirkt und mächtig ist, wenn wir am Boden zerstört sind. Ich finde das ist ein trostreicher Gedanke, denn das bedeutet, dass wir nicht nur an der Oberfläche mit mehr oder weniger gelungenen Worten beten, sondern aus der Tiefe unserer Existenz heraus – ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht. Es bedeutet auch, dass Gott nicht erst auf Empfang geht, wenn wir unsere Hände falten, und dass er wieder ‚auflegt‘, wenn wir „Amen“ sagen. Wenn unser Leben am Abgrund steht, am seidenen Faden hängt, wenn ihm Gewalt und Willkür angetan wird, dann fangen wir an, zu beten, und Gott wird es hören. Wir hören im Predigtext:
(18) Rinnt nicht die Träne auf der Wange nieder, (19) und spricht nicht Seufzen gegen den, der sie verursacht Tränen beten ebenso wie unschuldig vergossenes Blut, und Gott versteht ihre Sprache.

Zu alle dem muss man kein gläubiger Mensch sein. Was man sein muss, ist etwas, das jeder Mensch ist, nämlich Gottes Geschöpf. Und so steigen zu Gott die Gebete ohne Worte auf – aus den zerbombten Straßen von Aleppo, den Militärgefängnissen auf den Philippinen, aus Dürrezonen Afrikas, aus Krankenhäusern und Hospizen oder einfach aus gebrochenen Herzen und verwundeten Seelen, egal wo auf der Welt. Und ich denke mir, dass jetzt in dieser Minute und auch unserem Kreis solche Gebete ohne Worte aufsteigen und dass Gott da ist.
Vielleicht gibt uns das eine letzte Antwort auf die Frage, wie wir beten können. Diese Antwort ist, dass wir längst damit angefangen haben. Beten gehört in die DNA des Menschen als Geschöpf Gottes. Es ist da und es ist wirksam. Was wir lernen müssen ist, es auch an die Oberfläche kommen zu lassen, damit uns geholfen werden kann.
So heißt es in dem Predigttext:
Die Bekümmernisse des Bedrängten finden Ruhe, des Armen lautes Rufen kommt zum Schweigen.
Amen.

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