Predigt zum 19. Sonntag nach Trinitatis über Jesaja 38,9-20 von Kerstin Strauch

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater,  und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Hiskia ist König von Juda und hat eine schwere Krankheit überlebt. Die Krankheit war so schlimm, dass er eigentlich mit seinem sicheren Tod rechnete. Doch dann überlebt er – mit Gottes Hilfe. In einem Lied, was Jesaja überliefert, blickt Hiskia noch einmal zurück auf die Zeiten seiner Krankheit und seiner Gesundung. Hören wir, was Jesaja im 39. Kapitel überliefert:

Dies ist das Lied Hiskias, des Königs von Juda, als er krank gewesen und von seiner Krankheit gesund geworden war:

Ich sprach: In der Mitte meines Lebens muss ich dahinfahren, zu des Totenreichs Pforten bin ich befohlen für den Rest meiner Jahre.

Ich sprach: Nun werde ich nicht mehr sehen den Herrn, ja, den Herrn im Lande der Lebendigen, nicht mehr schauen die Menschen, mit denen, die auf der Welt sind.

Meine Hütte ist abgebrochen und über mir weggenommen wie eines Hirten Zelt.

Zu Ende gewebt hab ich mein Leben wie ein Weber; er schneidet mich ab vom Faden.

Tag und Nacht gibst du mich preis; bis zum Morgen schreie ich um Hilfe; aber er zerbricht mir alle meine Knochen wie ein Löwe;

Tag und Nacht gibst du mich preis. Ich zwitschere wie eine Schwalbe und gurre wie eine Taube.

Meine Augen sehen verlangend nach oben: Herr, ich leide Not, tritt für mich ein!

Was soll ich reden und was ihm sagen? Er hat’s getan!

Entflohen ist all mein Schlaf bei solcher Betrübnis meiner Seele.

Herr, davon lebt man, und allein darin liegt meines Lebens Kraft: Du lässt mich genesen und am Leben bleiben.

Siehe, um Trost war mir sehr bange. Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen, dass sie nicht verdürbe; denn du wirfst alle meine Sünden hinter dich zurück.

Denn die Toten loben dich nicht, und der Tod rühmt dich nicht, und die in die Grube fahren, warten nicht auf deine Treue; sondern allein, die da leben, loben dich so wie ich heute.

Der Vater macht den Kindern deine Treue kund.

Der Herr hat mir geholfen, darum wollen wir singen und spielen, solange wir leben, im Hause des Herrn!

Gott, segne unsere Hören und Reden. Amen.

 

 

Liebe Gemeinde,

„wie der Mittwoch kommt, der Donnerstag kommt, der Freitag kommt, kommt auch der Tag, dessen Datum du nicht liest in der Zeitung, dessen Kalenderblatt ein anderer abreißt.“ (Rudolf Otto Wiemer)

Keiner von uns weiß, wann es soweit ist. Und ich weiß nicht, was ich mir mehr wünsche: einen plötzlichen Tod oder ein Abschiednehmen können und eine Vorbereitung aufs Sterben. So oder so – es liegt nicht in meiner Hand.

Unter großem Schock schließt die Frau die Tür, durch die gerade zwei Polizisten hinausgegangen sind. Sie mussten die schreckliche Nachricht überbringen, dass ihrem Mann nach dem schweren Unfall nicht mehr zu helfen war. Er verstarb noch an der Unfallstelle. Die Worte hängen in der Luft, der Boden wankt unter ihren Füßen: Tod! Auf einmal, unvorhersehbar. Von einer Sekunde auf die andere ändert sich alles. Der Faden ist abgeschnitten.

„Gekämpft, gehofft und doch verloren“ steht über der Anzeige. Kurz der Diagnose hatten sie alle medizinischen Register gezogen. Termine beim Arzt, Krankenhausaufenthalte, Medikamente, psychosoziale Betreuung. Das Leben drehte sich um den Therapieplan. Irgendwann wurden die Rückschläge größer und die Ahnung wurde zur Gewissheit: die restliche Lebensdauer würde sehr begrenzt sein. Medizinische Dinge traten in den Hintergrund. Stattdessen wurde so viel wie möglich gelebt: Besuche von Freunden, gemeinsames Essen und vor allem die Nähe, das Gehaltensein und das schmerzhafte Abschiednehmen.

Der Tod ist unausweichlich. Das wissen wir alle. Und doch umgibt er uns nicht permanent. Wir sind Lebenskünstlerinnen und Lebenskünstler. Nach Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag kommt der Sonntag. Wir sitzen hier. Und morgen ist Montag. Das Leben hat seinen Rhythmus. Seinen Takt. Bis es aus dem Takt gerät.

In großer Not fleht Hiskia zu Gott. Er ist ein König, der sich immer schon zu Gott gehalten hat. Nicht alle seine politischen Handlungen waren klug gewesen. Aber seinen Glauben hatte er nie angezweifelt. Jetzt aber steht es schlecht um ihn. Ein Geschwür breitet sich in seinem Körper aus. Seine Kräfte nehmen ständig ab. Er sagt: In der Mitte meines Lebens muss ich dahinfahren, zu des Totenreichs Pforten bin ich befohlen für den Rest meiner Jahre. Nun werde ich nicht mehr sehen den Herrn, ja, den Herrn im Lande der Lebendigen, nicht mehr schauen die Menschen, mit denen, die auf der Welt sind. (VV. 8-9) Hiskia rechnet damit, dass er sterben wird. Aber er will es nicht akzeptieren. Er ist doch erst in der Mitte seines Lebens! So fleht er Gott an, bittet, bettelt. „Lass mich am Leben!“ Und Gott gewährt ihm 15 zusätzliche Jahre. Eine Generation in damaliger Zeit. Er wird weiterleben. Noch wird der Faden nicht abgeschnitten, sein Zelt nicht abgebrochen. Hiskia darf bleiben.

Liebe Gemeinde,

irgendwann kommt der Tag, dessen Kalenderblatt ein anderer abreißt. Das wissen wir. Das wusste auch Hiskia. Aber es soll nicht vorzeitig geschehen, nicht jetzt schon, nicht so früh!

Da ist ein 42jähriger Covid-Patient auf der Intensivstation der Berliner Charité. Die Pflegerinnen und Pfleger, Ärztinnen und Ärzte tun alles medizinisch und menschlich Mögliche, um den Familienvater zu retten. Seine Frau ist jeden Tag bei ihm. Sie sitzt an seinem Bett, hält seine Hand, redet mit ihm, auch wenn er sediert ist. Sie singt wundervoll – Nacht für Nacht. Sie betet unaufhörlich. Die Situation verschlimmert sich. Er stirbt. Die Frau ist unendlich traurig, gleichzeitig hört sie nicht auf, Gott zu loben und ihm zu danken für die Begleitung und all die Patienten, die überlebt haben.

Was für eine Größe! Was für eine Stärke! Ich weiß nicht, ob ich das könnte. Unzählige Gebete erreichen Gott Tag für Tag, Nacht für Nacht. Menschen wenden sich an ihn in größter Not, flehen um Rettung, um Heilung, ums Überleben. Nicht alle schaffen es. Manche sterben, andere nicht. Hiskias Gebet wurde erhört. Er durfte weiterleben. Der Mann auf der Intensivstation starb, obwohl für ihn unablässig gebetet wurde. Trotzdem fühlte sich seine Frau von Gott nie allein gelassen.

Wir werden keine Antwort darauf bekommen, warum manche Gebete erhört werden und andere scheinbar nicht. Diese Frage werden wir mitnehmen in ein Leben jenseits dieser Welt.

Gottes Antwort, die wir schon im Hier und Jetzt bekommen, begegnet uns mit menschlichem Angesicht in Jesus Christus. Er ging dem Leiden nie aus dem Weg. Er machte Menschen gesund an Leib und Seele. Er tat das durch Zuwendung, durch Gottes Kraft und durch Gebete. Menschen halfen ihm dabei, indem sie sich umeinander kümmerten. Heilung heißt nicht das Fehlen jeglicher Krankheiten. Heilung heißt, mit sich, mit Gott, mit seinen Mitmenschen und seiner Umwelt eins sein, heißt, im Frieden leben zu können. Denn der Tag, an dem ein anderer das Kalenderblatt abreißt, kommt für uns alle. Das heißt aber nicht, dass damit für uns alles aus ist. Unser Leben ist mehr, als das, was wir kalendarisch zählen können. Über allem Leiden, über Krankheit und Tod steht immer Gottes Zusage, bei uns zu sein. An dem Tag, an dem ein anderer das Kalenderblatt abreißt, brauchen wir keinen Kalender mehr, weil dann nur noch eines zählt: die Liebe und das Leben. Und so kann auch für uns gelten, was Hiskia sagt: Der Herr hat mir geholfen, darum wollen wir singen und spielen, solange wir leben, im Hause des Herrn!

Amen. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

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