Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis über Römer 12,17-21 von Volker Strauch

„Na warte, bis dein Vater nach Hause kommt!“ Diesen Satz haben unzählige Kinder und Jugendliche in ihrem Leben gehört und leider ist dieser Satz wohl bis heute nicht ausgerottet. Gerade hat es Zeugnisse gegeben. Und auch, wenn in diesem Schuljahr alles anders lief und die Lehrer nachsichtiger sein sollten mit den Zensuren, wird wohl auch der ein oder andere Schüler mit einem schlechten Zeugnis nach Hause gekommen sein. Woran es auch immer lag, Faulheit, Unzuverlässigkeit, Unverständnis, Überforderung, Desinteresse – Eltern sind dann oft enttäuscht von ihrem Nachwuchs. Manchmal mischt sich auch darein Wut und Zorn. „Warte, bis dein Vater nach Hause kommt!“, sagt eine Mutter, die mit ihren Kräften am Ende ist. Der Vater soll richten und zurechtweisen, damit der Sohn oder die Tochter wieder auf den richtigen Weg kommt.

Wenn einer dem anderen für ertragenes Unrecht selbst etwas Schlechtes antut, nennt man das Rache. Rachegefühle sind so alt wie die Menschheit. Ja, Rache ist etwas urmenschliches. Nicht umsonst heißt es auch „Rache ist süß“. Denn wer Rache nimmt, schafft sich für einen Moment Erleichterung. Schleicht sich da nicht ein Wohlgefühl ein, wenn der ungerechte Chef den wichtigen Umschlag mit dem neuen Vertrag nicht findet, weil er rein „zufällig“ in einen anderen Ablagekorb geraten ist? So oft hat er dich schon verantwortlich gemacht für Sachen, die er selbst verlegt hatte.

Oder ist es nicht ein super Gefühl, wenn dein Bruder die mit Schokoglasur überzogenen Hundekekse isst? Seine Schokolade teilt er nämlich nie mit dir, geht aber immer an deine Süßigkeiten ran.

Ja, Rache ist süß. Leider haben Psychologen in breit angelegten Studien herausgefunden, dass Rache nicht nachhaltig wirkt. Das erleichternde, gute Gefühl hält im Schnitt nicht länger als 10 Minuten an. Dann wird es wieder von anderen, negativen Gedanken verdrängt. Und oft hat Rache schlimme Folgen, nämlich dann, wenn sie nicht mehr süß ist, sondern gegen Gesetze verstößt und großen Schaden anrichtet.

Der Apostel Paulus war ein kluger Mann. Heute hören wir einen Abschnitt aus dem Römerbrief, der zeigt, wie viel Menschenkenntnis er hatte und wie er diese mit seinem Glauben in Verbindung setzt. Hören wir den heutigen Predigttext aus dem 12. Kapitel des Römerbriefes (VV. 17-21):

Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.

Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.

Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5.Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«

Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22).

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Lauter Imperative prägen den Text. Paulus sagt hier klipp und klar, was wir tun und lassen sollen. Manchmal sind solche konsequenten Ansagen nötig. Denn hier gibt es keine Grauzone. Hier gibt es nur eins: Gut und Böse.

Gut und Böse – das ist der Stoff aus dem gute Hollywoodfilme sind. Was wäre Star Wars ohne Darth Vader und Harry Potter ohne Lord Voldemort? In guten Krimis geht es immer darum, die Bösen dingfest zu machen. Wie unbefriedigend sind für mich die sonntäglichen „Tatorte“ mit offenem Ende, wo eben die Bösen zum Schluss überführt worden sind. Gut gegen Böse und das Gute siegt – daraus sind gute Geschichte, sind Blockbuster gemacht.

Rache ist nicht gut, sagt Paulus. Rache schadet. Wir sollen Gott die Rache überlassen. Er wird richten, was uns an Unrecht geschehen ist. Dazu zitiert Paulus einen Satz aus der Tora: „Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr.“

Wie aber dann? Wie können wir mit Menschen umgehen, die in unseren Augen böse sind? Hier hat Paulus eine konkrete Vorstellung. Er zitiert wieder aus dem Alten Testament, dem Buch der Sprüche, wenn er sagt: „Wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln.“

Der letzte Satz ist in unseren Ohren vielleicht verwirrend. Was soll das mit den feurigen Kohlen denn heißen? Im Hintergrund steht hier ein altes ägyptisches Ritual. Dabei wurde als Zeichen der Reue ein Becken mit glühenden Kohlen auf dem Kopf getragen. Wenn wir unsere Feinde, Menschen, die uns Böses wollen, gut behandeln, ihnen Gutes tun – trotz aller Rachegedanken – werden sie vielleicht ins Nachdenken kommen. Warum behandelt die mich so gut? Warum ist der mir nicht böse, wo ich ihm so etwas Blödes gesagt habe? Wer so ins Nachdenken kommt, vielleicht sogar beschämt über seine eigenen bösen Taten ist, wird zur Reue gelangen. Da kann ein Umdenken gelingen. Diesen Weg schlägt Paulus für alle vor, die Rachegedanken haben. Zugegeben – das ist eine ganze schöne Herausforderung, ein schwerer Weg. Ganz nach dem Motto Jesu: „Wenn dich einer auf die linke Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin.“ (Mt 5,39)

Dieser Satz klingt für viele naiv. Mit so einem Gutmenschen kann man es ja machen, der ist ein leichtes Opfer, immer mal drauf, der kann das ab. So aber ist der Satz nicht gemeint. Jesus und auch Paulus machen uns darauf aufmerksam, dass Rachegefühle uns in eine Endlosschleife von Gewalt und Eskalation bringen, die niemals aufhören wird. Wer dem anderen die rechte Wange hinhält, wer versucht, nicht Böses mit Bösem zu vergelten, der muss zunächst einmal seine Angst überwinden, um dem anderen zu begegnen. Wer Angst hat, will Rache und Vergeltung. Wer keine Angst hat, weiß, dass seine innere Stärke ihn befähigt, auch dem Bösen mit Respekt und ohne Gewalt zu begegnen.

Darin besteht die Herausforderung, die in folgendem Satz aus dem Römerbrief zusammengefasst ist:

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

„Warte, bis dein Vater nach Hause kommt!“ ist dann keine schlimme Drohung mehr (auch wenn ich den Satz nie so formulieren würde). „Warte, bis dein Vater nach Hause kommt!“ heißt dann:

  • Er ist für dich da, auch wenn du Mist gebaut hast.
  • Seine Arme sind offen, egal welche Entscheidungen du vorher getroffen hast.
  • Er ist gerecht. Er hört dir zu. Er zeigt dir den Weg.

So ein Vater will Gott für uns sein. Auch Jesus hat sich immer wieder an seinen himmlischen Vater gewandt – gerade in schlimmen Situationen. Er hat letztlich auch die größte Angst überwunden, die uns von allem trennt: die Angst vor dem Tod. Denn Gott hat den Tod besiegt. Der ist der größte Sieger über alles Böse. Deshalb braucht unsere Angst uns nicht mehr im Griff zu haben. Wir können aufatmen und frei leben, weil wir wissen: Gott ist für uns da. Er sorgt für uns und schafft Recht denen, die ihn fürchten. Und es tut gut, zu ihm nach Hause zu kommen.

Mit dieser Gewissheit schafft sich das Gute Raum in unserem Leben und auch wir können das Gute tun, brauchen nicht Böses mit Bösem zu vergelten. Es bleibt herausfordernd und schwierig, aber nicht unmöglich. Daher: Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.

So wird Gottes Reich Wirklichkeit, schon jetzt und hier, in diesem Moment.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

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