Predigt zum Palmsonntag (28.03.2021) über Hebräer 11,1-2 und 12,1-3 von Kerstin Strauch

„Bild dir deine Meinung!“ Mit diesem Slogan wirbt ein Boulevardblatt seit Jahren. Schlagzeilen und bunte Bilder, große Überschriften und oft sehr reißerische Themen sind das Erfolgsrezept dieses Blattes. Ohne Zweifel gehört dieses Medium seit Jahrzehnten zu den Meinungsmachern der Nation.

Bilder wirken für uns überzeugend. Da sehe ich praktisch direkt, was passiert ist. Dazu kommt dann oft noch der O-Ton von Betroffenen. Fertig ist das Bild, meine Meinung gebildet.

„Ich kann nur glauben, was ich sehen kann!“ ist ein Satz, den ich oft höre. Oder der: „Glaube ist doch Hokuspokus. Ich halte mich an wissenschaftliche Fakten.“

Wie schwierig das gerade ist, hat die vergangene Woche mal wieder gezeigt. Die Inzidenzwerte schnellen in die Höhe und trotzdem werden die Forderungen immer lauter, dass diese nicht der einzige Faktor im Kampf gegen die Corona-Pandemie bleiben können. Was aber dann? Impfzahlen, Schnelltests, Lockdown, wirtschaftliche Faktoren, Bildungschancen, Intensivbetten? So viele Argumente werden angeführt und wir merken immer wieder: Es gibt keinen Königsweg. Und vielmehr noch als die angeführten Fakten ist doch eines nach einem Jahr Corona deutlich zu spüren: Wir sind müde und ausgebrannt. Vielen fehlt die Perspektive auf ein Ende der Pandemie. Und das sind Dinge, die wir vielmehr fühlen als beweisen können.

Und so ist es letztlich das Prinzip Hoffnung, das uns antreibt und weitermachen lässt. Klar – auch die Hoffnung beruht auf manchen Fakten, aber nicht nur. Sie wird vor allem angetrieben durch ein Gefühl der Zuversicht, des Zusammenhaltens und der Durchhaltekraft. Letztlich geht es immer wieder um das Vertrauen, dass alles gut werden wird.

Und so passt der Predigttext für den heutigen Palmsonntag ausgezeichnet in unsere Zeit. Es ist ein Abschnitt aus dem 11. und 12. Kapitel des Hebräerbriefes. Dort heißt es:

Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. In diesem Glauben haben die Alten Gottes Zeugnis empfangen.

Darum auch wir: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns umstrickt. Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes.

Gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, dass ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst. (Hebr 11,1-2; 12,1-3)

Es ist ein Aufruf, den Mut nicht sinken zu lassen, das Vertrauen nicht aufzugeben und am Glauben festzuhalten. Wie das gelingt? Auch den Adressaten des Hebräerbriefes machte zu schaffen, dass sich der Glaube nicht anfassen, nicht begreifen, nicht beweisen lässt. Daher lässt der Autor des Briefes eine ganze „Wolke an Zeugen“ auftreten, die zeigen sollen, was aus Glauben geschieht. Er schreibt:

Durch den Glauben hat Abel Gott ein besseres Opfer dargebracht als Kain; […]  Durch den Glauben wurde Henoch entrückt, dass er den Tod nicht sehe, und wurde nicht mehr gefunden, weil Gott ihn entrückt hatte; denn vor seiner Entrückung ist ihm bezeugt worden, dass er Gott gefallen habe. Aber ohne Glauben ist’s unmöglich, Gott zu gefallen; […] Durch den Glauben hat Noah Gott geehrt und die Arche gebaut zur Rettung seines Hauses, […] Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam, als er berufen wurde, an einen Ort zu ziehen, den er erben sollte; und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme[…] Durch den Glauben empfing auch Sara, die unfruchtbar war, Kraft, Nachkommen hervorzubringen trotz ihres Alters; denn sie hielt den für treu, der es verheißen hatte. (Hebr 11,4-12)

Abel und Henoch, Noah, Abraham und Sara – sie und viele andere, die nicht ausdrücklich genannt werden, gehören zu dieser „Wolke der Zeugen“. Sie haben Dinge getan, die nur aus Glauben – mit viel Vertrauen und Zuversicht – möglich waren: Gegen allen Augenschein haben sie sich auf Gott eingelassen. Da baut einer ein Schiff, wo alle anderen die Augen vor der Realität verschließen. Da lässt sich einer ins Nirgendwo schicken, weil Gott sein Ziel im Blick hat. Da irrt einer ein Leben lang durch die Wüste, weil Gott Bilder von Milch und Honig malt.

Es ist eine andere Dimension des Lebens, die uns der Glaube eröffnet. Da bekomme ich ein Gespür, einen inneren Blick für Dinge, die von außen nicht zu erkennen sind. Da traue ich Gott zu, dass er mein Leben und das Leben der gesamten Schöpfung in Händen hält. Da sehe ich auch im Kreuz nicht die Schande, das Versagen und den furchtbaren Tod, sondern im Gegenteil: den Sieg des Lebens und den Grund unserer Hoffnung. So durchkreuzt der Glaube alles, was uns entmutigen und hoffnungslos machen will.

Sich auf den Glauben einzulassen, heißt, in der Dimension Gottes zu leben. Da traue ich dem Leben mehr zu als das, was nur augenscheinlich da ist. In Gottes Sicht der Dinge sind Versager Gewinner, hat Ausschuss Wert, liegt in der größten Niederlage der größte Sieg. Am Karfreitag spucke ich nicht verachtungsvoll auf einen Gott am Boden, sondern blicke auf zum Thron des Lebens.

Glaube schenkt uns einen neuen Blick auf das Leben, auf unsere Welt. Nicht immer ist dieser Blick klar und ungetrübt. Manchmal ist es ein Kampf, ein langer Lauf in großer Geduld. Aber es lohnt sich. Denn darauf will ich meine Hoffnung setzen: auf Gerechtigkeit und Frieden und dass am Ende alles gut wird. Und so laufe ich, jeden Tag, bitte Gott um Kraft zum Durchhalten, und um den Glauben, der mich trägt.

So bilde ich mir meine Meinung, indem ich versuche, einen Blick hinter die Dinge zu werfen, mit dem Herzen zu sehen. Da geht es nicht um reißerische Themen und große Aufmacher, sondern um leise Töne, um Geduld, um Ausdauer und immer wieder um Vertrauen. Das ist nicht leicht und auch immer wieder droht es, verloren zu gehen. Umso mehr möchte ich darum bitten und im Gebet daran festhalten. So ist der Glaube das Licht am Ende des Tunnels und das Fundament der Hoffnung. Darum: Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat. (Hebr 10,35)

Was für eine Belohnung auf uns wartet, besingt das Lied, was wir gleich von unserem Kantor hören. Da ist von Jerusalem als Sehnsuchtsort die Rede. Heute, am Palmsonntag, denken wir an Jesu Einzug in Jerusalem. Wir haben davon in der Evangeliumslesung gehört. Da kommt er, der Messias, und zieht in der Stadt Gottes ein. Hosianna! Und doch warten wir noch auf Gottes Reich, in dem Gerechtigkeit und Frieden sich küssen, warten auf das himmlische Jerusalem. Davon erzählt das Lied:

Ihr Mächtigen, ich will nicht singen eurem tauben Ohr.

Zions Lied hab ich begraben in meinen Wunden groß.

Ich halte meine Augen offen, liegt die Stadt auch fern.

In die Hand hat Gott versprochen, er führt uns endlich heim.

In deinen Toren werd‘ ich stehen, du freie Stadt Jerusalem,

in deinen Toren kann ich atmen, erwacht mein Lied.

In deinen Toren werd‘ ich stehen, du freie Stadt Jerusalem,

in deinen Toren kann ich atmen, erwacht mein Lied.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

Schreibe einen Kommentar

9 + neun =