Predigt zum Zweiten Advent (06.12.2020) über Jakobus 5,7-8 von Kerstin Strauch

„Du musst mehr Geduld haben!“ – wie sehr habe ich diesen Satz als Kind gehasst. Zugegen, ich bin ein eher ungeduldiger Mensch, schon immer gewesen. Ich mache Dinge lieber sofort, warte nicht gerne ab. Auch Neugier spielt eine Rolle. Wer neugierig ist, kann schlechter abwarten. Da ist der Advent schon eine besondere Herausforderung.

Doch von besinnlichem Warten ist auch in diesem Jahr nicht viel zu spüren. Denn obwohl durch die Pandemie alles anders ist, kommt Geschäftigkeit und Anspannung auf. Wie machen wir es denn an Weihnachten? Wie organisiere ich die Geschenke? Eigentlich könnte ich mir ja in diesem Jahr mal Zeit nehmen, persönliche Weihnachtskarten zu schreiben. Gegen das Plätzchenbacken spricht auch nichts und die Wohnung soll besonders zu Weihnachten im schönen Glanz erscheinen. Kurzum: Auch in diesem Jahr gibt es vor Weihnachten viel zu tun!

Warten, Abwarten kann unterschiedlich aussehen. Manche sind nervös und können das Warten kaum aushalten. Heute konnten viele Kinder das Aufstehen wahrscheinlich kaum erwarten, weil der Nikolaus den Stiefel gefüllt hat. Andere warten fast beiläufig und vergessen dabei manchmal, worauf sie eigentlich warten sollen. Wieder andere nutzen die Zeit des Wartens ganz bewusst, indem sie sich in Geduld üben. Das ist eine große Kunst.

Heute brennt die zweite Kerze am Adventskranz. Wir sind also schon mittendrin, in der Adventszeit. Sieben Tage liegen schon hinter uns. Da hören wir die Aufforderung zur Geduld aus dem Jakobusbrief:

Übt euch in Geduld, Brüder und Schwestern, bis der Herr wiederkommt!

Seht, wie der Bauer auf die köstliche Frucht seines Ackers wartet: Er übt sich in Geduld –so lang bis Frühregen und Spätregen gefallen sind.

So sollt auch ihr euch in Geduld üben und eure Herzen stärken.

Das Kommen des Herrn steht nahe bevor. (Jak 5,7f; Basisbibel)

Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Der Besuch kommt nicht schneller, wenn man vorher hundertmal anruft. Auch Krankheiten und Pandemien überwinden wir nicht durch Ungeduld.

Geduld ist eine lebenslange Übung. In der Adventszeit sollen wir uns in Geduld üben – bis zum Kommen des Herrn. Sein Kommen braucht Vorbereitung, dazu ist die Adventszeit da. Wir können nicht gleich vom Erntedankfest zum Totensonntag übergehen und direkt bei Weihnachten landen. Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde, heißt es im Buch Prediger (Pred 3,1). Und das stimmt! Wir sind keine Maschinen, bei denen man einfach einen Hebel umlegt und dann sind sie auf etwas anderes gepolt. In diesen Wochen vor Weihnachten stellen wir uns darauf ein, dass Gott als Mensch zu uns kommt. Dieser Satz ist so einfach gesagt, aber was heißt das für uns?

Darüber nachzudenken, ist Teil der Vorbereitung im Advent.

Gott kommt zu uns. Und sein Kommen ist nahe – sagt der Jakobusbrief. Damals, als dieser Brief geschrieben wurde, kannte man noch gar keine Adventszeit. Auch das Weihnachtsfest wurde noch nicht so gefeiert wie heute. Die Adressaten des Jakobusbriefes warteten darauf, dass Jesus ganz bald wiederkommen würde. Das hatte er doch gesagt! Doch es vergingen Jahre, Jahrzehnte, schließlich ein Jahrhundert und Jesus war noch nicht zurückgekommen. Dabei hatten es die ersten Christen nicht gerade leicht. Sie litten unter Verfolgung und Anfeindungen. Es war nicht einfach, zu seinem Glauben zu stehen. Kein Wunder, dass manch einer daran verzweifelte und nicht mehr warten konnte oder wollte. In dieser Zeit lebte Jakobus und will Mut machen. Er mahnt zur Geduld.

Dabei ist es gar nicht so einfach mit der Geduld. Da kommen Gedanken auf, die uns zum Zweifeln bringen: Ist das Warten überhaupt sinnvoll? Lohnt es sich? Worauf warte ich überhaupt? Was, wenn es doch ganz anders kommt?

Vor Weihnachten habe ich das Gefühl, dass wir unser Warten mit vielerlei Ablenkung ausschmücken. Da ist es wichtig, was gekocht und gebacken wird, wie die Dekorationen angebracht werden und was man noch alles so machen kann zur Vorweihnachtszeit. Warum machen wir das eigentlich? Gehört diese Geschäftigkeit zur Vorbereitung auf die Ankunft des Herrn? Ich befürchte, dass manche gar nicht mitbekämen, wenn Jesus plötzlich vor der Tür stünde und da wäre. Vielleicht kündigt er sich aber auch an. So ging es einem Mann, von dem folgende Geschichte erzählt:

Ein Mann erfuhr, dass Gott zu ihm kommen wollte. „Zu mir?“, rief er erschrocken. „In mein Haus?“

Er rannte durch alle Zimmer. Er lief die Stiegen auf und ab. Er kletterte zum Dachboden hinauf. Er stieg in den Keller hinunter. – Er sah sein Haus mit anderen Augen.

„Unmöglich!“, sagte er. „In diesem Saustall kann man keinen Besuch empfang. Alles verdreckt. Alles voller Gerümpel. Kein Platz zum Ausruhen. Keine Luft zum Atmen.“ Er riss Fenster und Türen auf. „Brüder, Freunde!“, rief er. „Helft mir aufräumen – irgendeiner! Aber schnell!“

Er begann, sein Haus zu kehren. Durch dicke Staubwolken sah er, dass ihm einer zur Hilfe gekommen war. Sie schleppten gemeinsam Gerümpel vors Haus, schlugen es klein und verbrannten es. Sie schrubbten Stiegen und Böden. Sie brauchten viele Kübel Wasser, um die Fenster zu putzen. – Und immer noch klebte der Dreck an allen Ecken und Enden. „Das schaffen wir nie!“, schnaufte der Mann. „Das schaffen wir!“, sagte der Andere. Sie plagten sich den ganzen Tag.

Als es Abend geworden war, gingen sie in die Küche und deckten den Tisch. „So“, sagte der Mann, „jetzt kann er kommen, mein Besuch! Jetzt kann Gott kommen. Wo er nur bleibt?“

„Aber ich bin ja da!“, sagte der Andere und setzte sich an den Tisch. „Komm und iss mit mir!“

Jesus Christus kommt leise, unbemerkt in unsere Welt. Wir brauchen ein feines Gespür dafür und vor allem eins: ein offenes Herz. Jesus klopft leise an, immer wieder. Aber es ist an uns, die Tür zu öffnen. Denn er wird kein ungebetener Gast sein. Warten – Geduld haben – achtsam sein – mit offenem Blick und offenem Herz durch die Welt gehen, das lehrt uns die Adventszeit. Es ist kein Warten ohne Ziel, denn das Versprechen gilt: Das Kommen des Herrn steht nahe bevor.

Der Jakobusbrief erinnert uns daran, wie wichtig die Geduld ist. Aber auch, dass ohne Geduld nichts wachsen kann.

Übt euch in Geduld, Brüder und Schwestern, bis der Herr wiederkommt!

Seht, wie der Bauer auf die köstliche Frucht seines Ackers wartet: Er übt sich in Geduld –so lang bis Frühregen und Spätregen gefallen sind.

So sollt auch ihr euch in Geduld üben und eure Herzen stärken.

Das Kommen des Herrn steht nahe bevor. (Jak 5,7f; Basisbibel)

Das Kommen des Herrn ist nahe! Mit dieser Perspektive lässt sich das Warten aushalten – auch für den ungeduldigsten Menschen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

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