„Stillstand ist der Tod, geh voran, bleibt alles anders.“
Was für ein Satz, liebe Gemeinde, ein Satz aus einem Lied von Herbert Grönemeyer. Ob man diesen Sänger mag oder nicht, spielt hier keine Rolle. Aber mit diesem Satz bringt er auf den Punkt, worum es an Pfingsten geht.
Wir haben die Geschichte gehört von den Ereignissen damals und erinnern uns, was davor geschah. Wann hat eigentlich alles angefangen? Mit der Geburt im Stall von Bethlehem, als Jesus auf die Welt kam? Oder noch davor? Ganz am Anfang. Als Gott beschloss, dass alles anfangen soll – mit der Welt, mit uns. Er sprach und es wurde. Alles geht auf Gott zurück. Er hat den Anstoß gegeben und dann kam in Bewegung, was er schuf.
Menschen kamen in Bewegung. Sie bewegten sich dort, wo es gut war und auch da, wo es nicht gut war. Gott hat ihnen die Wahl gelassen, denn Gott will, dass wir uns bewegen.
Sie bewegten sich und bauten einen Turm. Bis in den Himmel. Da – so dachten sie – kommen sie Gott ganz nahe. Und dann sind sie fast so wie er. Doch das hat nicht funktioniert. Sie haben nichts verstanden und sich dann auch selbst nicht mehr verstanden. Von da an war die Kommunikation gestört, untereinander und auch mit Gott.
Gott nahm einen neuen Anlauf. Er nahm Kontakt mit Abraham auf und setzte ihn in Bewegung. Und so nahm die bewegte Geschichte mit den Menschen ihren Lauf. Und ging immer weiter. Ging weiter, bis Gott beschloss, selbst als Mensch durch diese Welt zu gehen. Und da sind wir, in Bethlehem. Gott fing so an, wie wir alle angefangen haben. Als winziges Menschenkind. In Jesus Christus erlebte er die Welt aus menschlicher Perspektive. Als Jesus erwachsen war, ging er bekanntermaßen als Wanderprediger umher. Immer in Bewegung. Stillstand ist der Tod?
Ja, so war es. Irgendwann konnte Jesus nicht mehr weitergehen, weil er gefesselt und angenagelt wurde. Am Kreuz war alles aus. Die Zeit stand still. Jesus war tot.
Wer zuerst wieder in Bewegung geriet, waren die Frauen am Ostermorgen. Und so ging es weiter. Es blieb anders, aber es ging weiter. Jesus war nicht tot geblieben, sondern auferstanden und in den Himmel gefahren. Und jetzt 50 Tage danach sehnen sich die Jüngerinnen und Jünger danach zu bleiben. Sie bleiben im Haus. Sie bleiben zusammen an einem Ort. Sie bleiben da, wo nichts passiert. Vorerst.
Bleiben. Ankommen. Zur Ruhe kommen. Das klingt gut. Danach sehne ich mich auch. Ich male mir aus, wie das ist: Es ist der Zustand einer Routine. Die Arbeit ist so, dass ich sie Tag für Tag gut überschauen und erledigen kann. Die Wohnung ein Ort, an dem alles gut funktioniert – wenn mal was kaputt geht, dann lässt sich das schnell beheben. Nichts wirft mich aus der Bahn. Ich habe die Kontrolle. Das fühlt sich gut an.
Für eine gewisse Zeit. Doch auf Dauer bedeutet Stillstand keine Entwicklung, kein Voran.
Denn das ist Leben: neue Begegnungen, Menschen werden geboren und sterben, die Welt verändert sich in jedem Moment. Und ich werde mitbewegt – ob ich will oder nicht.
Die Jüngerinnen und Jünger saßen in diesem Haus, an einem Ort. Sie waren in Sicherheit, wollten wahrscheinlich einfach ihre Ruhe haben. Dann passierte es: ein Brausen, ein gewaltiger Wind, und Feuerzungen. Lukas, der Autor dieses Textes, verwendet Bilder, um das Unbeschreibliche zu vermitteln. Wie ist es, wenn der Heilige Geist wirkt? Was passiert?
Gedanken werden wie durch einen Sturm im Kopf oder einen leichten Windhauch verändert, Herzen fangen an für etwas zu brennen und es findet Kommunikation statt. Die Leute reden miteinander. Sie sprechen nicht über Belangloses, sondern über das, was sie wirklich bewegt.
Diese Szene von Pfingsten ist hier über der Kanzel aufgemalt worden. Wir sehen die Feuerzungen. Die Bewegung, die Flammen des Geistes. Ich lade euch ein, jede und jeder für einen kurzen Moment zu überlegen, in welchem Moment, bei welcher Situation du dich in den vergangenen Tagen bewegt gefühlt hast? Was hat dich inspiriert, dir neue Kraft verliehen?
„Stillstand ist der Tod, geh voran, bleibt alles anders.“
„Geh voran!“ ist die Botschaft von Pfingsten. Bleib nicht stehen. Der Geist lässt dich lebendig werden und du wirst merken: Auch das, was bleibt, wird anders. Denn wir sind immer in Bewegung und Gott mit uns. Das heißt, dass Veränderungen geschehen. Ich habe die Wahl, wie ich mich darin bewege. Gehe ich liebe in mein Zimmer, schließe ab, ziehe die Decke über den Kopf? Oder nehme ich meinen Mut zusammen und gehe weiter – mit Gottes Hilfe.
Mir hilft es darauf zu vertrauen, dass diese Kraft, dieser Mut, ein Geschenk ist. Manchmal kommt es als lautes Brausen daher, manchmal kaum wahrnehmbar als leiser Wind. Manchmal brennt etwas in mir und ich habe ein Ziel, für das ich mich einsetzen will.
Was passiert, wenn wir uns so bewegen, uns gegenseitig stärken und von Gottes Liebe erzählen, wusste schon der Prophet Joel im Alten Testament zu berichten: Die junge Generation wird Visionen von einer friedlichen, gerechten Welt haben und die Alten werden nicht aufhören, davon zu träumen. Gott wird seinen Geist immer wieder ausgießen, auf alle Menschen.
Dieses Bewusstsein, dass der Heilige Geist in jedem Moment meines Lebens wirken kann, verändert mich. Ich rechne damit, dass es gut wird, dass es Lösungen gibt und das letztlich Gerechtigkeit und Frieden sich durchsetzen werden. Wer so lebt, hat eine positivere Ausstrahlung. Ein hoffender, liebender, zuversichtlicher Mensch redet anders als einer, der aufgibt, resigniert und pessimistisch in die Zukunft blickt. Das heißt doch: Wir alle haben es in der Hand, wie wir in die Zukunft blicken. Gott schenkt seinen Heiligen Geist allen Menschen. Geschenke kann man annehmen oder nicht. Wir wissen in der Regel auch nicht genau, was drin ist. Eines aber erfahren wir aus der Pfingstgeschichte: Gottes Geist bewegt und setzt in Gang. Er lässt Herzen brennen und Menschen aufbrechen.
Gottes Geist wird mit uns gehen. Hört nicht auf zu träumen und in Bewegung zu bleiben. Bleibt in Kontakt, mit euch, mit den anderen und mit Gott. Denn auch das passiert an Pfingsten: Verständigung – über alle Unterschiede hinweg. Wo Menschen sich verstehen, wird kein Krieg mehr sein und kein Hass. Wir brauchen Gottes Geist. Damit das gelingen kann.
Amen.